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Kita-Streik : Das bisschen Singen, Basteln, Aufpassen ...

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Verdi und GEW wollen den bundesweit 220.000 Erzieherinnen und Sozialarbeitern in kommunalen Einrichtungen zu tarifvertraglich geregeltem Gesundheitsschutz verhelfen.

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erstellt am 25.Mai.2009 | 09:29 Uhr

Lübeck | Kerstin Matthiesen macht ihren Job mit Leib und Seele. "Seit 20 Jahren." Sie ist 47 Jahre alt und Vollzeitkraft in der kommunalen Lübecker Kita Mönkhofer Weg. 44 Kinder werden hier vormittags betreut, 40 nachmittags. Kerstin Matthiesen liebt ihre Arbeit, aber: "Meiner Tochter habe ich davon abgeraten - zu viel Stress. Wenn ich nach Hause komme, brauche ich erstmal eine Stunde Schlaf. Der lindert aber nur die körperliche Ohnmacht", sagt sie und lacht. Kreuz- und Knieschmerzen hat sie vom jahrelangen Hocken auf Kinderstühlchen sowieso.
Regentage, sagt Jenny, sind die Hölle. "Dann ist der Lärm unerträglich." Die 19-Jährige verabschiedet sich gerade von ihrem Traumberuf Erzieherin. "Ich fand die Kurzen immer so süß", sagt sie. Dann kam ein Praktikum. "Hektik und Zeitdruck pur. Das hat mir eigentlich gereicht." Ihren vollen Namen will sie nicht sagen.
"Man weiß ja nie"
Viele Erzieherinnen wollen ihre Namen lieber nicht sagen. "Man weiß ja nie." Die Befürchtungen, als nicht belastbar zu gelten, sind groß. Und wenn die Arbeitsbedingungen kritisiert werden, gerät eine Kita schnell in den Ruf, unleidliches - kinderunfreundliches - Personal zu beschäftigen. In der Erziehungsbranche aber ist die Konkurrenz beispielsweise zu kirchlichen oder privaten Einrichtungen groß.
Das bisschen Singen, Basteln, Aufpassen könne doch wohl nicht krank machen, heißt es von manchen Eltern, die - "man weiß ja nie" - auch lieber anonym bleiben wollen und meinen, dass jemand, der sich vom Kinderlärm belästigt fühlt, über seinen Job nachdenken sollte. Tatsache ist, dass die Anforderungen an Kindertageseinrichtungen stetig gewachsen sind, dies aber keine Auswirkungen auf die Personalschlüssel hatte. "Bei uns spekuliert der Arbeitgeber immer auf das soziale Engagement", sagt Kerstin Matthiesen. Ihre Konsequenz heißt jetzt gewerkschaftliches Engagement. "Bessere Arbeitsbedingungen für uns kommen auch den Kindern zugute." Der Kita-Streik - ein Kinder-Streik?
Mehr Lohn, mehr Personal
Bessere Arbeitsbedingungen beginnen für Erzieherinnen mit ganz banalen Forderungen: der nach erwachsenengerechten Sitzmöbeln zum Beispiel. Oder der nach fachgerechtem Schallschutz. Vor allem aber der nach besseren Personalschlüsseln, damit die stetig wachsenden Anforderungen unter immer schwierigeren Bedingungen bewältigt werden können. Und auch der nach besserer Entlohnung.
Erziehungskonzepte kommen mit Schlagworten wie "Pisa-Schock" und "frühkindliche Bildung" daher. Idealerweise sollen schon Kindergartenkinder an Fremdsprachen und Naturwissenschaften herangeführt werden. Gerade brachte ein Workshop der Lübecker Fachhochschule Erzieherinnen bei, wie der Nachwuchs für Technik und Naturwissenschaften begeistert werden kann. Die Teilnehmerinnen lernten gerne und viel - hinterließen in ihren Einrichtungen allerdings personelle Lücken, die von Kolleginnen gestopft werden mussten. "Und ob das Gelernte im vollgepackten Kita-Alltag angewendet werden kann, ist mehr als fraglich", sagt Kerstin Matthiesen.
Da nämlich wird an ganz anderen Fronten gekämpft. Jeder Urlaubs-, jeder Krankentag geht unmittelbar zu Lasten der Kollegen. Und krank ist das Personal häufig schon deshalb, weil Infekte zu Kitas gehören wie Flöhe zum Igel. Fällt Küchen- oder Reinigungspersonal aus, werden auch deren Aufgaben von Erzieherinnen mit erledigt. Dokumentationen über die Entwicklung jedes Kindes müssen geschrieben werden - "es sagt uns bloß keiner, wann wir das machen sollen".
Verständigungsprobleme
Im Erziehungsalltag wird derweil schon die Verständigung problematisch: "Bei Kindern mit Migrationshintergrund ohnehin, aber auch immer mehr Kinder aus deutschen Familien haben Sprachprobleme." In den Familien klafft die Wissens- und Anregungsschere immer weiter auseinander, sagt die Erzieherin; entsprechend wird es immer aufwendiger, den Kindern gerecht zu werden.
Und dann sind da noch die Eltern, die mehr oder weniger kooperativ, mehr oder weniger fordernd sind. Von denen haben vergangene Woche einige vor verschlossenen Kita-Türen gestanden - je nach Betreuungsalternative mehr oder weniger verzweifelt und verständnisvoll. Vielfach habe es elterliche Unterstützung gegeben, heißt es bei Verdi.
Wenn Kerstin Matthiesen sich eine Kita einrichten könnte? Sie muss nicht lange überlegen: "Vernünftige Beleuchtung, Schallschutz, Erwachsenenmöbel, Räume mit Ausstattungen, in denen Forschen und Erleben möglich wird." Und sie wünscht sich mehr jüngere Kolleginnen. "Kinder brauchen Power."
Was sie aber mehr belastet als Zeitdruck, Lärm und Rückenschmerzen: "Ich fühle mich nicht ernst genommen und auch nicht respektiert."

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