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Reportage : Burger braten im Selbstversuch – eine Nacht bei McDonald's

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Cheeseburger, Nuggets und Coke sind schnell bestellt und genauso schnell aufs Tablett gebracht. Doch was einfach aussieht, ist bis zur letzten Tomatenscheibe durchgeplant. Eine Nachtschicht im Fast-Food Restaurant.

shz.de von
erstellt am 12.Apr.2015 | 17:09 Uhr

Flensburg | Zwar gehört Fast-Food nicht unbedingt zu meinen favorisierten Lieblingsspeisen, aber so dann und wann stelle auch ich mich in den Autokorso vor den McDrive-Schalter unseres örtlichen Fast Food-Restaurants. „Guten Abend, willkommen bei McDonald’s, ihre Bestellung bitte“, habe ich in meinem Leben schon häufiger gehört, als es meinen Hüften guttun würde.

Und immer wieder aufs Neue stelle ich mir die Frage: Wie funktioniert das hier eigentlich? Vor mir sind mindestens fünf vollbesetzte Fahrzeuge, woher wissen die denn nachher noch, ob ich Ketchup oder Majo zu den Pommes haben möchte? Ich will es genauer wissen und wenn schon, dann richtig, und stelle mich in einer Sonnabendnacht selbst hinter den Tresen.

Melanie Schneider ist mit 27 Jahren bereits stellvertretende Restaurantleiterin, was heißt, dass sie unter anderem für die Personalplanung zuständig ist, die Fäden und das Team fest in der Hand hält. Sie hat bereits als Azubi hier angefangen und gleich nach der Schule „Fachfrau für Systemgastronomie“ gelernt. Auf mich macht die hübsche (und schlanke) Mitarbeiterin einen aufgeräumten und kompetenten Eindruck. Vorbei an Wärmebehälter und heißen Fettbädern geht es für mich in die Aufenthaltsräume. Ich muss höllisch aufpassen, dass ich nicht ausrutsche, denn der Boden fühlt sich an wie Schmierseife. „Das kommt vom Fett“ erklärt mir Melanie Schneider „Da kann man auch nicht gegen anputzen.“ Allein schon aus diesem Grund trägt hier jeder schwarze Sicherheitsschuhe. Ein kleiner Raum am Ende des Flurs ist mit pragmatischem Metall-Spint eingerichtet und an einer Kleiderstange baumelt eine Plastiktüte mit „meiner“ Arbeitskleidung, die überraschend bequem ist. Lange Lüftungsschlitze zieren die schwarze Hose. „In der Küche kann es schon mal sehr warm werden“, antwortet mir Melanie Schneider. Wer auf die Homepage von McDonald’s geht, findet eine Liste der häufigsten Kunden-Fragen, darunter auch, ob man die Arbeitskleidung käuflich erwerben könne. Man kann nicht.

In der Luft hängt der deutliche Geruch von gebratenem Hackfleisch und Frittenfett. Ob man das je wieder abgeduscht bekommt? „Wenn ich nach Hause komme, muss ich mir schon öfter anhören, dass ich wie ein Burger rieche“, erzählt meine Interviewpartnerin und verzieht das Gesicht.
 

Der Standort am Friedenshügel in Flensburg hat Sonntag bis Donnerstag von 7 Uhr morgens bis 2 Uhr nachts geöffnet. An Freitagen und Sonnabenden sogar rund um die Uhr. Gearbeitet wird im Drei-Schicht-System.

Thomas schätze ich auf Anfang 20. Er kommt mir mit einem freundlichen Hallo entgegen, bevor er sich wieder seiner Aufgabe zuwendet: Hamburger bauen und zwar nicht irgendwie, sondern ganz stringent nach Vorgabe. Über jeder Arbeitsstation hängt ein laminiertes Schild mit genauer Anweisung in Schrift und Bild. Ein sogenanntes „Piktogramm“. Wann kommt die Scheibe Tomate drauf, welche Sauce, wann das Salatblatt – sowohl die Reihenfolge, wie auch die Menge sind genau festgelegt und die Zeit durchgetaktet. „Und die Vorgaben müssen unbedingt eingehalten werden“, sagt mir Thomas.

In der Küche hat jeder seinen festen Bereich, ob am Grill oder am Toaster, da wird dann auch nicht getauscht. Alle Produkte bekommt der McDonald’s-Standort täglich frisch und fertig vorbereitet von eigenen Lieferanten geliefert. „Das ist das Prinzip der Systemgastronomie, bei uns läuft alles nach einem bestimmten Schema ab“, erklärt Melanie Schneider.

Alles, was geöffnet wird, wird mit einer Haltezeit versehen und an den verschiedenen Arbeitsstationen zeigen rote Digitalleuchten an, wann Chicken & Co. aus den Schubladen genommen werden müssen. Alles, was nicht innerhalb dieser Zeit raus geht, wandert in den Biomüll und das bedeutet beispielsweise bei Chicken McNuggets bereits nach 20 Minuten. Ein Eisbergsalat bekommt, nachdem er aus dem Kühlschrank geholt worden ist, ein halbe Stunde Zeit, um auf Zimmertemperatur zu kommen. Danach muss er innerhalb der nächsten zwei Stunden über den Tresen sein, sonst kommt auch er in die Tonne.

Mitarbeiter dürfen im Restaurant essen, was sie möchten. Produkte mit nach Hause zu nehmen ist allerdings nicht erlaubt. Auch was übrig ist, darf auf keinen Fall weitergegeben werden. Wann, wie viel und was bestellt wird, ist eine Kunst für sich. Erfahrungswerte und jahrelange Erhebungen helfen bei der Planung.

Das Hygieneamt sieht öfter mal vorbei und das meist unangemeldet. „Da sind wir ganz entspannt“, stellt Melanie Schneider fest.

Donnerstag bis Sonnabend sind die umsatzstärksten Tage. Am Freitag geht am meisten Fisch über den Tisch. Der Flensburger Standort wird gern und oft von unseren dänischen Nachbarn angefahren. „Sie bestellen besonders oft Bacon und Mayonnaise“, beobachtet Melanie Schneider.

Bedingt durch die Grenznähe werde der Flensburger Standort häufig von skandinavischen Besuchern angefahren, erzählt Rüdiger Dreilich. Er ist Bezirksleiter und arbeitet seit mehr als drei Jahrzehnten für McDonald´s. „Ab und an kommt es vor, dass Busfahrer uns anrufen und ankündigen, dass die Passagiere gern einen Stopp uns machen wollen“, sagt Dreilich. Gut, denke ich, es muss ja nicht immer der Tisch beim Italiener sein.

Ich verkrieche mich in die Ecke, um niemandem im Weg zu stehen. Eigentlich habe ich mit hektischem Treiben gerechnet, aber im Moment geht es ganz ruhig in der Küche zu. Thomas, der gerade keine Burger belegen muss, putzt seinen Arbeitsplatz akkurat und füllt die leeren Zutatenbehälter auf. „Wir haben strenge Hygienevorschriften, die wir unbedingt einhalten müssen“, sagt er.

Über den Arbeitstischen hängen kleine Monitore, auf den jede Bestellung gelistet ist. Ich persönlich finde es ziemlich verwirrend und kann mich kaum orientieren. Wo sind die Tüten? Wo die Süßsauer-Sauce? Wo gehört welches Produkt hin und was um alles in der Welt ist überhaupt ein Veggieburger TS? Der blond bezopften Angelika ringt das alles nur ein müdes Lächeln ab. „Du solltest mal hier sein, wenn was los ist“, sagt sie, während ich so langsam ins Schwitzen komme. Wenn die Schlange vor den insgesamt sechs Kassen lang wird, dann renne das Personal hinten in der Küche auch schon mal los. „Unser persönliches Fitnessprogramm“, lacht Angelika.

Ich stelle mich eine Weile neben Melanie Schneider an die Kasse und werde von den Gästen kritisch beäugt. „Anfängerin, steht den meisten deutlich auf der Stirn geschrieben. So manches Augenrollen, weil ich nicht das passende Dressing finde, entgeht mir nicht. „Manche Gäste sind eben freundlich und manche nicht, da gewöhnt man sich dran“, tröstet mich der Profi. Es kommt schon mal vor, dass das Kassenpersonal die schlechte Laune von Gästen abbekommt. „Beispielsweise dann, wenn das Lieblingsprodukt aus dem Programm genommen wurde“, erzählt die stellvertretende Restaurantleiterin.

Weiter geht es für mich an den McDrive-Schalter und ich bin ganz froh darüber, aus der Schusslinie zu sein. Kathrin setzt mir einen rot blinkenden Kopfhörer auf und ich versuche irgendwie zu erahnen, was da in den Lautsprecher genuschelt wird. Für mich klingt das nach: „Einen Cheeseburger – krächz – zwei Cola light – krächz – mit Ketchup – krächz und einen Big irgendwas krächz“. Das Morsealphabet lerne ich bestimmt schneller. „Mit der Zeit kann man das Nuscheln verstehen“, sagt Kathrin und tippt die Bestellungen routiniert in die Kasse ein. Angelika gibt sich größte Mühe und will mir beibringen, wie viele Servietten pro Tüte vorgesehen sind und wie Pommes nicht aus ihrer Verpackung fallen. Ich lerne vor allem eines: schnell muss es gehen und zwar alles.

Am schwierigsten wird für mich das Happy Meal, denn das muss ich erst mal nach Origami-Technik zusammenfalten. „Das übst du jetzt einfach einen Tag lang“, gibt mir Angelika mit auf den Weg.

Meine Tüten darf ich aus dem Fenster reichen und komme ein wenig ins Schleudern, als ein Streifenwagen neben dem Häuschen stehen bleibt. Na, die müssen ja auch was essen, denke ich und verabschiede die Polizisten mit einem freundlichen „schönen Abend noch“. Befürchte, die fanden mich komisch. Um mich herum piept es im Minutentakt. Die Pommes sind fertig, die Nuggets müssen raus, die Apfeltasche liegt bereit. Ich frage bei Rüdiger Dreilich nach, ob McDonald´s vielleicht auch irgendwann vegane Produkte im Sortiment aufnimmt. „Alles ist möglich“, bekomme ich zur Antwort „Wir stellen uns immer wieder aufs Neue auf die Wünsche unserer Kunden ein.“ Eigene Kräfte sorgen im Restaurant für Ordnung, wischen die Tische ab und bringen die Tablettwagen in einen winzigen Reinigungsraum. Zu meiner Überraschung erzählt mir die „gute Lobbyfee“ Tamara, dass sie bereits seit knapp 16 Jahren Veganerin ist. Dass sie jeden Tag die Überreste von fleischigen BigMacs entsorgen muss, das störe sie dabei kein Stück.

Meine Test-Schicht ist kurz nach 1 Uhr nachts zu Ende und ich auch. Jetzt heißt es für mich erst einmal Haare waschen. Eines habe ich auf jeden Fall für mich mitgenommen: Ich werde nie mehr die Augen verdrehen, wenn es am McDrive mal länger dauern sollte. Versprochen.

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