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Drogensucht : Das Ende einer "Blümchenkindheit"

vom

Anfangs nahm Patric "nur" Cannabis und Alkohol. Weitere Drogen und der soziale Abstieg folgten - da er gerade einmal 16. Doch er hat rechtzeitig die Reißleine gezogen.

Irgendwann war es passiert. Patric weiß heute selber nicht mehr so genau wann. Aber irgendwann war er da, der Tag, an dem der damals 16-Jährige nur noch aufstand, um zu kiffen. "Alles drehte sich ums Breitsein. Das machte Spaß - heute weiß ich selbst nicht mehr, warum."
Heute, das ist drei Jahre später. Aus dem Teenie ist ein großer, schlanker junger Mann geworden. Er ist sportlich gekleidet, legt Wert auf sein Äußeres. Ein netter Junge von nebenan. Gebildet, ruhig, höflich. Und extrem reflektiert.
Der gebürtige Berliner ist an den Hamburger Rand gekommen, nach Moorfleet in das "Come In!", eine Fachklinik und Therapeutische Gemeinschaft zur "Entwöhnung, Rehabilitation und Reintegration von suchtkranken Jugendlichen", wie es auf der Homepage der Einrichtung heißt. Anderthalb Jahre hat Patric hier gewohnt und gelernt, wieder ohne Drogen zu leben. Er hat die Kurve gekriegt. Jetzt will er davon berichten.
Ich hatte eine Blümchenkindheit"
Seine Kindheit sei im Grunde völlig unspektakulär gewesen, erzählt der Gymnasiast. "Manche hier sagen, ich hätte eine Blümchenkindheit gehabt. Denn Gewalt oder so gab es nicht." Gut, seine Eltern hätten sich getrennt, als er neun Jahre alt gewesen sei. Aber was heißt das schon? Er habe danach die eine Hälfte des Monats bei seiner Mutter gelebt, die andere beim Vater. Und eigentlich sei er immer ein ganz unauffälliger Typ gewesen. "Meine Schwester, die hat Stress gemacht. Aber bei mir - das lief."
Wieso dann die Drogen? Patric schweigt einen Moment, denkt nach. Er hebt die Hand, lässt sie fallen. Dann: "Tja Falsche Freunde? Ich war unglücklich verliebt, und auf der Skaterbahn habe ich Cannabis angeboten bekommen. Das erste Mal hab ich es mit 15 probiert. Da hatte mir das gar nicht geschmeckt. Aber dann hab ich gemerkt, wie gut man sich damit wegmachen kann." Er fing an, "es" zu benutzen. Cannabis, Alkohol, Amphetamine, halluzinogene Pilze. "Ich hab auch übelst viel Computer gespielt und fern gesehen."
Unterschlupf bei Dealern
Die elfte Klasse über sei er im Grunde durchgehend bekifft gewesen, sei um zwei Noten im Durchschnitt abgerutscht. Doch irgendwie habe er noch funktioniert. In der Zwölften sei es dann ganz vorbei gewesen. "Ich bin gar nicht mehr in die Schule gegangen, war nicht mehr zu Hause." Unterschlupf habe er bei seinen Dealern gefunden, doch dann wurde er selbst kriminell. "Und da wurde es brenzlig", sagt Patric und unterstreicht mit seiner Stimme jedes Wort. Er habe eine Vorladung bekommen - der Moment, in dem er aufgewacht sei.
Patric wollte vor Gericht gut dastehen, sich nicht alles verbauen. Er ging zur Drogenberatung, kam in die Entgiftung. Zwei Wochen später zog er in die Hamburger Suchteinrichtung ein. "Das war echt hart." Zwar habe er keine körperlichen Beschwerden durch den Entzug gehabt, "aber eine absolute Leere". Und Wortfindungsstörungen. "Das ist, als würde der Gedanke stehen bleiben. Man kann einfach nicht weiter, selbst bei so einfachen Sachen wie vier plus fünf."
"Come in" als letzte Chance
Im "Come In!" - dem "Last Exit Moorfleet", wie eine Betreuerin sagt - kam Patric in die sogenannte Phase 1. "Hier geht es zunächst einmal darum, dass die Kinder und Jugendlichen überhaupt merken, dass sie ein Problem haben - und dass das weit über den reinen Konsum von Drogen hinausgeht", erläutert Liv Schindler, stellvertretende Leiterin der Einrichtung. Bis zu 20 Patienten aus dem gesamten Bundesgebiet im Alter von zwölf bis 18 Jahren befinden sich in dieser medizinischen Rehabilitationsphase. Viele von ihnen haben eine jahrelange Drogenkarriere hinter sich. Sie kommen aus allen Gesellschaftsschichten. "Den Klassiker Christiane F. vom Bahnhof Zoo gibt es heute nicht mehr", sagt Schindler. Doch eines hätten alle Jugendlichen im "Come In!" gemein: "Sie können die kleinen Dinge des Familienalltags nicht - Tisch decken, gemeinsam essen, putzen, den Alltag strukturieren." Die Hausgemeinschaft imitiere daher eine große Familie.
Hinzu kommt die Therapie. In Gruppen konfrontieren sich die Jugendlichen gegenseitig mit ihrem Verhalten. "Das ist besser, als wenn ein Erwachsener redet, das können sie besser annehmen", weiß die Sozialpädagogin.
Alltag neu lernen
Patric hat diese Phase nicht so viele Probleme bereitet. Er wusste ja bereits, als er in Hamburg ankam, dass er etwas grundlegend ändern musste. Für ihn wurde es erst in Phase 2 richtig hart, der Reintegration. Die Jugendlichen müssen wieder raus in die Welt, zur Schule oder Lehre. Gleichzeitig leben sie in einer betreuten Wohngemeinschaft, in der sie viele Aufgaben übernehmen müssen. "Und da wurde mir klar: Ich habe eine Strukturbehinderung." Auf die Frage, warum Patric so abgeklärt und reflektiert formuliere, erläutert er: "Was ich hier gelernt habe, ist die Selbstreflexion. Wenn man das nicht lernt, dann wird das nichts. Denn ein Rückfall fängt vor den Drogen an, wenn man wieder mit den alten Verhaltensmustern anfängt." Darum sei es in Phase 2 auch so wichtig, das Alltagsleben neu zu lernen.
Patric hat gelernt, seinen Tag selbst zu strukturieren. Er macht regelmäßig Sport, und er stellt sich Konflikten. Er macht sich nicht mehr weg. "Ich hab früher immer alles getan, um nicht aufzufallen. Das mache ich heute nicht mehr!" Mittlerweile lebt Patric in einer eigenen Wohnung in Hamburg und macht sein Abitur. Danach will er Chemie studieren.

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erstellt am 07.Dez.2008 | 05:23 Uhr

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