Grenzkontrollen : Dänen und Deutsche: Neue Grenze auch im Kopf?

Die dänische Rechtspopulistin Pia Kjærsgaard legt sich mit dem deutschen Botschafter an. Foto: dpa
Die dänische Rechtspopulistin Pia Kjærsgaard legt sich mit dem deutschen Botschafter an. Foto: dpa

Die Grenzkontrollen haben auch das Verhältnis zu Deutschland wieder auf die Tagesordnung gebracht. Rechtspopulisten beschwören die Nazi-Vergangenheit.

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05. Juli 2011, 10:21 Uhr

Die Dänen machen sich wieder Gedanken über ihren großen südlichen Nachbarn. Seit aus Deutschland kräftige Kritik an den Grenzkontroll-Plänen der Kopenhagener Regierung gekommen ist, gehen die Wogen in den Medien hoch: Während die Deutschen für die einen eine "neurotische Nation" mit endloser Selbstbespiegelung aufgrund ihrer Nazi-Vergangenheit sind, verteidigen andere leidenschaftlich das moderne Deutschland als "faszinierend" und "bewundernswertes Musterbeispiel" für die Verarbeitung eines historischen Traumas.
Schärfe in die Debatte gebracht hat vor allem die rechtspopulistische DVP, die auch Initiatorin der neuen permanenten Zollkontrollen an Dänemarks Grenzen zu Deutschland und Schweden war.
DVP: Deutschland - die "neurotische Nation"
Parteichefin Pia Kjærsgaard hielt in "Politiken" dem deutschen Botschafter in Kopenhagen, Christoph Jessen, auf dessen Kritik an den Kontrollen vor, das sei doch "putzig aus einem Land, dessen Geschichte reichlich gefühlsbetonten Nationalismus mit traurigen Konsequenzen geboten hat".
Kjærsgaards Parteikollege Jesper Langballe legte noch einen drauf und bezeichnete Deutschland als "neurotische Nation, die beständig von den Schatten ihrer Vergangenheit verfolgt wird". Die "tyskerkort" ("Deutschenkarte") nennt man das in Dänemark, wenn bei einer Debatte über den Nachbarn die Nazi-Vergangenheit ins Spiel gebracht wird.
Geschichte verarbeitet
Dass die Rechtspopulisten, immerhin seit knapp zehn Jahren einflussreiche Mehrheitsbeschaffer für die Kopenhagener Regierung, dies jetzt so massiv taten, löste auch im Regierungslager selbst kräftige Reaktionen aus.
Deutschland sei ein "ganz normaler Nachbar", schrieb Klima- und Energieministerin Lykke Friis in "Berlingske Tidende". Die bekennende Bayern-München-Anhängerin attestierte dem "modernen Deutschland", dass es sich zunehmend normal als europäische Macht aufführe, nachdem man durch "intensive Gruppentherapie in strukturierter Form die Geschichte verarbeitet und Lehren daraus gezogen hat".
Junge Dänen finden Deutschland "obercool"
Friis verwies begeistert auf die Lust der Dänen auf Berlin, auf junge Landsleute, die Deutschland dieser Tage als "obercool" einstufen: "Das ist charakteristisch für das gute deutsch-dänische Verhältnis." Die rechtsliberale Zeitung "Jyllands-Posten" (Aarhus) sah es ähnlich: "Deutschlands Auftreten in europäischer Regie und die Aufarbeitung der eigenen Geschichte sind von A bis Z bewundernswert und ein Musterbeispiel dafür, dass man sich mit dem Willen dazu auch aus dem größten geschichtlichen Trauma herausarbeiten kann."
Sepp Piontek, deutscher Ex-Bundesligaprofi und als Nationaltrainer seit 1979 nach Dänemark gekommen, hält die "Volksmeinung" zu dieser Kontroverse für völlig eindeutig: "Alle Leute hier finden es total dumm, die Nazi-Vergangenheit wieder vorzukramen." Ihre antideutsche Tonlage werde die Rechtspopulisten bei den bald anstehenden Wahlen sehr viele Stimmen kosten. Piontek meint weiter: "Das deutsch-dänische Verhältnis ist so gut wie nie. Man kann ja über mehr Kontrollen gegen kriminelle Banden reden, die hierherkommen. Aber Grenzen dicht machen hilft da nicht."
(dpa, shz)

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