zur Navigation springen

Wölfe in Schleswig-Holstein : Chef der Landesforsten: Wolf birgt Tollwutgefahr

vom

Expertenstreit um den Wolf: Sind Tollwut, Räude oder Staupe reale Gefahren oder ein „hochtheoretischer Ansatz“?

Ein Spitzenbeamter des Landes warnt davor, dass die Rückkehr des Wolfes das Risiko für einen Ausbruch der in Schleswig-Holstein eigentlich überwunden geglaubten Tollwut erhöht. Tim Scherer, der Direktor der Landesforsten, drängt in einem Schreiben an den Umwelt- und Agrarausschuss des Landtags auf „klare Kriterien für eine finale Entnahme des Wolfes aus der Wildbahn, wenn die öffentliche Sicherheit in Frage steht“.

Insbesondere gelte dies „für den Fall des nicht auszuschließenden Wiederaufflackerns der Tollwut, bei der eine ungleich höhere Gefahr vom Wolf für den Menschen ausgeht als von den übrigen vorkommenden Tierarten“, mahnt Scherer.

Der Wolf spaltet. Naturschützer freuen sich über die Rückkehr, Jäger und Förster sind skeptisch, Schäfer fürchten um ihre Tiere. Die Wölfe sind erst seit 2007  zurück in SH, sie kamen über Polen, Sachsen, Vorpommern, Brandenburg und Mecklenburg. Zuvor wurde der letzte freilebende Wolf Schleswig-Holsteins 1820 bei Brokenlande im heutigen Kreis Segeberg erlegt.

Damit nicht genug: Wegen der „raumgreifenden Mobilität“ des Wolfes sieht Scherer ein „schnelles und effizientes Ausbreitungspotenzial auch für andere Seuchen wie Räude, Staupe oder Endo- wie Ektoparasiten“. Die Einschätzung des Landesforsten-Chefs stammt aus einer Stellungnahme, die er  im Rahmen einer Anhörung des Ausschusses zum Thema „Den Kontakt zwischen Mensch und Wolf auf das geringstmögliche Maß reduzieren“ abgegeben hat.

Die Abgeordneten loten damit aus, wie mit dem wiedereingewanderten Vierbeiner umgegangen werden soll. „Völlig ausschließen kann man das nicht“, sagt Wolfgang Springborn, Wolfsbetreuer beim Landesjagdverband, zu der Frage, ob Wölfe die Tollwut in den Norden zurückbringen könnten.  In Osteuropa beispielsweise sei die Krankheit nicht ausgestorben. Ein Wolf, bei dem die Krankheit ausgebrochen sei, verende erst nach zwei bis vier Wochen. Innerhalb dieser Zeit könne er viele hundert, womöglich über tausende Kilometer zurücklegen, so der Jäger.

Für wahrscheinlicher hält es Springborn, dass die Tollwut aus Osteuropa durch Fledermäuse eingeschleppt wird. Wenn – auf welchen Wegen auch immer – die Tollwut nach Schleswig-Holstein zurückgekehrt sein sollte, bezieht sich die Sorge vor allem darauf, dass sie auf den sehr anfälligen Fuchs übergreifen und sich von da aus weiter ausbreiten könnte.

Arne Drews vom Wolfsmanagement des Landes im Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und Ländliche Räume in Flintbek mag Scherers Bedenken im Hinblick auf eine Rückkehr der Tollwut nicht endgültig bewerten. Er spricht jedoch von einem „hochtheoretischen Ansatz“. Für ihn ist kaum vorstellbar, dass ein Tollwut-infizierter Wolf es noch aus Polen bis nach Schleswig-Holstein schafft: Die Tiere seien dadurch deutlich geschwächt und eingeschränkt bei Orientierung und Ernährung.

Wie viele Wölfe gibt es in Deutschland?

Nach Angaben des Wolfsinformationszentrums Schleswig-Holstein gibt es zurzeit 34 Wolfsrudel bzw. -paare und drei sesshafte Einzelwölfe. Die Anzahl variiert je nach Bundesland. Am häufigsten sind die Tiere im östlichen Teil Deutschlands in der Lausitz (nordöstliches Sachsen und südliches Brandenburg) unterwegs.

Seit wann sind die Tiere wieder in Schleswig-Holstein?

Wölfe lassen sich immer wieder in SH sehen. Den ersten Nachweis nach 200 Jahren gab es im April 2007. Damals wurde ein Jungtier in der Nähe von Süsel (Ostholstein) überfahren. Untersuchungen ergaben, dass das Tier aus dem sächsischem Raum stammte.

Auch 2012, 2013 und 2014 konnten Wölfe nachgewiesen werden. Eine Karte auf der Homepage des Wolfinformationszentrums Schleswig-Holstein zeigt die Hinweise auf Wölfe.

Stellen Wölfe eine Bedrohung für den Menschen dar?

Grundsätzlich geht von den Tieren keine Gefahr aus. Der Wolf galt vor langer Zeit sogar als enger Freund des Menschen und wurde vor etwa 14.000 bis 16.000 Jahren von Menschen aufgezogen und als Haustier gehalten.

Menschen passen nicht in das Beuteschema der Wölfe. „Hauptsächlich ernähren sie sich von Rehen und Wildschweinen, Nutztiere wie Schafe sind da eher die Ausnahme“, bestätigt uns Wolf von Schenck, Geschäftsführer vom Wolfsinfozentrum Schleswig-Holstein. Menschen gegenüber verhalten sie sich sehr scheu. Das war am Wochenende jedoch nicht der Fall: „Es ist schon sehr auffällig, dass der Wolf die Nähe zum Menschen kaum gescheut hat“, sagt der Experte. Selbst als man das Tier vertrieben hatte, kam es wieder.

Bei gesunden Wölfen besteht keine Gefahr. Sind sie jedoch mit Tollwut infiziert, kann sich ihr Verhalten ändern. Tollwut kann laut dem Wolf-Experten jedoch so gut wie ausgeschlossen werden. Die Virusinfektion ist in Deutschland nicht mehr verbreitet und wurde durch einen Impfköder bekämpft.

Warum greift ein Wolf Schafe an?

Fachleute untersuchen gerade, warum sich der Wolf den Schafen gegenüber so aggressiv verhalten hat. Von den verletzten Tieren wurden Abstriche genommen, um mit Hilfe von genetischen Untersuchungen weitere Informationen über den Wolf zu erhalten.

„Es gibt mehrere Hinweise darauf, dass die Wölfe von Menschen gefüttert wurden. Diese Informationen stammen jedoch aus Niedersachsen und werden derzeitig noch überprüft“, sagt Wolf von Schenck gegenüber shz.de. Wenn sich diese Hinweise bewahrheiten, könnte das ein Grund dafür sein, warum der Wolf bei Mölln kaum Distanz zum Menschen eingehalten hat.

Wie kann ich mich schützen?

In der Regel zieht sich der Wolf bei einer Begegnung mit dem Menschen von alleine zurück. Weil die Tiere ausgezeichnete Ohren haben, vermeiden sie bereits früh den Kontakt mit ihnen. Aufgrund des aktuellen Vorfalls im Februar rät das schleswig-holsteinische Umweltministerium vor allem den Bewohnern der Region Mölln, ihre Hunde nicht unangeleint laufen zu lassen. Auch Tierhalter von Schafen und Ziegen sollten darauf achten, ihre Tiere angemessen zu schützen.

Wo kann man sich informieren?

Für Fragen oder Wolfshinweise kann man sich an das Wolfsinformationszentrum Schleswig-Holstein wenden. Es gibt eine spezielle Notfall-Hotline: 0174-6330335. Weitere Informationen gibt es unter www.wolfsbetreuer.de. Insgesamt gibt es inzwischen 38 Wolfsbetreuer, die über das ganze Land verteilt sind.

 
zur Startseite

von
erstellt am 07.Sep.2015 | 17:52 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen