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Nach fünf Jahren im Koma : Carola Thimm – eine Frau kämpft sich ins Leben zurück

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Carola Thimm aus Preetz hat ein medizinisches Wunder erlebt. Die Geschichte einer Frau, die ihr Leben neu erobern muss.

„Ich hab viel Glück gehabt im Leben.“ Carola Thimm sagt das nach kurzem Überlegen ganz ruhig. Keine Spur von Effekthascherei. Doch der Satz verschlägt einem den Atem. Die Diplom-Verwaltungswirtin aus Preetz ist 35 Jahre alt und im fünften Monat mit einem Wunschkind schwanger, als sie Pfingsten 2004 ins Wachkoma fällt. Ein Aneyrisma war in ihrem Kopf geplatzt.

Fünf Jahre später taucht sie beinahe im wahrsten Wortsinn wieder daraus auf und kaum etwas ist noch so wie vorher. Vor allem muss sie auf alles verzichten, was ihr Leben einmal reich machte. Trotzdem sagt sie „Glück gehabt“. Jetzt hat sie die Zeit im Koma und den langen Weg zurück in einem Buch festgehalten. Es ist die Geschichte eines wahren Wunders.


„Du bist wiederr da, Carola!“

Carola Thimm sitzt in ihrer Preetzer Wohnung und spricht. Das tut sie gerne und ausgiebig. Nicht nur, weil die Sprache ihr über so viele Jahre abhanden gekommen war. Aussagen ihrer Mutter, die in dem Buch „Mein Leben ohne mich“ zu Wort kommt, ist zu entnehmen, dass Kommunikation für Carola Thimm immer Lebenselixier war. Und weil sie so viel und so gerne erzählt, fällt auf, wie der Redefluss manchmal hakt, sie ein Wort erst suchen, nach einer Erinnerung kramen muss. Wüsste man nicht, dass diese Frau nach fünf Jahren im Wachkoma neben allem anderen auch das Sprechen neu lernen musste, hielte man sie für etwas zerstreut. Das allerdings ist sie nicht. Im Gegenteil. Die schlanke Frau mit dem rötlichen Lockenkopf ist hochkonzentriert, und ihr fester Wille leuchtet förmlich aus den grünen Augen.

Warum sie wieder aufwacht, weiß niemand sicher zu sagen. Vielleicht ist die neu eingestellte Medikation der Auslöser, vielleicht hat sie ihre angeborene Energie mitgenommen in den Zustand, den bis heute niemand wirklich erklären kann – Wachkoma. Tatsache ist, dass Carola Thimm mit ihrer Familie, vor allem mit ihrer Mutter, mit Therapeuten, Freunden, Pflegekräften immer jemanden um sich hatte, der ärztlichen Prognosen zum Trotz an ein Erwachen geglaubt hat.

Jedenfalls ist da dieser eine Tag, an dem sie einen Mann vor sich sieht, den sie für einen Pfarrer hält und der ihr ein Handzeichen gibt: Daumen und Zeigefinger zum „O“ geformt, das Zeichen für Okay. Carola Thimm kennt es, hat es als passionierte Taucherin ungezählte Male selbst gemacht. „Millionen Mal“, sagt sie lachend und formt es jetzt am Tisch ihrer Preetzer Wohnung gleich wieder wie ein Glückszeichen. Auch dem vermeintlichen Pfarrer hat sie so geantwortet, und der ist total überrascht. „Du bist wieder da, Carola, du bist wieder da!“

Es ist eine Schlüsselszene in ihrem Buch, denn sie beschreibt, wie sie zum ersten Mal unmissverständlich wieder Kontakt zur Außenwelt aufnimmt, der Jahre vorher abriss, nachdem ein Aneurysma in ihrem Kopf platzte. Im fünften Monat war sie da schwanger mit einem Kind, das sie sich jahrelang gewünscht hatte. Als Carola Thimm mit einem Finger-O antwortet, hat sie keine Ahnung, dass dieses Kind per Kaiserschnitt zur Welt gekommen ist, ja, sie weiß nicht einmal mehr, dass sie schwanger war und bis heute kann sie sich an den Tag ihres Zusammenbruchs nur dunkel erinnern. „Früher habe ich alte Menschen mit ihrer Vergesslichkeit nicht verstanden“, sagt sie. „Jetzt weiß ich, wie das ist.“ Ihr Kurzzeitgedächtnis sei noch immer in Mitleidenschaft gezogen, das Langzeitgedächtnis zunächst auch weg gewesen. Verwandte, Freunde, Erlebnisse – allmählich kamen Erinnerungen zurück. „Von hinten nach vorne“, sagt sie. Ihre Mutter beförderte das Erinnern mit Hilfe von Fotoalben und Geschichten.


Sie muss verzichten lernen

Das mit Fingern geformte „O“ lag ganz dicht unter der Oberfläche, es steht für ihre Passion. 925 Tauchgänge hat Carola Thimm gemacht, sie war die erste Drei-Sterne-Tauchlehrerin Schleswig-Holsteins. „Das sind die, die Tauchlehrer prüfen“, hilft sie dem Laien auf die Sprünge. Fürs Tauchen ist sie um die Welt gereist. Wenige Monate, bevor das Aneurysma in ihrem Schädel platzt, taucht sie vor Palau im Pazifischen Ozean, hat Begegnungen mit Haien. Es ist der letzte Tauchurlaub ihres Lebens, die letzte Flugreise überhaupt. Tauchen und Fliegen darf sie nie mehr, auch ihre Trompete nicht mehr spielen, weil zu großer Druck auf das Hirn ausgeübt würde. Sie darf auch nicht mehr Auto und Motorrad fahren. Und keine Kinder bekommen, weil Gefäßwände während einer Schwangerschaft dünner werden.

Zunächst habe sie das traurig gemacht, sagt Carola Thimm schlicht. In ihrem Buch klingt da noch Empörung mit, aber zugleich auch der unbedingte Wille, wieder ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Dafür muss sie verzichten lernen. Und trainieren. Sie tut es mit Ehrgeiz und eisernem Willen. Alles muss sie wieder lernen: Laufen, Radfahren, später die Dinge des Haushalts. Und, vor allem, Sprechen, denn was sie im Kopf hat, will ihr nicht über die Zunge kommen.


Auf einmal Mutter

Sie lernt, dass der süße Fratz namens Marie, der ihr selbst so ähnlich sieht, nicht etwa eine zweite Tochter ihrer Schwester ist, wie sie glaubt, sondern ihr eigenes Kind. An Wehen, an die Entbindung per Kaiserschnitt kann sie sich so wenig erinnern wie an die Beerdigung ihres geliebten Vaters, den sie zuletzt doch von einer Krebserkrankung genesen erlebt hat. Aber so, wie sie das letzte nun traurig macht, beglückt sie die Existenz der Tochter. „Ich habe eine Tochter. Ich bin Mutter. M-u-t-t-e-r. Langsam lasse ich mir das Wort auf der Zunge zergehen. In mir drinnen wird es ganz warm“, heißt es im Buch. Auch dies ist eine Schlüsselszene. Die Erkenntnis der Mutterschaft treibt sie zu Höchstleistungen. „Marie“ will sie sagen können, ein schwieriger Name, den sie unablässig übt.

Und sie trainiert ihren Körper. Ein Leben lang hat sie Sport getrieben, war fit. Ihren Traum-Job, Kripo-Beamtin, hat sie nur eines ehemals „krummen Rückens“ wegen in den Wind schreiben müssen. Beim Blick in den Spiegel registriert sie irritiert, dass sie aufgeschwemmt und dick geworden ist. Also bewegt sie sich, geht zunächst, läuft dann, fährt Rad. Inzwischen geht sie regelmäßig ins Fitness-Studio. 15 Kilogramm sind abtrainiert. Noch auf dem Schutzumschlag zu ihrem Buch ist sie deutlich rundlicher als heute.


Gibt es ein Happyend?

Carola Thimm begreift das Leben als Veränderung. Auf dem Weg zurück ins Leben hat sich für sie vieles geändert. Die Beamtin des Kieler Sozialministeriums, die bis 2004 in der Verwaltung eines Atomkraftwerks für das Personalwesen zuständig war, ist Pensionärin, die sorgsam ihre Ausgaben im Blick behalten muss. Ihr Ehemann hat eine neue Partnerin, das Haus, in dem das Paar lebte und in dem die Tochter aufwachsen sollte, ist verkauft.

Carola Thimm hat es aus Klinik- und Pflegebetten in eine eigene Wohnung geschafft. Ihr Kind lebt beim Vater, die Hälfte des Sorgerechts hat Carola Thimm sich erkämpft. Die neue Partnerin ihres Mannes und Marie kommen gut miteinander zurecht. Ihre Tochter ist regelmäßig bei der Mutter. Carola Thimm selbst hat ebenfalls wieder einen neuen Partner – ein „liebevoller Mann mit tollen braunen Augen“, heißt es im Buch. Dieser Mann hat der Reisefreudigen, die sich selbst als „Erdenbürgerin“ beschreibt, für die Zeit nach seiner Pensionierung eine gemeinsame Kreuzfahrt nach Australien in Aussicht gestellt. Tauchen wird Carola Thimm auch dort nicht dürfen, „aber Schnorcheln“, sagt sie. Statt Trompete spielt sie Gitarre, statt mit dem Auto fährt sie mit dem Zug. Sie ist Mitglied der Caritas geworden. „Und ich habe ein neues Hobby: Zumba.“ Berichte über Menschen, die es nach Jahren aus dem Wachkoma zurück ins Leben geschafft haben, gibt es immer wieder einmal. Carola Thimm hat bis heute jedoch niemanden kennengelernt. Warum sie das Buch angepackt hat? „Ich möchte Menschen Mut machen, Angehörige im Wachkoma wie ganz normale Leute zu behandeln und sie nicht aufzugeben.“

Ihr Buch endet mit diesen Sätzen: „… die Zukunft liegt vor mir und ich freue mich darauf. Alles ist gut. Ich lebe.“

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