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Neue Technik der Polizei in SH : Crime Mapping: Die Landkarte des Verbrechens

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Mit einer neuen Methode will die Polizei Diebesbanden und Serientätern schneller auf die Schliche kommen.

Kiel | Weltweit gilt es als das Fahndungsinstrument der Zukunft: „Crime Mapping“, die Analyse von Straftaten auf einer digitalen Landkarte des Verbrechens. Jetzt setzt auch die Polizei in Schleswig-Holstein auf diese Technik. Ziel ist es, Banden- und Seriendelikte schneller zu erkennen und aufzuklären.

„Wir werden die Täter künftig intelligenter und effizienter bekämpfen“, sagt Stephan Nietz, stellvertretender Leiter des Kieler Landeskriminalamts (LKA). Dort ist eigens das Sachgebiet „Analysewerkzeuge“ geschaffen worden, um das System zu entwickeln und zu pflegen. Unsere Zeitung hat exklusiv Einblick in die Software erhalten, die jetzt einsatzbereit ist.

Und so funktioniert das „Crime Mapping“: Farbige Punkte auf digitalen Karten zeigen zum Beispiel die erfassten Straftaten der vergangenen 24 Stunden. Jeder Punkt steht für ein Delikt – wie Diebstahl, Einbruch oder Raub. Ein Klick darauf offenbart die Details des Falls: Wie wurde die Tat begangen? Welche Spuren gibt es, was haben Zeugen gesehen? „Das ist der Schlüssel, um Ähnlichkeiten in der Vorgehensweise und damit Straftatenserien zu erkennen“, erklärt Nietz.

Gespeist wird das Lage- und Analysesystem, so der offizielle Name, aus der polizeilichen Vorgangsbearbeitung „Artus“, mit der Beamte alle Anzeigen und Unfälle aufnehmen. Als aktuelles Gesamtbild mit grafischer Darstellung waren diese Daten bislang nicht verfügbar. „Jetzt weiß die Polizei endlich, was sie weiß“, sagt Nietz mit einem Augenzwinkern. Gleichzeitig hat sie ihren Horizont erweitert. Die Auswerter im LKA greifen zusätzlich nun auch auf die Einsatzberichte der Polizisten im Land zu, was neue Verknüpfungen erlaubt. Nietz: „Ist bei einer nächtlichen Kontrolle ein Auto mit Werkzeugen im Kofferraum aufgefallen, können wir prüfen, ob es in diesen Bereich Einbrüche gab.“ So ergeben sich Hinweise, die vorher möglicherweise versandet wären. „Auch die Beobachtungen von Bürgern erhalten durch das System einen ganz neuen Wert, weil sie der operativen Ebene nun direkt zur Verfügung stehen.“ Erinnern sich beispielsweise Zeugen an ein bestimmtes Fahrzeug oder Kennzeichenfragment, können die LKA-Auswerter dieses Wissen landesweit an Dienststellen und Streifen weitergeben. Generell gilt: Ist eine Serie erkannt, folgen „taktische Entscheidungen“ wie etwa eine stärkere Präsenz von Kräften in der betreffenden Region oder der Einsatz von zivilen Fahndern.

Zugriff auf die Landkarte des Verbrechens hat nicht nur das Landeskriminalamt. Von seinem Arbeitsplatz aus kann sich jeder Polizist einloggen. „Er hat damit eine Informationsquelle, die ihm bei Dienstbeginn einen Überblick über die Lage verschafft“, sagt Nietz. Häuften sich bestimmte Delikte, könnten die Beamten entsprechend aktiv werden.

„Wir wissen jetzt eher als bisher, wo sich etwas tut und können das mit Daten belegen“, ist das Fazit des stellvertretenden LKA-Chefs zur neuen Software. Nietz gibt aber auch zu, dass „Crime Mapping“ ein mächtiges Werkzeug ist – zumal weitere Quellen zugeschaltet werden können, um zum Beispiel Bewegungsprofile von Verdächtigen zu erstellen: Funkzellenauswertungen, Mobilfunk- oder Kreditkartendaten. Nach einer Festnahme können Navigationsgeräte ausgelesen werden, um den Tätern weitere, bislang ungeklärte Taten zuzuordnen.

Besorgt haben sich die Piraten Patrick Breyer und Wolfgang Dudda mit einer Kleinen Anfrage erkundigt, wie es um den Datenschutz beim „Crime Mapping“ bestellt ist. Laut Kieler Innenministerium ist das Unabhängige Landeszentrum für Datenschutz frühzeitig in das Projekt eingebunden worden, hat mündliche und schriftliche Bewertungen abgegeben, die „entweder bereits berücksichtigt oder in Arbeit sind“.

So gibt es für die Polizisten vor Ort Einschränkungen bei den Zugriffsmöglichkeiten. Je nach Nutzer wird ein bestimmter kriminalgeografischer Raum freigeschaltet. Der Beamte auf einem Revier sieht nur die Ereignisse seines Bereichs und die der angrenzenden Reviere. Der Zugriff auf personenbezogene „Artus“-Daten ist gesperrt.

„Lediglich drei Personen im Landeskriminalamt sind berechtigt, alle Daten des Lage- und Analysesystems zu sehen“, betont Nietz. Zudem bestehe bei sensiblen Fällen die Möglichkeit, sie in den Status „verbergen“ zu setzen. „Wenn gegen Träger öffentlicher Ämter ermittelt wird und Durchsuchungen geplant sind, wäre es nicht zielführend, wenn ein größerer Kreis von Personen vorab davon erfahren könnte.“

Auch für den Bürger bleiben die „Crime-Mapping“-Karten verborgen. Öffentliche Stadtpläne des Verbrechens wird es für Schleswig-Holstein vorerst nicht geben. Anders ist das in den USA, den Niederlanden oder Großbritannien, wo die Ermittler seit Jahren auf die Visualisierung setzen. Dort kann sich jeder Bürger darüber informieren, wie gefährlich seine Nachbarschaft ist – den Briten werden dabei nicht nur Raubüberfälle und Morde angezeigt, sondern mittlerweile selbst kleinere Vergehen wie Ladendiebstähle oder öffentliche Ruhestörung.

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erstellt am 20.Okt.2014 | 18:19 Uhr

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