Prävention an Schulen in SH : Cybermobbing – Häme bis ins Kinderzimmer

Mobbing ohne Grenzen: Im Internet sind Kinder rund um die Uhr angreifbar.
Mobbing ohne Grenzen: Im Internet sind Kinder rund um die Uhr angreifbar.

Jeder dritte Jugendliche wurde bereits Opfer von Cybermobbing. Schleswig-Holsteins Schulen setzen auf Prävention.

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10. Januar 2015, 08:00 Uhr

Das erlösende Klingeln – der Schultag ist endlich vorbei. Und damit auch die fiesen Bemerkungen der Mitschüler. Oder doch nicht? Mit dem Internet habe Mobbing eine neue Dimension erreicht, sagt Christa Wanzeck-Sielert vom Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen in Schleswig-Holstein (IQSH). Das Problem an sich habe es zwar schon immer gegeben, doch „es gibt heute keine Begrenzung mehr, das ist das Belastende“, weiß die Leiterin des Fachbereichs für Prävention. „Das Mobbing schwappt ins Kinderzimmer“, bestätigt Antonia Held. „Es gibt kaum einen Schüler mehr, der kein Smartphone besitzt“, sagt die Sozialarbeiterin an der Gemeinschaftsschule Bredstedt. „Sie sind rund um die Uhr online.“ Prinzipiell spreche nichts dagegen, was fehle, sei die Kompetenz der Jugendlichen, mit den neuen Medien verantwortungsvoll umzugehen.

Diesem Thema offen zu begegnen, liege in der Verantwortung von Eltern und Schule, sagt Kathrin Gomolzig, Referentin für Prävention bei der Aktion Kinder und Jugendschutz e. V. (AKJS): „,Mobbing geht nicht’ muss die Stellung der Schule sein.“ Doch sie sieht ein Umdenken: „Die Schulen nehmen ihre Verantwortung immer mehr an.“ Im Jahr 2014 habe die AKJS allein im Rahmen des Projekts „Mobbingfreie Schule“ rund 150 Pädagogen weitergebildet und 90 Schulen im Land im Kampf gegen Cybermobbing unterstützt. Doch verstärktes Wappnen heißt nicht, dass im Umkehrschluss auch die Fälle von Cybermobbing zugenommen haben – „das Thema ist inzwischen enttabuisierter. Das ist ein wichtiger Effekt“, freut sich Gomolzig.

Laut einer aktuellen Forsa-Umfrage im Auftrag der Techniker Krankenkasse ist bereits jeder dritte Jugendliche schon einmal Opfer von Cybermobbing geworden. „Die Dunkelziffer ist wohl ziemlich hoch“, schätzt Wanzeck-Sielert. „Die Hemmschwellen im Netz sind niedrig, weil ich die andere Person nicht sehe“, erklärt sie. Vielleicht sei es auch nicht immer beabsichtigt, den anderen mit einer unüberlegten Bemerkung oder einem Foto bloßzustellen. Doch die Reaktion des Betroffenen bleibt zunächst verborgen, andere teilen das Bild oder klicken unüberlegt „Gefällt mir“. Ein klares – wenn auch nicht immer so gemeintes – Statement. So schnell werde ein zunächst Unbeteiligter zum Mittäter, erklärt Wanzeck-Sielert. Deshalb gehe es bei der präventiven Arbeit nicht nur darum, jungen Menschen Auswege aufzuzeigen und Hilfe anzubieten. Es sei ebenso wichtig, alle Akteure über ihre Verantwortung aufzuklären.

Doch Cybermobbing sei nicht als Spezialität von Kindern und Jugendlichen zu sehen, erklärt Gomolzig. Erwachsene stünden hier in der Verantwortung, ihren Kindern den respektvollen Umgang miteinander auch im Netz vorzuleben. „Wenn es um Mobbing geht, müssen Erwachsene fit sein“, sagt auch Wanzeck-Sielert – zuhause und in der Schule. „Jugendliche sind sehr konfliktfreudig, wenn sie den Raum und Rahmen dafür haben“, weiß Gomolzig. Deshalb müssten Schulen diese Voraussetzungen für Konfliktlösungen schaffen.

Auch Antonia Held und eine Pädagogin der Gemeinschaftsschule Bredstedt haben sich vom AKJS schulen lassen – und sich zwölf Schüler der achten Klasse an die Seite geholt. Sie sind ab Anfang Februar freiwillig als Handy-Scouts tätig. Sie sollen unter der Aufsicht der Fachkräfte künftig Workshops in den fünften und sechsten Klassen zu leiten, aber auch außerhalb dessen ansprechbar sein für die Sorgen betroffener Schüler und mit den jüngeren Schülern das Gespräch suchen. „Es ist wichtig, dass das Thema immer wieder aufgegriffen wird“, sagt Held. „Über Mobbing muss man sprechen.“

> Infos und Ansprechpartner: www.akjs-sh.de

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