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Müll an Autobahnen : „Coffee-To-Go-Becher sind zu einer wahren Pest geworden“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

von
erstellt am 30.Nov.2014 | 14:42 Uhr

Mitten auf der Auffahrt zwischen A 7 und A 210 bringt Dirk Johansen seinen Wagen zum Stehen. Die Autos hinter ihm drängen sich langsam an dem Transporter vorbei. „Hier wird rausgefeuert was das Zeug hält“, sagt der Straßenwart der Autobahnmeisterei Neumünster mit Blick aus dem Fenster. Entlang dem Grünstreifen neben dem Asphalt zieht sich eine Spur aus Plastik und Papier. „Die Coffee-To-Go-Becher sind zu einer wahren Pest geworden. An dieser Stelle könnten wir gut zwei 300-Liter-Säcke mit Müll befüllen. Das hier ist echter Aufwand“, schimpft der 47-Jährige und deutet auf die noch vorhandenen Reifenspuren der Putzkolonnen im Gras. „Hier wurde vor gerade einmal zwei Tagen gereinigt.“

Und dieser Aufwand kostet den Steuerzahler viel Geld. Schleswig-Holstein gibt für die Reinigung der Bundesautobahnen jährlich etwa 350 000 Euro aus, heißt es aus dem Verkehrsministerium. 1000 Tonnen Abfall wurden 2013 entlang der Autobahnen im Land zusammengesammelt. Zu 40 Prozent handelt es sich dabei um wild entsorgten Müll oder verlorenes Ladegut. Würde man den Abfall mit Autos aufwiegen, bräuchte der zuständige Landesbetrieb Straßenbau und Verkehr (LBV) für den ganzen Müll fast 800 Kleinwagen.

Streckenwart Dirk Johansen notiert die Stelle auf einem kleinen Zettel. Später am Tag wird er eine Arbeitsgruppe zum Aufräumen dorthin beordern. In den 31 Jahren, die er schon für die Autobahnmeisterei arbeitet, hat er ein verkehrspsychologisches Gespür entwickelt. Trifft Fernverkehr auf eine kleinere Straße, erklärt er, entledigen sich Autofahrer an der Abfahrt häufig ihres Mülls. Pendlerparkplätze sind besonders schlimm, denn hier fühlen sich die Menschen unbeobachtet – und natürlich auf den Raststätten.

Eine dieser Raststätten hat Johansen als weiteren Punkt auf der Liste. Dort wurden LKW-Reifen gesichtet. Doch die sind nicht das einzige. Im Gebüsch entdeckt der Streckenwart zwei halb geöffnete Kartons eines Online-Versands. Heiße Ware: Neben einem Paar neuer und hoher Lederstiefel für Damen finden sich auch diverse eingeschweißte Dessous in dem Karton. Selbst die Rechnung mitsamt Namen und Anschrift des männlichen Empfängers findet Johansen in dem Karton. Der Inhalt überrascht den erfahrenen LBV-Angestellten allerdings nicht. „Nicht meine Größe und die Schuhe sind mir zu gewagt“, bemerkt Dirk Johansen scherzhaft und wirft den Fund auf die Ladefläche des Transporters.

Ein Karton mit Reizwäsche ist längst nicht das Ungewöhnlichste, was der Nortorfer und gebürtige Kieler in seiner bisherigen Laufbahn erlebt hat. Johansen nennt sie seine Highlights. Ganz präsent ist dem Streckenwart noch ein Kanu, dass plötzlich in die Böschung einschlug, als Mitarbeiter der Autobahnmeisterei gerade an einem Rastplatz arbeiteten. „Das war einfach nicht richtig gesichert. Wir haben es dann mit einem LKW abgeholt.“ Der Besitzer hat sich nie gemeldet. Auch auf Fleischreste eines geschlachteten Schafs ist der 47-Jährige schon gestoßen. Das Tier wurde offensichtlich auf einem der Tische der Raststätte zerlegt.

Es ist nicht nur der Müll, den Johansen beiseitigen lassen muss. Seine Aufgabe ist nichts weniger, als für einen sicheren und reibungslosen Verkehr zu sorgen. Müll kann dabei schnell zur Gefahr werden. Schief stehende Verkehrsschilder, gefährlich hängende Äste nach Stürmen oder fehlende Markierungen – „Auf einer Autobahn geht es immer auch um Menschleben“, sagt Johansen. Täglich begutachtet der Streckenwart Schäden an Leitplanken, die durch Unfälle entstanden sind.

„Ungefähr einmal im Monat erlebt man wirklich außergewöhnliche Idiotie“, so Johansen. „Gerade gestern haben wir am Straßenrand einen eisernen Gussgrill gefunden, den jemand aus dem Fenster geworfen hat.“ Gegenstände wie diese werden bei hohem Tempo zur Todesfalle. Die Container auf dem Gelände der Autobahnmeisterei Neumünster in Krogaspe bringen noch weit größere Funde zu Tage: Fernseher, Kühlschränke, sogar Reinigungsbürsten von Waschstraßen. Groß im Kommen sei neuerdings Pommesfett. Langweilig werde es also nicht bei der Autobahnmeisterei. „Vielleicht schreibe ich ’mal ein Buch darüber“, scherzt Johansen. Dass sich Autofahrer dadurch ändern könnten, glaubt er nicht.

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