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Festnahme nach Brandanschlag in Escheburg : „Da hat sich eine entsetzliche Stimmung aufgebaut“

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Fassungslose Nachbarn in Escheburg: Einer von ihnen wurde wegen Brandstiftung in der Flüchlingsunterkunft festgenommen.

shz.de von
erstellt am 19.Feb.2015 | 16:46 Uhr

Escheburg | Der Brandstifter, der nach Einschätzung der Ermittler den Anschlag auf das Escheburger Flüchtlingsheim verübt hat, lebt in einem Holzhaus nur wenige Meter vom Tatort entfernt. Beinahe hätte er sich durch seine Tat selbst in Lebensgefahr gebracht. Am Donnerstagvormittag nahmen Polizisten den 38 Jahre alten Mann fest.

Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt, dass er am 9. Februar gegen 13 Uhr einen mit brennenden Stoffstreifen präparierten Kanister mit Verdünnung in das Holzhaus geworfen hat, in das am Tag darauf sechs irakische Flüchtlinge einziehen sollten. Der Verdächtige sollte noch am Donnerstag einem Haftrichter vorgeführt werden. „Wir werfen dem Beschuldigten Brandstiftung vor, ein gemeingefährliches Verbrechen“, sagte am Nachmittag Oberstaatsanwalt Ralf Peter Anders. Alle vorliegenden Indizien deuteten auf den Mann. Er wurde bereits von der Polizei vernommen. Ein Geständnis legte er nach Angaben der Staatsanwaltschaft nicht ab.

Die Häuser stehen in dem Escheburger Wohngebiet dicht zusammen.
Die Häuser stehen in dem Escheburger Wohngebiet dicht zusammen. Foto: Timo Jann
 

„Es ist schlimm, dass sich dieser Widerstand in der Nachbarschaft tatsächlich so weit hochschaukeln konnte, dass wirklich jemand zum Brandbeschleuniger gegriffen hat“, sagte Escheburgs Bürgermeister Rainer Bork von der Escheburger Wählergemeinschaft (EWG). Der Festgenommene war bei der letzten Kommunalwahl 2013 selbst für die EWG angetreten. Bork: „Wir haben ihn ausgeschlossen, weil er sich, seit der geplante Einzug der Flüchtlinge in dem Holzhaus bekannt geworden war, so massiv gegen die Gemeinde und das Amt aufgestellt hatte.“

Der mutmaßlich Brandstifter war demnach einer der Rädelsführer, als die Anwohner das Bürgermeisterbüro und das Büro der Leitenden Verwaltungsbeamtin in Dassendorf stürmten, um ihrem Unmut gegen das Vorhaben Luft zu machen. Das war am 9. Februar gegen 12 Uhr. Gut eine Stunde später flog der Brandbeschleuniger. Der Verdächtige beschreibt sich in Onlinenetzwerken selbst als „kommunikativ, freundlich, und an das Gute im Menschen und Machbare glaubend - das Unmögliche versuchen.“ Noch ist unklar, wie er sich zu der Brandstiftung hinreißen ließ.

Durch dieses Fenster flog der Brandsatz.
Durch dieses Fenster flog der Brandsatz. Foto: Timo Jann
 

Polizisten sicherten an einem Zündholz und an dem Deckel des Kanisters DNA-Spuren – beides fanden sie bei der Spurensicherung vor Ort. Oberstaatsanwalt Anders zu den Spuren: „Die stammen vom Beschuldigten.“

„Ich kann mir das einfach nicht vorstellen“, sagt May Möller, der neben dem Beschuldigten lebt und ebenfalls gegen die Unterkunft protestiert hat. Letzte Woche hatte er bereits gesagt, dass er aus Angst um seine Frau und die Kinder gegen die Unterbringung der Asylbewerber sei. Michael Bendixen, der schräg gegenüber lebt, war entsetzt, als sich die Neuigkeiten verbreiteten: „Immerhin ist jetzt der Druck weg, der zuletzt hier im Allgemeinen gegen die Nachbarn aufgebaut wurde.“

Die Polizei ging in der Siedlung ein und aus und durchsuchte mindestens zwei Häuser. Olaf Schliekelmann aus der Siedlung unweit des Golfplatzes ist fast sprachlos: „Das scheint sich ja echt eine entsetzliche Stimmung aufgebaut zu haben, wenn man zu solchen Methoden greift.“

Hätte sich das Feuer weiter ausgedehnt, wäre auch das Holzhaus des mutmaßlichen Brandstifters in Gefahr geraten. „Die Bebauung ist da extrem eng, ich weiß nicht, ob wir bei einem Vollbrand eine Brandausbreitung auf andere Gebäude hätten verhindern können“, meint Escheburgs Feuerwehrchef Ingo Arndts. Nur durch das schnelle Eingreifen der Feuerwehr blieb es bei Brandschäden im Esszimmer der Unterkunft. „Wir gehen dennoch von Brandstiftung und nicht nur von Sachbeschädigung aus, weil das Haus durch den Brandrauch stark in Mitleidenschaft gezogen wurde“, sagt der Oberstaatsanwalt. Das Strafmaß beträgt bis zu zehn Jahre. Anders: „Die Ermittlungen dauern an. Wir sind bestrebt, das Ermittlungsverfahren in kürzester Zeit zum Abschluss zu bringen.“

„Wir werden uns von diesem Vorfall nicht davon abschrecken lassen, das Haus als Unterkunft für Flüchtlinge zu nutzen. Darauf zu verzichten wäre ein vollkommen falsches Signal“, so Bork. Der Escheburger Bürgermeister geht davon aus, dass in etwa vier Wochen nach der Brandschadenbeseitigung die Flüchtlinge, die dem Amt zugewiesen werden, in das Haus einziehen können. Insgesamt ist es für zwölf Menschen ausgelegt, das Amt hatte es erst im Jahr für 360.000 Euro gekauft.

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