Torsten Albig im Interview : „China hat uns in Teilen sogar überholt“

Lobt die Kooperation: Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) gestern  im chinesischen Hangzhou.
Lobt die Kooperation: Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) gestern im chinesischen Hangzhou.

Seit 27 Jahren ist Schleswig-Holstein Partner der chinesischen Provinz Zhejiang – Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) zieht beim Besuch des Landes eine Bilanz.

shz.de von
22. November 2013, 08:49 Uhr

Essen hat eine zentrale Bedeutung in China. Die Frage „Chi le ma“ – ob man schon gegessen habe – gehört zu den Standardfragen. Wie ist Ihnen das Essen in Shanghai und Schleswig-Holsteins Partnerprovinz Zhejiang bislang bekommen?
Ausgezeichnet. Es war alles sehr lecker, nichts was für europäische Geschmäcker irgendwie übermäßig ungewöhnlich gewesen wäre.

Nur bei den Krabbenbeinen gab es Probleme...
Das lag nur an meiner Unfähigkeit, sie zu öffnen und nicht an der Krabbe an sich. Es war mir nicht ganz klar, wie ich daran komme, ohne mich vollzukleckern. Die chinesischen Partner hatten wohl mehr Übung darin (lacht). Mir gelang das jedenfalls weder mit den Stäbchen, noch mit der Hand. Das Teil flutschte immer weg. Aber das Fleisch selber wäre sicherlich sehr lecker gewesen.

Als Schleswig-Holstein und Zhejiang ihre Partnerschaft Ende der 80er Jahre ausgebaut haben, war die Rollenverteilung relativ klar. Zhejiang war die arme Provinz in der Nachbarschaft von Shanghai, Schleswig-Holstein war Bundesland einer wohlhabenden Industrienation. Die Situation hat sich seitdem komplett verändert. Wie ist die Rollenverteilung heute?
Die Situation hat sich sicher verändert, aber nicht komplett gedreht. Wir sind ja nicht die arme Provinz eines Entwicklungslandes, sondern Deutschland ist immer noch die drittgrößte Volkswirtschaft der Erde und Schleswig-Holstein ist ein Teil davon. Aber China hat sich in der Zwischenzeit enorm verändert. Die Volksrepublik hat in großen Teilen aufgeholt, uns in manchen Teilen sogar überholt – das sieht man hier in Zhejiang, einer der reichsten und dynamischsten Provinzen Chinas, besonders deutlich.

Hat das Folgen?
Ja. Wir arbeiten jetzt viel mehr auf Augenhöhe zusammen. Beide Seiten sehen, dass sie wechselseitig voneinander profitieren können. Für unsere Unternehmen wird der chinesische Markt für den Absatz ihrer Produkte immer interessanter. Das stand in den 80er Jahren noch nicht im Mittelpunkt der Überlegungen. Da waren sicher die günstigen Lohnkosten das Hauptargument. Doch das verliert bei 10 bis 15 Prozent Gehaltssteigerungen jedes Jahr hier zunehmend an Relevanz. Wenn man sehen will, wie stark sich China entwickelt hat, muss man nur rausschauen. Wer hier Mitte der 80er war, der wird vor allem Fahrräder und einige qualmende Mopeds gesehen habe. Heute sieht er Mittelklasse-Wagen des oberen Segments und Elektroroller. Es gibt einen fundamentalen Wohlstandsschub in China. Das heißt für unsere Unternehmen, dass jeder, der an die Grenzen europäischer Märkte kommt, hier sein muss, sonst wird er von anderen vom Markt verdrängt werden.

Was würden Sie jemandem entgegnen, der sagt, dass sich der Ministerpräsident eines Bundeslandes vielleicht erst einmal in Deutschland vernünftig um die Wirtschaftsförderung kümmern sollte?
Dass diese Sichtweise zu kurz greift. Wirtschaftsförderung in Deutschland besteht im wesentlichen darin – mit den Mitteln, die sie haben – Infrastruktur aufzubauen und instand zu halten. Das ist schon schwer genug – und daher ja auch eines der zentralen Themen bei den Koalitionsverhandlungen in Berlin. Ansiedlungspolitik machen sie in Deutschland zudem über die ständige Verbesserung der allgemeinen politischen Verlässlichkeit, die Schnelligkeit der Verwaltungsentscheidungen, über vernünftige Steuerpolitik oder über die Bereitstellung von genügend qualifizierten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern. Sie müssen Unternehmen aber nicht mehr beim Marktzugang helfen.
China hingegen ist ein Markt, der aus der Entfernung immer noch sehr unbekannt und kompliziert anmutet. Unsere Aufgabe hier besteht darin, denen zu helfen, die in diesen Markt möchten, im Augenblick aber noch viele Fragen und Sorgen haben. Die sich beispielsweise fragen, wie kann ich meine Marke erfolgreich schützen? Die sich fragen, wie komme ich an Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in China und wie ist deren Qualifikation? Und da haben wir in 27 Jahren Partnerschaft mit Zhejiang unter anderem über die Wirtschafts- und Technologieförderung Schleswig-Holstein eine Menge Kompetenz aufgebaut. Das gibt uns die die Möglichkeit, gerade unsere mittelständischen Unternehmerinnen und Unternehmer an die Hand zu nehmen und sie erfolgreich zu unterstützen.

Besonders angetan haben Sie sich auf ihrer Reise von dem Studentenaustausch der Lübecker Fachhochschule mit der chinesischen East China University of Science and Technology gezeigt. Zugleich bemängelten sie, dass es momentan vor allem Chinesen sind, die nach Schleswig-Holstein kommen, aber nur wenige Schleswig-Holsteiner nach China gehen. Wie erklären Sie sich dieses Missverhältnis?
Ich glaube, die Chinesen sehen sich noch viel stärker, als wir es wahrnehmen, als ein zu entwickelndes Land. Und solche Möglichkeiten wie der Austausch von Studenten oder das Studium im Ausland werden von Chinesen als extrem wichtiger persönlicher Entwicklungsschritt wahrgenommen. Für diese Chancen setzen sie außergewöhnlich viel Fleiß ein und unternehmen extrem hohe Anstrengungen. Hier gilt noch ganz urständig das Motto, dass ich mich selber anstrengen muss, um erfolgreich zu sein. Das gerät manchmal in einem so wohlhabenden Land wie dem unserem etwas in Vergessenheit. In einer Welt wie China, die im Kindergarten anfängt, an den Wettbewerb zu denken, ist der Schritt nach Europa auch einer, der unter diesem Aspekt gesehen wird. Auch deshalb wird er mutiger angenommen. Das beginnt übrigens schon in der Schule, da haben wir die gleichen Erfahrungen. Sie finden viel leichter eine chinesische Klasse, die nach Deutschland fährt, als eine deutsche, die nach China fährt.

Aber woran liegt das?
Das beginnt bei uns schon bei der Diskussion über Reisekosten, hat aber auch etwas mit uns als „Staat“ zu tun. Für China ist es viel selbstverständlicher, dass er solche Möglichkeiten finanziert, weil es gut ist für seine Kinder. Aus chinesischer Sicht ist es hingegen ganz selbstverständlich, dass ich das mache, weil es gut ist für meine nächste Generation. Wir hätten nie Diskussionen mit dem Steuerzahlerbund. Wir müssen solche Diskussionen offensiver führen – vielleicht auch unter dem Aspekt des Investments in die Zukunft. Im Fall der Schulreise nach China ist das ja keine Klassenreise, die man macht, um eine Woche fröhlich zu feiern, sondern das ist aus chinesischer Sicht ein Bildungsinvestment. Und an diesen Gedanken müssen wir uns wieder stärker heranarbeiten.

Wäre es dann beispielsweise auch in ihrem Sinne, wenn in fünf, sechs Jahren an allen Schulen in Schleswig-Holstein Chinesisch als zweite Fremdsprache unterrichtet würde?
Soweit würde ich nicht gleich gehen. Aber dass wir gegenwärtig – glaube ich – nur eine Lehrerin in Schleswig-Holstein haben, die Chinesisch unterrichten kann, ist sicher keine richtige Antwort gemessen an der Realität, dass China unser zweitgrößter Außenhandelspartner ist. Weder Dänisch noch Chinesisch können sie flächendeckend in Schleswig-Holstein lernen. Mit Großbritannien oder auch den USA treiben wir beispielsweise deutlich weniger Handel, aber selbstverständlich unterrichten wir flächendeckend Englisch an unseren Schulen. Also: Vielleicht sollte Chinesisch nicht gleich an jeder Schule als zweite Sprache unterrichtet werden, aber wenn ich gerne Chinesisch lernen möchte, sollte ich das an mehreren Schulen über das ganze Land tun können.

Im Gespräch mit Xia Baolong, dem Parteisekretär von Schleswig-Holsteins Partnerprovinz Zhejiang, sagten sie, dass der Zusammenarbeit beider Regionen die besten Jahre noch bevor stünden. Was käme beim Blick in die sprichwörtliche Kristallkugel heraus?
Schleswig-Holstein hat viel Entwicklungspotenzial auch beispielsweise bei Flächen rund um Hamburg. Hier sind wir zwischen den Metropolen Hamburg und Kopenhagen für chinesische Investments sehr interessant. Bei dem Blick in die Zukunft kommt auch heraus, dass wir uns noch stärker positionieren als Dreh und Angelpunkt für den baltischen Raum. Gerade auch für chinesische Unternehmen, die sich dann zum Beispiel bis in Richtung Weißrussland aufstellen wollen. Und dabei kommt heraus, dass man in einem Jahrzehnt völlig selbstverständlich ohne jede negative Debatte in Schleswig-Holstein als Unternehmen in China präsent ist und diese Entwicklungschancen nutzt, um damit letztlich auch den Standort in Schleswig-Holstein zu stärken. Das Unternehmen Pentosin aus Wedel ist für mich immer das beste Beispiel dafür.

Inwiefern?
Wenn man Schmierstoffe herstellt, die eigentlich in jedem Oberklasse-Fahrzeug eingesetzt werden, müssen Sie überlegen, wer stellt wohl in zehn bis 15 Jahren die meisten Autos her? Und es spricht einiges dafür, dass das chinesische Hersteller sind. Also müssen sie jetzt daran arbeiten, dass die auch ihr Produkt kaufen. Pentosin glaubt daran, und beliefert künftig den chinesischen Markt auch aus Qingdao – der Partnerstadt Kiels – und nicht mehr wie bisher allein aus dem Hamburger Umland. Das ist dann kein übertriebenes Wagnis mehr, sondern am Ende Überlebensstrategie in einem Wettbewerb, in dem der europäische Markt im wesentlichen saturiert sein wird.

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