Jobcenter Pinneberg : Bundesagentur verteidigt Tipps für Hartz-IV-Empfänger

Bilderbuchfamilie auf Sparkurs: Mit Comics wird die Broschüre illustriert. Foto:
Bilderbuchfamilie auf Sparkurs: Mit Comics wird die Broschüre illustriert. Foto:

Eine Broschüre des Jobcenters Pinneberg mit Spartipps für Hartz-IV-Empfänger wird heftig kritisiert.

shz.de von
20. Juli 2013, 11:26 Uhr

Pinneberg | An Vegetarier werden, Steine in Toiletten-Spülkästen legen, Möbel vom Dachboden versteigern: Die Bundesagentur für Arbeit hat eine Broschüre mit Spartipps für Hartz-IV-Empfänger nach Kritik in Schutz genommen. "Das sind Tipps, die auch in vielen Zeitungen und Zeitschriften zu finden sind", sagte eine BA-Sprecherin am Donnerstag. Zudem sei das Heft zum größeren Teil hilfreicher Ratgeber für Behördengänge. Zuvor hatte die "Bild"-Zeitung über die Broschüre des Jobcenters im Kreis Pinneberg berichtet. In den sozialen Netzwerken Facebook und Twitter wurde das Heft zum Teil heftig diskutiert und kritisiert. Die Verantwortlichen kündigten an, die Kritik in eine mögliche neue Ausgabe einfließen zu lassen.
Die Broschüre erzählt in Comics die Geschichte der fiktiven vierköpfigen Familie Fischer. Vater Knut muss Arbeitslosengeld II beantragen, zusammen mit Frau und Kindern beschließt er zum Beispiel, auf Fleisch zu verzichten. "Ich will sowieso Vegetarier werden", wird Tochter Lara zitiert - sie ist "bester Laune". Wenig später verkauft die Familie elf Jahre alte Möbel im Internet. "Wahnsinn!" brüllt Vater Knut, als ein Schrank weggeht. Sohn Ben erklärt, dass Verkäufe aus dem Hausrat nicht angerechnet würden - anders als Gemälde oder Schmuck. An anderer Stelle wird empfohlen, Steine in die Spülkästen von Toiletten zu legen, um Wasser zu sparen.

An der Lebensrealität vorbei?

Tipps und verständliche Sprache seien grundsätzlich gut, sagte der Sozialreferent der Caritas Schleswig-Holstein, Norbert Schmitz. "Nur sollte das Ganze dann auch so gestaltet sein, dass es der Lebensrealität entspricht und sich potentielle Leserinnen und Leser ernst genommen fühlen", kommentierte er die Broschüre. Das sei nicht der Fall. Auch Linken-Landessprecher Jens Schulz kritisierte die Publikation. "Es geht nicht, die schwierige Situation auf den Hartz-IV-Empfängern selbst abzuwälzen", sagte er.
"Solche Unterhaltungen finden in deutschen Haushalten statt", verteidigte die Agentur-Sprecherin den Stil. Zudem sei der Kreis Pinneberg nicht der erste mit der Idee. BA-Vorstandsmitglied Heinrich Alt hatte die Broschüre am Mittwoch im Kurznachrichtendienst Twitter gelobt. Vorgestellt wurde das Heft bereits in der vergangenen Woche.

Zehntausende Downloads

"Wenn einige Dinge nicht so rüber gekommen sind, wie es geplant war, werden wir dem bei einer neuen Version des Ratgebers Rechnung tragen", erklärte ein Sprecher des Kreises Pinneberg. Momentan würden die Reaktionen gesammelt. Der Leiter der zuständigen Agentur für Arbeit in Elmshorn, Thomas Kenntemich, erklärte, das Jobcenter habe nur auf häufig geäußerte Wünsche reagiert. Die Beispiele seien bewusst plakativ gehalten worden.
Nach Angaben des Jobcenters habe es Vorbilder aus anderen Städten gegeben. Unter anderem sei eine Veröffentlichung aus Dortmund bekannt. Das Interesse an der Broschüre sei in den vergangenen Tagen groß gewesen. Dennoch brachte die jüngste Diskussion die Nachfrage erst richtig in Schwung. Laut Jobcenter wurde sie bis Donnerstagnachmittag über 30.000 Mal heruntergeladen. Bis zum Mittwoch seien es weniger als 200 Downloads gewesen.

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