Riesen-Lkw : Dänen wollen mit Gigalinern auf die A7

In Dänemark werden Gigaliner gefördert, in Deutschland mit Argwohn betrachtet. Foto: dtl
In Dänemark werden Gigaliner gefördert, in Deutschland mit Argwohn betrachtet. Foto: dtl

Brüssel ermöglicht grenzüberschreitende Touren mit Riesenlastern. Das wollen dänische Spediteure nutzen und nach Deutschland fahren. Doch der Bund und Schleswig-Holstein bremsen.

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13. August 2012, 11:22 Uhr

Kiel/Pattburg | Mogens Therkelsen ist sauer. Der Speditionschef aus dem dänischen Pattburg würde gern mit vier seiner Lastwagen am Gigaliner-Feldversuch von Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) teilnehmen. Therkelsens Riesen-Lkw sollen Lebensmittel nach Deutschland liefern - doch bisher fehlt ihm die Erlaubnis für den Einsatz der über 25 Meter langen Trucks auf den Autobahnen hierzulande. "Mal heißt es, ich müsse mich nicht an Berlin, sondern an eine Dienststelle in Bonn wenden, dann ist auf einmal wieder Berlin zuständig", beschwert sich Therkelsen. Außerdem gebe es "überflüssige, teure und teils lächerliche Auflagen" für die Lkw. "Wir werden am Nasenring durch die Manege geführt!", schimpft der Däne.
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Im nördlichen Nachbarland gehören die Riesenlaster längst zum Alltag. Rund 400 sind dort auf den Straßen unterwegs - doch kein einziger davon fährt in Deutschland. "Wir dürfen es bisher nicht", sagt Anders Jessen, Chefberater beim dänischen Transportverband ITD in Pattburg. Zwar spricht Dänemarks früherer Verkehrsminister Hans Christian Schmidt gern von einem bestehenden "Korridor" für dänische Gigaliner durch Schleswig-Holstein - aber das entspringt wohl Wunschdenken. Lediglich vor drei Jahren gab es mal eine Sondererlaubnis für eine Spedition aus Odense, die jedoch schon seit 2010 nicht mehr genutzt wird. Weitere Ausnahmen für dänische Unternehmen existieren nicht.
"Fast alle Spediteure im internationalen Geschäft tätig"
Umso wichtiger ist es der Branche, dass sich das ändert: "Fast alle unsere Spediteure sind im internationalen Geschäft tätig - die meisten würden daher gern mit den Ökolinern auf den deutschen Autobahnen fahren", sagt ITD-Experte Jessen. Vor allem nach Hamburg und weiter nach Holland, Belgien und Italien wollen die Dänen so Güter befördern.
Doch Ramsauer macht es ihnen nicht leicht, beim Feldversuch mitzumachen. Besonders deutlich wird das an seinen Auflagen für das bisher von der EU verbotene Überqueren der Staatsgrenze mit Gigalinern. Der Brüsseler Verkehrskommissar Siim Kallas hat das jetzt gegen den Protest des europäischen Parlaments erlaubt: "Benachbarte Mitgliedsstaaten, die den Einsatz längerer Lkw im grenzüberschreitenden Verkehr untereinander erlauben möchten, können dies unter bestimmten Voraussetzungen tun", teilte Kallas kürzlich mit.
Nur auseinandergebaut über die Grenze
Doch Ramsauer will das offenbar nicht und verlangt daher eine absurd anmutende Prozedur für die Fahrt über die Grenze: Dänische Spediteure dürften sie nur mit Lastwagen "in einer Kombination als normaler Lkw überqueren" und die Laster dann "an geeigneter Stelle zu einem Lang-Lkw zusammenkoppeln", erklärt der Minister. Die Dänen müssten also ihre Gespanne auseinanderbauen, über die Grenze fahren und wieder neu zusammenstellen. Da klingt es wie Hohn, wenn Ramsauer ausrichten lässt: "Natürlich sind auch Speditionen aus Dänemark eingeladen, sich dem Feldversuch anzuschließen."
Doch auch die Vorbehalte von Schleswig-Holstein machen Therkelsen und Co. Sorgen. Die rot-grün-blaue Koalition will aus Ramsauers Feldversuch aussteigen und die Straßen im Land wieder für die Megatrucks sperren. Dass ausgerechnet der SSW dies unterstützt, stößt im Nachbarland auf Befremden. "Ich verstehe nicht, dass eine dänische Minderheitenpartei da mitmacht", kritisiert Ex-Verkehrsminister Schmidt. Therkelsen schimpft: "Das ist nicht im Sinn einer Weiterentwicklung Europas."
Verweis auf drohende Schäden an Fahrbahnen
SSW-Landtagsgruppenchef Lars Harms rechtfertigt die Pläne jedoch und lehnt den Feldversuch mit den vielen innerörtlichen Routen weiter ab: "Auf den Zubringerstrecken drohen durch Gigaliner Schäden an Fahrbahnen und Kreiseln." Allerdings lenkt Harms auch etwas ein: "Ich habe nichts dagegen, wenn dänische Speditionen von Ramsauer Sondergenehmigungen nur für die Autobahn bekommen."
Mehr will auch Therkelsen gar nicht: "Wir reden nicht von Dörfern wie Leck oder Bredstedt." Zudem bestreitet er, dass Gigaliner größere Straßenschäden verursachen als die fast 19 Meter langen, herkömmlichen Lkw: "Weil dasselbe Gewicht auf mehr Achsen verteilt ist, nimmt die Belastung der Straße sogar ab." Zwar dürfen die Lang-Lkw in Dänemark samt Ladung sogar bis zu 60 Tonnen und damit 16 Tonnen mehr als normale Laster wiegen - doch in Deutschland ist auch für Gigaliner nur ein Gesamtgewicht von 44 Tonnen erlaubt.
20.000 Euro für Zusatzausrüstung
Ob die Landesregierung den Ausstieg aus dem Feldversuch durchsetzen kann, ist fraglich. Ramsauer will an den per Ausnahmeverordnung freigegebenen Routen nichts ändern. "Aus unserer Sicht besteht Bestandsschutz für die zugelassenen Strecken", sagt eine Ministeriumssprecherin. Auch ein Sprecher von Schleswig-Holsteins Verkehrsminister Reinhard Meyer (SPD) räumt ein: "Letztlich ist das Bundesverkehrsministerium Herrscher über seine eigene Ausnahmeverordnung."
Spediteur Therkelsen will in die von Ramsauer geforderten, bis zu 20.000 Euro teuren Lkw-Zusatzausrüstungen jedenfalls nur dann investieren, wenn sichergestellt ist, dass er die A7 benutzen kann.
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