Ungeklärte Mordfälle in SH : Das blutige Rätsel um Bauer Studt

Das Plakat der Polizei, mit dem nach Hans-Werner Studt gesucht wurde.
Das Plakat der Polizei, mit dem nach Hans-Werner Studt gesucht wurde.

Ein Bauer fährt mit Roggensaat auf sein Feld – kurz drauf ist er wie vom Erdboden verschluckt. Alles was geblieben ist, sind Blutspuren am Trecker. Bis heute, fast 20 Jahre später, tappt die Polizei im Dunkeln.

shz.de von
25. Januar 2015, 16:41 Uhr

Sülfeld | Eigentlich ist die Welt in Sülfeld in bester Ordnung. Das 3500-Seelen-Örtchen im Kreis Segeberg liegt tief im Grünen, schmiegt sich um einen idyllischen Ortskern mit historischer Kirche, hat moderne Neubaugebiete, einen Edeka-Markt, Arztpraxen, Sportvereine, Schützengilde und einen heimeligen Kindergarten. „In Sülfeld ist das Leben einfach lebenswert“, sagt Bürgermeister Karl-Heinz Wegner. Das klingt stolz. Aber auch ein wenig trotzig. Denn ausgerechnet sein schönes und so lebendiges Dorf sorgte in der Vergangenheit gleich zweimal für blutige Schlagzeilen.

Es war der 18. Oktober 1996, als Bauer Hans-Werner Studt verschwand. Ein kühler, trockener Herbsttag. Der damals 50-Jährige hatte nach dem Mittagessen seinen Anhänger an den Traktor gespannt und sich mit Roggensaat auf den Weg zu einem seiner Getreidefelder aufgemacht. Der letzte Zeuge, ein Schrebergärtner aus der Nachbarschaft, sieht den Landwirt gegen 13 Uhr in Richtung Bargfeld-Stegen vorbeifahren. Studt – im Ort bestens bekannt – hebt die Hand zum Gruß. Wie fast immer bei der Arbeit trägt er seine grüne Cordweste mit Fellfutter und eine blaue Arbeitshose mit grünen Gummistiefeln. Der Acker, den Studt ansteuert, ist von seinem Hof nicht einmal drei Kilometer entfernt. Doch offenbar weit genug, dass niemand hörte oder sah, welche dramatischen Szenen sich kurz darauf abgespielt haben müssen.

Wann genau der Bauer seinem Mörder oder seinen Mördern begegnet ist – darüber hat die Polizei bis heute keine Erkenntnisse. „Nach der Analyse der großen Mengen Blut, die später beim Trecker am Rand des Feldes gefunden wurden, gehen wir aber eindeutig von einem Tötungsdelikt aus“, sagt Hauptkommissar Stefan Winkler, Chef der Kieler Mordkommission. Was die Ermittlungen von Anfang an erschwerte: Weder die Leiche noch Kleidungsstücke von Studt wurden jemals gefunden.

Dabei hatte an jenem Freitag zunächst noch niemand an ein Verbrechen glauben wollen. Drei Stunden nachdem Studt von zu Hause aufgebrochen war, kommen nacheinander noch zwei weitere Landwirte an seinem Feld vorbei. Sie sehen den blauen Trecker wenige Meter vor der Einfahrt geparkt, der Anhänger ist abgekoppelt und noch immer mit den weiß-blauen Säcken voller Roggensaat beladen. Von Studt ist nichts zu sehen. Einer der Landwirte steigt ab und wundert sich, dass die Zugmaschine noch läuft. Er schaltet den Motor ab und entdeckt zwei große Blutlachen. Doch statt an ein Verbrechen glaubt er, dass sein Kollege ein großes Tier angefahren haben muss – er fährt weiter.

In der Zwischenzeit hat sich auch Studts Ehefrau Karin sorgenvoll auf die Suche gemacht. Sie ist mit Studt in zweiter Ehe verheiratet und stammt aus dem Nachbarort Nützen. Auch sie glaubt beim Anblick der Blutlachen an einen Unfall und telefoniert zunächst Bekannte und Krankenhäuser ab. Erst am späten Abend dann schaltet sie die Polizei ein.

Als die Beamten gegen Mitternacht eintreffen und Blutspuren nicht nur neben dem Trecker sondern auch auf und an dem Fahrzeug selbst finden und analysieren, ist schnell klar: Wenn es überhaupt noch eine Chance gibt, den Landwirt lebend zu finden, dann muss schnell gehandelt werden. Noch in der Nacht beginnt mit Hilfe von Feuerwehr und Dorfbewohnern die erste große Suchaktion – erfolglos. Die damals 80-jährige Mutter des Sülfelders muss als erste geahnt haben, dass sie ihren einzigen Sohn nie mehr wiedersehen wird. Schon am nächsten Tag lässt sie an der Stelle mit den Blutlachen ein Kreuz errichten.

Die Kripo bildet unterdessen eine Sonderkommission und startet erneut riesige Suchaktionen. Über 800 Helfer sowie Suchhunde und Hubschrauber sind im Einsatz, die Beamten stoppen zwischen Sülfeld und Bargfeld-Stegen Autos in der Hoffnung, von den Insassen Informationen zu bekommen. In der Ortsmitte von Sülfeld lässt der damals zuständige Norderstedter Kripo-Chef Eckhard Jansen sogar eine mobile Wache aufstellen, um eine Anlaufstelle für Zeugen anzubieten.

„Alles in allem haben die Kollegen damals mehr als 260 Zeugen vernommen und sind mehr als 100 Hinweisen nachgegangen. Sie haben wirklich jeden Winkel in diesem Fall durchleuchtet und über die Sendung ,Fahndungsakte‘ bundesweit einen Zeugenaufruf gestartet – alles ohne eine heiße Spur“, sagt Hauptkommissar Winkler.

Der inzwischen abgebrochene Hof Studt in Sülfeld.
Gemeindearchiv Sülfeld
Der inzwischen abgebrochene Hof Studt in Sülfeld.
 

Winkler hat den Fall mit seinem Kieler Team von seinem Norderstedter Kollegen Jansen geerbt, der inzwischen in den Ruhestand getreten ist. Doch selbst als Pensionär hat Jansen die Sache für sich noch nicht abgehakt: „Damals wie heute bleibe ich zuversichtlich, dass der entscheidende Hinweis eines Tages doch noch kommt“, sagt er.

Das größte Rätsel in dem Fall dürfte vor allem das Mordmotiv sein: Studt war mit seinem 70-Hektar-Betrieb ein wohlhabender Mann mit eigenem Kopf. Hier und da gab es Streitigkeiten, die in Zivilprozessen geklärt werden mussten. „Er war schon ein besonderer Typ mit Ecken und Kanten“, erinnert sich Sülfelds Bürgermeister Wegner. Ein ebenso cleverer wie tüchtiger Landwirt mit Weitblick, der auch als sehr gewitzt galt. „Mancher im Dorf hätte sich in der Anfangszeit nicht gewundert, wenn er plötzlich wieder aufgetaucht wäre“, sagt Wegner. Doch daran glaubt heute in der Gemeinde keiner mehr – schon gar nicht Studts einziger Sohn Kai.

Und so bleiben neben dem kleinen Eisenkreuz am Getreideacker vor allem viele offene Fragen und Spekulationen zurück. Wurde Studt an seinem Trecker überrascht und brutal erstochen? Kannten sich Täter und Opfer – oder war es vielleicht sogar ein Auftragsmord? Konnte ein einzelner Täter es schaffen, diesen kräftigen Mann allein wegzuschaffen?

Rechtsanwalt Horst Schumacher aus Henstedt-Ulzburg, der bis heute die Witwe vertritt, sagt: „Nach Aktenlage muss der Täter aus dem Umfeld, möglicherweise einer Nachbargemeinde kommen.“ Schumachers damalige Hoffnung, dass die von Karin Studt einst auf 25.000 D-Mark aufgestockte Belohnungssumme einem möglichen Mitwisser die Zunge lockern könnte, blieb unerfüllt.

Den Hintergründen der Tat doch noch auf die Spur zu kommen – diese Hoffnung flackerte bei manchem Fahnder im Sommer 2012 auf. Ausgerechnet in Sülfeld war über Nacht ein 27-jähriger Landmaschinenmechaniker spurlos verschwunden. Erst nach einigen Tagen fand man seine zerstückelte Leiche in der Jauchegrube seines elterlichen Bauernhofs. Kurz darauf wurde der Vater des jungen Mannes – ebenfalls ein Landwirt – verhaftet und schließlich in die Psychiatrie eingewiesen.  „Doch auch, wenn damals wohl jeder sofort an Studt dachte – es gibt zwischen beiden Fällen keinerlei Zusammenhänge“, sagt Winkler.

Obwohl der Fall Studt seit Jahren als ausermittelt gilt – Winkler und die Kieler Oberstaatsanwältin Birgit Heß bleiben vorsichtig optimistisch. Immerhin konnten dank ständig verbesserter kriminaltechnischer Methoden in den letzten Jahren eine ganze Reihe von alten Mordfällen im Land aufgeklärt werden. Ob auch im Fall Studt möglicherweise nochmal eine genetische Spur zum Erfolg führt, weil vielleicht auch fremde DNA am Tatort gefunden wurde – darüber schweigen sich die Ermittler aus. „Immerhin hat die Vergangenheit gezeigt, dass man zuweilen nur einen langen Atem braucht, um doch noch zum Erfolg zu kommen – und sei es durch den berühmten Zufall“, sagt Oberstaatsanwältin Heß. Darum werde auch die Akte Studt noch lange nicht geschlossen.

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