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Gesundheitswesen Dänemark : Dänen wollen den guten alten Hausarzt

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Das Funktionieren des dänischen Gesundheitssystems vermittelt etwas von der Gelassenheit, für die die Nachbarn immer beneidet werden.

shz.de von
erstellt am 14.Mär.2008 | 02:38 Uhr

Zwickt es im Rücken, hustet das Kind, steht die Unterleibskrebsvorsorge an oder legt sich Schwermut über den Alltag - in all diesen Fällen gibt es für den Dänen einen Weg, und der führt zum Hausarzt. "Wir sind die Gate-Keeper", drückt es Ernst August Hansen augenzwinkernd auf Neudeutsch aus. Praktisch heißt das, dass die niedergelassenen Ärzte sortieren, wen sie überweisen müssen und was sie selbst behandeln. Um die 85 Prozent behandelt er selbst, nur 15 Prozent werden weiter überwiesen. Denn ein praktischer Arzt in Dänemark hat heute immer eine Facharztausbildung zum Allgemeinmediziner hinter sich, die in der Länge der eines Chirurgen oder Kinderarztes in nichts nachsteht. "Wir Allgemeinmediziner sind viel breiter, darin aber auch tiefer ausgebildet" erläutert der Haderslebener Arzt die Unterschiede zu seinen deutschen Hausarztkollegen, die meist Internisten sind. "Die wissen dann nicht, wie eine Dame von unten aussieht."
Da die dänischen praktischen Ärzte dies durchaus wissen und in ihrer Ausbildung, die sowohl im Krankenhaus wie auch in der Praxis bei Kollegen verläuft, in der Breite lernen, können und müssen sie viele Aufgaben wahrnehmen. Niedergelassene Kinderärzte zum Beispiel gibt es kaum. In ganz Nordschlewig findet sich eine Kinderärztin, die in Hadersleben ihre Praxis hat. Den "Dr. med." und die großen weißen Emailleschilder am Arzthaus sucht man in Dänemark übrigens vergeblich. "Wozu sollen wir das brauchen", lacht Ernst August Hansen. Sein kleines bronzefarbenes Schild am Haus ist kaum zu erkennen und auch auf den weißen Kittel verzichtet er, wie viele seiner Kollegen. Wer in Dänemark Aufenthaltsrecht hat, ist automatisch krankenversichert. Die Krankenkasse - "sygesikring" - ist steuerfinanziert, in öffentlicher Hand und gleich für alle, die im Königreich wohnen.
Ein Arzt darf nicht weiter als 15 Kilometer vom Wohnort entfernt liegen
Vor der großen Kommunalreform Anfang der 70er Jahre zahlten die Bürger ihren Beitrag in eine Krankenkasse, die jeweils kommunal organisiert war, berichtet Ernst August Hansen aus der Vergangenheit. Als er seine Praxis, die er heute mit einem Kompagnon betreibt, übernahm, gab es schon "sygesikring". Zusätzlich gibt es "Sygeforsikring Danmark" mit rund zwei Millionen Mitgliedern. Aber auch dies ist keine Krankenkasse im deutschen Sinne. "Sygeforsikring Danmark" befindet sich im Besitz der Mitglieder. Eine Gewinnmaximierung wird nicht angestrebt. Die Mitglieder können drei Typen von Versicherung zeichnen und erhalten dann Zuschüsse zum Beispiel für die Zahnbehandlung, für Brillen, aber auch für Operationen in Privatkrankenhäusern, wenn "sygesikring" nicht oder nur teilweise zahlt.
Die Wartezeiten in den öffentlichen Krankenhäusern und bei Fachärzten sind oft sehr lang. Beim Augenarzt oft über ein halbes Jahr und auch auf eine Krampfadernoperation kann man über ein Jahr warten. Den "sygesikringbevis" - heute Gesundheitskarte genannt -, der den Träger als berechtigt ausweist, kostenlos bei Ärzten und im Krankenhaus behandelt zu werden, bekommt jeder, der eine Personenkennziffer hat und in Dänemark ansässig ist. Kinder erhalten sie bei der Geburtsanmeldung. Zu welchem Arzt die Bürger gehen wollen, dürfen sie sich aussuchen und sie können ihn, gegen Gebühr, auch wechseln. Auf der Homepage ihrer Gemeinde oder unter www.min-laege.dk finden sie detaillierte Angaben über die Ärzte in ihrer Kommune. Denn ein Arzt darf nicht weiter als 15 Kilometer vom Wohnort entfernt liegen - damit er notfalls auch Hausbesuche machen kann.
"Ich bin heilfroh, dass ich nicht unter den deutschen Verhältnissen arbeiten muss"
Neben Bild und E-Mail-Adresse für die Bestellung von Terminen und Medikamenten steht dort aber auch, ob der Arzt noch Patienten aufnimmt. Denn mit 1600 Patienten in der Kartei kann der Mediziner darum bitten, "geschlossen" zu werden. Da in Dänemark in den nächsten Jahren eine große Pensionierungswelle unter Ärzten auf die Gesellschaft zurollt, werden viele weitere Wege zum Arzt zurücklegen müssen, denn an Nachwuchs fehlt es. "Da hat die Politik geschlafen", schimpft Ernst August Hansen. Schließlich dauert es rund 15 Jahre, bis ein Arzt fertig ausgebildet ist. Nach Studium und Praxiszeit, dem sogenannten Turnus von anderthalb Jahren (jetzt ein Jahr), kann er sich zwar niederlassen, aber die Krankenkasse erkennt ihn erst nach einer Ausbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin an.
Die Pläne der Politiker, die Errichtung von Ärztehäusern im Sinne von Polikliniken zu unterstützen, findet bei ihm persönlich keinen großen Anklang. Umfragen bestätigen: "Die Dänen wollen den guten alten Hausarzt. In Ärztehäusern mit immer mehr Gesundheitspersonal wie Krankenschwestern, die Blut abnehmen und den Blutdruck messen, fehlt der Kontakt zum Patienten. Ich entwickle doch eine Beziehung zu meinem Patienten und wenn ich den Blutdruck messe, erfahre ich nebenbei auch oft, wo der Schuh wirklich drückt, berichtet Ernst August Hansen aus der Praxis. In der man übrigens kaum Ultraschall- oder Röntgengeräte findet. Kompliziertere Blutanalysen, Röntgen, Ultraschall - all das findet auf Überweisung im Krankenhaus statt. "Dort sitzen die Spezialisten, die sehen und machen das zig mal am Tag. Die haben die Erfahrung und Kompetenz, die ich doch nicht haben kann, wenn ich alle naselang mal einen Oberbauch mit Ultraschall untersuchen würde. Gerätemedizin machen wir nicht und die wird auch nicht bezahlt", macht der Arzt klar.
Dafür müssen sich die dänischen Mediziner aber auch nicht mit einem Punktesystem wie in Deutschland herumschlagen, bei dem sie am Ende des Quartals womöglich weniger ausgezahlt bekommen als sie real erwirtschaftet haben. "Was ich an Leistung erbracht habe, wird auch bezahlt", so der Arzt. Als Selbstständiger zieht er sein Fazit: "Ich bin heilfroh, dass ich nicht unter den deutschen Verhältnissen arbeiten muss."

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