zur Navigation springen

Spendenbetrug : Das fiese Geschäft mit dem Mitgefühl

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Weihnachten ist die Zeit der milden Gaben für Bedürftige. Doch nicht alle, die Spenden sammeln, tun dies zum Wohl anderer.

Flensburg | Als Jana Wagner (35) dieser Tage in den Briefkasten schaute, sahen sie unendlich traurige, braune Hunde-Augen an – vorn auf der rührenden Post einer eher unbekannten Tierschutz-Organisation. Groß zu sehen: der herzerweichende Hunde-Blick und darunter die Worte „Retten Sie diese arme Kreatur!“

„Als ich das Bild sah, hatte ich fast Tränen in den Augen“, erzählt die tierliebe Sekretärin. Und das Foto erreichte sein Ziel: Jana Wagner überwies dem Verein 50 Euro. Alle Jahre wieder rollt in den Wochen vor Weihnachten, der wichtigsten Spendenphase des Jahres, eine Lawine an Bitten und Aufrufen auf die Norddeutschen zu, wird zum Großangriff auf die Geldbörsen mit Flyern, Plakaten, Fernsehsendungen und auch Info-Ständen in den Einkaufscentern geblasen. Betroffen dreinschauende Promis hier, gegen die Kälte vermummte Straßen-Aktivisten da – sie flehen uns an, Geld zu spenden: für kranke Kinder, geschundene Tiere, bedrohte Umwelt, frierende Obdachlose, kriegs- oder erdbebenzerstörte Regionen in Afrika, Südamerika, Asien. Jeder möge doch bitte sein Herz öffnen – und sein Portemonnaie…

Aber, Vorsicht! Da, wo viel Geld zu holen ist – die Deutschen spenden pro Jahr vier bis fünf Milliarden Euro – treiben auch gemeine Betrüger und Abzocker ihr Unwesen, nutzen Hilfsbereitschaft schamlos aus. Spenden – das ist inzwischen auch ein gigantisches Geschäft mit dem Mitgefühl geworden.
 

Ein Report enthüllt jetzt die traurigen Schattenseiten der Wohltäterei. „Es gibt schon seit vielen Jahren eine weltweit operierende Spenden-Mafia, bei der nur Teile der Einnahmen zweckgebunden eingesetzt werden“, behauptet die holländische Journalistin Linda Polman, lange Korrespondentin der UN-Friedensmissionen in Somalia, Haiti, Ruanda und Autorin des Buches „Die Mitleids-Industrie“. Und prangert an: „Eine Krisen-Karawane, die von Bürgerkrieg zu Bürgerkrieg, von Naturkatastrophe zu Naturkatastrophe zieht, ohne nachhaltig zu helfen. Nur der Moment zählt. Hauptsache, für die Weltpresse sind fix Zelte aufgebaut und es gibt weinende Kinder. Von den Millionen, die gespendet wurden, zweigt manch dubiose Organisation einen Teil für sich ab, einen zweiten zahlen sie vor Ort der Regierung oder einer Kriegspartei, um überhaupt in das Gebiet reinzukommen.“ Heißt: Mit Spendengeldern sind schon zahlreiche Kriege künstlich verlängert, Waffen statt Lebensmittel und Medizin finanziert worden. „Für korrupte Politiker und Warlords sind diese Spenden willkommene Einnahmen.“ Polmans Fazit: „Es gibt fast 40.000 internationale Hilfsorganisationen, die um Geld betteln, die ein Stück vom Milliarden-Kuchen abhaben wollen. Die Hilfs-Industrie ist ein Monster geworden, das kaum noch kontrollierbar ist.“

Allein in Deutschland konkurrieren über 500.000 Vereine und 16.000 Stiftungen um Spendengelder, versuchen unter diesem „Konkurrenzdruck“ ihr „Produkt“ erfolgreich zu platzieren. Die meisten sicher mit guten Absichten, mit transparenter Buchführung, mit einer Aufsicht, die darüber wacht, wie viel Geld in den eigenen Reihen (für Werbung, Büromiete, Personal und so weiter) hängenbleibt und was am „Spendenziel“ ankommt. Aber immer wieder schrecken uns Skandale auf, die das Innenleben von Hilfsorganisationen beleuchten und zeigen, wie gefüllte Spendenkassen zu Leichtsinn oder Verschwendung verführen können.

Wie 2007, als Unicef Deutschland negative Schlagzeilen machte – das Kinderhilfswerk hatte Beratern extrem hohe Honorare und Spendenwerbern horrende Provisionen gezahlt und das verheimlicht. Hunderttausende gingen so dem eigentlichen Zweck verloren. Folge: Fast 40.000 Förderer entzogen Unicef das Vertrauen, kündigten ihre Mitgliedschaft. Der achtköpfige Vorstand kippte, die Spenden-Einnahmen sanken um 20 Prozent. Unicef musste sich sanieren, erneuerte seine Führung und seine Kontroll-Mechanismen.

Aber auch im Kleinen werden ahnungslose Spender hinters Licht geführt: In einer Fußgängerzone im Ruhrgebiet flogen Betrüger auf, die mit Lama, Esel und Pferd angeblich für das Winterquartier eines kleinen Zirkus sammelten, den es aber gar nicht gab. Die Tiere waren gemietet, das Geld wanderte in die Anoraktaschen der Sammler.

Im Rheinland klingelte ein Mann mit selbstgebasteltem Ausweis an Haustüren, bat mit flehender Stimme und mitleiderregendem Blick für eine angeblich bedrohte Behinderten-Werkstatt. Alles erfunden. Der Mann hatte bis zu 300 Euro am Tag eingenommen.

In Berlin wurde einem Pärchen von misstrauischen Anwohnern, die die Polizei riefen, das Handwerk gelegt: Es gaukelte Passanten vor, aus dem Irak zu stammen und für notleidende Landsleute zu sammeln. In früheren Adventszeiten drückte dasselbe Paar in demselben Stadtteil als „von Taliban vertriebene Afghanen“, als „Bürgerkriegs-Flüchtlinge aus Bosnien“ oder als „in der Türkei verfolgte Kurden“ erfolgreich auf die Tränendrüse.

Auch um Schleswig-Holstein machen die Spendenbetrüger keinen Bogen: In Wedel wurde das Rentnerehepaar Uwe und Hannelore Willems sogar beraubt, als sie spendeten. Auf dem Weg zum Bäcker stellte sich eine junge Dame mit einem Klemmbrett vor die beiden. „Sie war Anfang 20 und hatte lange, dunkle Haare“, beschreibt Uwe Willems die Frau. Sie sagte nichts. Stattdessen machte sie mit Handzeichen auf den Text auf dem Klemmbrett aufmerksam. Willems sollte für Taubstumme spenden. Wer Geld gibt, könne sich auf der Liste eintragen. „Da stand schon ein Peter Müller, der zehn Euro gespendet hatte. Ich gab ihr fünf Euro“, berichtet der 77-Jährige. Just in dem Moment tauchte eine zweite junge Frau plötzlich neben dem Geld gebenden Ehepaar auf und streifte nah am Mann vor. Als Uwe Willems später beim Einkauf bezahlen wollte, stellte er erschrocken fest: „Mein ganzes Geld ist weg.“ Am Abend zuvor hatte er 200 Euro abgehoben, 180 Euro waren noch in der Geldbörse. „Ich bin mir sicher, dass haben sie geklaut“, sagt Willems und fügt hinzu: „Das ist wirklich ärgerlich.“ Er und seine Ehefrau sind sich einig: „Aber am meisten ärgert uns diese Hinterlistigkeit.“

Die Polizei rät inzwischen bei dieser Art von Spendenlisten stets wachsam zu sein. Zum einen sei das hier gesammelte Geld in der Regel nie für den angegeben Zweck bestimmt, zum anderen nutzen Kriminelle den engen Kontakt mit dem Spender regelmäßig aus, um einen dreisten Griff ins Portemonnaie zu wagen. Straßensammlungen von Geld- oder Sachspenden für einen gemeinnützigen Zweck sind nach dem Gesetz erlaubnispflichtig. Nur die jeweils zuständige Verwaltungsbehörde erteilt die Erlaubnis, so dass auch ein Genehmigungsbescheid vorliegen muss.

Nicht drängen lassen

Lassen Sie sich von niemandem zu etwas drängen, das ist unseriös! Überprüfen Sie in Ruhe und nicht unter Druck die Organisation, die Ihr Geld erhalten soll. Ihr Werbe-Material und ihre Website sollten aussagekräftig und aktuell sein, sachlich informieren.

Auf Transparenz achten

Transparenz ist wichtig! Heißt: Finanzen und Tätigkeitsberichte sind einsehbar und verständlich. Es wird aufgezeigt, wie viele Mitarbeiter für die Organisation im Einsatz sind, wo sie konkret helfen, wie viel Geld für Werbung und Verwaltung ausgegeben wird, beziehungsweise am Spendenziel ankommt.

Spendensiegel

Für Seriosität des Spenden-Werbers spricht zum Beispiel, dass er als gemeinnützig anerkannt ist oder das Spendensiegel trägt, das vom DZI (Deutsches Zentralinstitut für soziale Fragen, Berlin) nach gründlicher Überprüfung vergeben wird, aber jährlich neu beantragt werden muss. Positives Merkmal ist auch, wenn Ihnen die Organisation alle Fragen offen beantwortet.  Finger weg von Spendenaktionen, bei denen aggressiv extremes Mitleid erzeugt oder bei denen mit grausamen oder provokanten Fotos gearbeitet wird.

Vorsicht an der Haustür

Große Vorsicht ist geboten, wenn Sammler gleich um das Ausfüllen eines Mitglieds-Antrages oder einer Überweisung bitten – und bei Haustür-Spendensammlungen. Darauf verzichten   fast alle anerkannten Organisationen. Wenn es doch klingelt: Ausweis zeigen lassen, gegebenenfalls die Polizei rufen! Lassen Sie am Ende Ihres „Spenden-Checks“ Kopf und Herz entscheiden. Spüren Sie Unbehagen oder haben Sie Restzweifel, lassen Sie es sein!

Hilfreiche Adressen

www.dzi.de/spenderberatung/das-spenden-siegel  (da finden Sie eine Liste mit derzeit 250 Trägern des Spendensiegels von A wie „Ärzte der Welt“ bis Z wie „Zukunftsstiftung Entwicklungshilfe“).

www.charitywatch.de (mit Foren für alle Fragen rund ums Spenden und Hinweisen auf aktuell zweifelhafte Spendenorganisationen)

www.spendenrat.de (Dachverband gemeinnütziger Spendenorganisationen)

Sicherheit geben auch immer Spendenaufrufe aus  beziehungsweise Spendenanliegen für Institutionen und Personen aus der Region.    Die Zeitungen des sh:z unterstützen mit zahlreichen Aktionen Hilfsanliegen von Schleswig-Holsteinern.

Weitere Informationen zum Thema „Sicher Spenden“ erhalten Sie auf dem Internetauftritt des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen. www.dzi.de

 
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen