Bundesfreiwilligendienst : Bufdi auf dem Land: Freiwillige vor

Hat seinen Freiwilligendienst verlängert: Nick Baer arbeitet bei den Hohenwestedter Werkstätten. Foto: Müller
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Hat seinen Freiwilligendienst verlängert: Nick Baer arbeitet bei den Hohenwestedter Werkstätten. Foto: Müller

Keine Frage: Der Bundesfreiwilligendienst ist im Norden ein Erfolgsmodell. Doch Einrichtungen außerhalb der Städte klagen über Bewerbermangel.

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02. Juli 2012, 09:10 Uhr

Hohenwestedt/Schleswig | Nick Baer fährt Trecker und Bahn. Den Traktor braucht er für seine Arbeit im Bundesfreiwilligendienst - im Volksmund gerne "Bufdi" genannt - im Garten- und Landschaftsbau bei den Hohenwestedter Werkstätten (Kreis Rendsburg-Eckernförde). Die Bahn braucht er, um von seinem Wohnort Neumünster dorthin zu kommen. "Ohne diese Verbindung könnte ich hier nicht arbeiten." Auch deshalb ist der 23-Jährige der einzige Bundesfreiwillige bei der Werkstatt für Behinderte. "Dabei könnten wir fünf Stellen besetzen", sagt der Leiter Bernd Ramm.
In ganz Deutschland sind derzeit 32.008 im Bundesfreiwilligendienst (BFD) beschäftigt. Und in Schleswig-Holstein steigt die Zahl der Freiwilligen: Waren es im Oktober 2011 noch 896 BFDler, sind es aktuell 1016, davon 598 Männer und 418 Frauen.
Skepsis ist gewichen
Die Diakonie sei vor einem Jahr zunächst äußerst skeptisch gewesen, sagt Landespastorin Petra Thobaben vom Diakonischen Werk Schleswig-Holstein. Aber: "Der Bundesfreiwilligendienst ist eine Erfolgsgeschichte geworden. Das zeigt das große Interesse so vieler und nicht nur junger Menschen, sich im sozialen Bereich zu engagieren. Darüber sind wir in Schleswig-Holstein sehr froh."
Allerdings sind bei der Diakonie nur 372 Plätze belegt, 140 sind bis August noch zu besetzen. Vor allem auf dem Land fehlen Freiwillige. "Wir hatten auch früher schon Schwierigkeiten hier Zivildienstleistende zu finden, dabei brauchen wir sie dringend - etwa zur Unterstützung von Gruppenleitern", sagt Bernd Ramm von den Hohenwestedter Werkstätten. Die Zivis seien oft aus der Umgebung gekommen. "Doch die jungen Leute zieht es jetzt offenbar mehr zu Ausbildung und Studium in die Städte." Dazu fehlt die Infrastruktur, um von außerhalb an den Einsatzort zu gelangen. Freiwillige sind häufig wegen des geringen Verdienstes auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen. Und die fahren entweder nicht regelmäßig genug oder gar nicht.
Manche Stelle bleibt unbesetzt
Nicht nur die Diakonie hat Personalnot an BFDlern. Auch beim Paritätischen fehlt es auf dem Land an Bewerbern. 40 von 185 Stellen sind noch frei. "Es ist auch schon vorgekommen, dass Stellen auf dem Land unbesetzt bleiben", sagt Birte Schmidt vom Paritätischen.
In den Kreisstädten sieht es etwas besser aus. In Schleswig erklärt Uwe Breuer, was den BFD für Ältere attraktiv macht. "Ich suchte in der Mitte meines Lebens eine neue Herausforderung, der BFD ist da genau richtig", sagt der 47-Jährige. Breuer gab seinen vollbezahlten Job als Garten- und Landschaftsbauer auf, jetzt arbeitet der Ingenieur mit Behinderten in den Schleswiger Werkstätten. Dort sind alle neun BFD-Plätze besetzt. Die Freiwilligen arbeiten für 336 Euro Taschengeld im Monat. "Mit einigen Zuschlägen komme ich auf etwas über 500 Euro, davon kann ich nur leben, weil ich Rücklagen gebildet habe und keine Familie versorgen muss", sagt Breuer. Das geringe Gehalt stört ihn nicht. "Wenn ich nach einem Arbeitstag in die zufriedenen Gesichter hier sehe, macht mich das auch zufrieden", sagt Breuer, landesweit einer von 158 BFDlern über 27 Jahre.
Schutzstation Wattenmeer ohne Probleme
Gerade die Älteren sind begehrt, denn sie bringen Lebenserfahrung mit, sie seien häufig zuverlässiger als junge Mitarbeiter, sagen Experten. Auf dem Land fehlen aber auch die - allerdings nicht bei allen Trägern. Die Arbeiterwohlfahrt hat alle Plätze besetzt. Und die Schutzstation Wattenmeer, die viele Plätze auf dem Land hat, hat traditionell nie Probleme, genug Freiwillige zu finden. "Auf 30 Stellen kommen bei uns 140 BFD-Bewerber", sagt Christof Götze von der Schutzstation. "Beim Freiwilligen Ökologischen Jahr sind es sogar 475 Bewerber auf 30 Plätze." Viele junge Leute wollten eine Auszeit nach der Schule haben, überbrückten Wartezeiten auf einen Studienplatz oder nutzen den BFD zur beruflichen Orientierung.
Auch die Gemeinden finden das Modell interessant, könnten doch dort BFDler zusätzliche und gemeinnützige Arbeiten übernehmen, die sonst angesichts klammer Kassen nicht mehr möglich seien, meint der Geschäftsführer des Schleswig-Holsteinischen Gemeindetages, Jörg Bülow. Allerdings haben erst wenige Kommunen Freiwillige im Einsatz. "Da könnte man noch eine Schippe drauflegen." Allerdings sieht es danach nicht aus, wie eine Sprecherin des zuständigen Bundesfamilienministeriums erklärt. "Es sind keine neuen Plätze geplant."
In Hohenwestedt wären sie schon froh, wenn die vorhandenen Plätze besetzt werden könnten. Doch vorerst wird Nick Baer wohl allein bleiben. Eigentlich wollte er den BFD nur nutzen, um ein Anerkennungsjahr zu erhalten. Später wollte er in die Schifffahrt. Jetzt hat er in Hohenwestedt den Gabelstapler-Führerschein gemacht und den BFD verlängert. Und er sagt: "Am liebsten würde ich hier bleiben."

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