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Therapie gegen Kindesmissbrauch : Damit Pädophile keine Täter werden

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Schätzungsweise 10.000 Männer in SH haben pädophile Neigungen. In einer kostenlosen Therapie können sie lernen, wie sie leben, ohne straffällig zu werden.

shz.de von
erstellt am 21.Feb.2014 | 07:05 Uhr

Kiel | Alex (24) hielt es zunächst für eine Phase. „Das ändert sich bestimmt später noch“, dachte er und mied Einsätze als Babysitter und Freibadbesuche im Sommer. Heute beschreibt der Student auf der Internetseite des Präventionsprojekts „Kein Täter werden“, wie er seinen pädophilen Neigungen durch eine Therapie Herr zu werden sucht. „Ich will gar nicht erst in Versuchung geraten, mir Kinderpornografie anzugucken und die Therapie soll mich dabei unterstützen, ein Leben zu führen, ohne jemals einen sexuellen Übergriff auf ein Kind zu begehen“, schreibt er.

Etwa ein Prozent der männlichen Bevölkerung ist pädophil veranlagt, das heißt ihr sexuelles Interesse ist ausschließlich auf Kinder gerichtet. Das sind deutschlandweit etwa 300 000 Männer im Alter von 20 bis über 85 Jahren. In Schleswig-Holstein wären es nach dieser Rechnung bis zu 10 000 Männer. 200 von ihnen wurden seit 2009 anonym und kostenlos am Kieler Institut für Sexualmedizin und Forensische Psychiatrie und Psychotherapie behandelt.

Ziel einer Therapie ist es, dass die Männer lernen, ihren Trieb zu kontrollieren. Dadurch soll der sexuelle Missbrauch von Kindern verhindert werden. Eine Heilung ist nach heutigem Wissensstand nicht möglich.

Die meisten Betroffenen halten ihre Präferenz geheim, fühlen sich wie Alex beschreibt „nicht ganz normal“, leiden unter Selbstzweifeln und Depressionen. „Das ist kein leichtes Schicksal“, sagt Dr. Jorge Ponseti, Psychologe beim dem Präventionsprojekt in Kiel. Viele der Männer, die sich in der Ambulanz meldeten, seien in der Tat sehr selbstkritisch und kontrolliert. Doch Studien ergeben auch: „Früher oder später werden die meisten Pädophilen übergriffig“, erklärt Ponseti. Daher sei es so wichtig, dass die Therapie angenommen werde, denn „auf Dauer schafft man es nicht alleine“. Seit 2005 haben sich bundesweit insgesamt 3300 Hilfesuchende an die Einrichtungen gewendet. Sie lernen Strategien, um Fantasien nicht in Taten umzusetzen. In Gruppen- und Einzelsitzungen üben die Betroffenen, eigene Handlungsmuster zu erkennen und Risikosituationen und Rückfälle zu vermeiden, notfalls auch mit triebhemmenden Medikamenten. Empathie-Übungen sollen ihnen helfen, sich in die Opfer von Kindesmissbrauch hineinzuversetzen.

Dabei ist unter Psychologen nicht geklärt, ob Bilder von nackten Kindern eine Art Einstiegsdroge sind, oder ob es den Konsumenten mit Hilfe des Bildmaterials leichter fällt, sich gegenüber Kindern in ihrer Umgebung im Zaum zu halten. Letzteres hat eine kanadische Studie ergeben, und auch die Erfahrung von Jorge Ponseti besagt: „Die Männer werden durch Bildmaterial nicht pädophiler, als sie ohnehin schon sind.“ Das ist keine Rechtfertigung für den Konsum von Kinderpornografie, für deren Herstellung ebenfalls Kinder missbraucht werden – es könnte aber Computeranimationen ins Gespräch bringen, so der Psychologe, da diese explizit niemandem schaden.

Während das Auffinden von Bildern nackter Kinder oder gar Kinderpornografie auf Computern zumeist ein Hinweis darauf ist, dass es sich bei dem Besitzer tatsächlich um einen Pädophilen handelt, kann davon aber noch nicht auf Missbrauchsfälle in ihrer Umgebung geschlossen werden. Denn nicht Pädophile sind für das Gros der pädosexuellen Übergriffe verantwortlich, sondern Menschen, die sich aus anderen Gründen an Kindern vergehen. Die Psychologin Anna Beckers vom Tatgeneigten-Projekt „Keine Gewalt- und Straftaten begehen“ der Behandlungsinitiative Opferschutz (BIOS-BW) in Karlsruhe schätzt das Verhältnis auf etwa eins zu fünf. Mangelndes Selbstbewusstsein, schwierige soziale und Partner-Beziehungen, Machtfantasien sind hier oft Ursachen, warum diese Männer sich auch Kinder als Opfer suchen.

Ein bis zwei Jahre dauert die Therapie. Sie ist keine Garantie und es gibt Rückfälle. Doch wie Jan (29), Medienmanager ,auf der Website von „Kein Täter werden“ schreibt: „Ich kann es nicht verhindern, dass mich Kinder erregen, aber was ich tun kann, ist keinerlei sexuellen Kontakt mit Kindern zu haben.“  

> Kein Täter werden: Kostenlose Therapie unter Schweigepflicht am Institut für Sexualmedizin in Kiel, Telefon: 04315974600 E-Mail: praevention@sexmed.uni-kiel.de

 

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