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Kein öffentlicher Nahverkehr im Dorf : Bürgerbusse in SH: „Die reinste Form der Selbstbestimmung“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Immer mehr Dörfer werden vom öffentlichen Nahverkehr abgeschnitten, weil sich die Linien für die Busunternehmen nicht mehr rentieren. Ein echtes Problem für Menschen ohne Auto. Die Lösung: Bürgerbusse.

Ladelund | Endlich kann sie sich setzen, die schwere Tasche neben sich auf dem Boden. Der Sicherheitsgurt macht noch ein wenig Probleme, doch der Busfahrer wartetet geduldig, bis es Hedwig Thiele gelingt, ihn in sein Schloss schnappen zu lassen. „Wir fahren hier schließlich für die Bürger“, sagt Manfred Beutel. Seit knapp einem Jahr, seit Gründung des Bürgerbusses Ladelund, lenkt der 61-jährige Rentner den Neun-Sitzer mit ausfahrbarer, behindertenfreundlicher Einstiegsrampe durch die Gemeinde. Jeden Mittwochvormittag. „Ich will etwas für die Gemeinde tun“, begründet er sein ehrenamtliches Engagement. Derweil lässt die 91-Jährige sich in ihren Sitz zurücksinken. Sie stellt den Gehstock zwischen den Beinen auf, stützt ihre Hand darauf ab. Sie ist angeschnallt, es kann losgehen.

In die falsche Richtung, zumindest für Hedwig Thiele. Denn bevor es zu ihrer Seniorenanlage geht, verlässt der Bus Ladelund noch einmal in entgegengesetzter Richtung. Aber das ist der alten Dame, deren Gesicht von Falten und Fältchen überzogen ist wie eine Häkeldecke aus feinstem Damast egal. „Der Einkauf ist doch wieder ein bisschen schwer geworden. Und bevor ich in der warmen Sonne stehe und warte, fahre ich doch lieber die kleine Runde mit.“ Regelmäßig nimmt sie den Bürgerbus, um von der Seniorenstation quer durch den Ort zum Einkaufen zu fahren, oder auch einmal zum Arzt in das rund zehn Kilometer entfernte Leck. „Wenn es diesen Bus nicht gäbe, ich wäre verlassen“, sagt sie mit Bestimmtheit und drückt ihren Stock in den Boden.

Und nicht nur sie. Tatsächlich waren Rentner wie Hedwig Thiele für Heike Prechel der Grund, den Bürgerbus ins Leben zu rufen. Bei einer Weihnachtsfeier war die ehemalige Lehrerin mit ihren bis dahin unbekannten Nachbarn ins Gespräch gekommen. Es ging um Ladelund, das Leben auf dem Dorf, das Alter – und dann berichteten die Nachbarn, die aus Süddeutschland hinzugezogen waren, dass sie planten, ihr Haus zu verkaufen und zurückzugehen. Sie würden jetzt alt werden. Und wer weiß, wenn sie einmal nicht mehr Auto fahren können würden, was würde dann aus ihnen werden? In einem Dorf, das zwar einen Kaufmann, Bäcker und Frisör hatte, aber keinen einzigen Allgemeinmediziner. Und das ohne funktionierenden Nahverkehr. Denn Ladelund wird praktisch nur noch von Schulbussen angefahren. In den Ferien sogar bloß einmal am Morgen und einmal am Abend. Unmögliche Bedingungen für alte, womöglich bewegungseingeschränkte Menschen. Das sei in Süddeutschland anders.

Die beiden hatten damit ein Thema angesprochen, das auch Heike Prechel am Herzen liegt: „Ich kannte dieses Gefühl des Eingesperrtseins im Dorf noch aus meinen Zeiten als Jugendliche. Das möchte ich so nicht noch einmal erleben.“ Von dem Problem mit dem öffentlichen Nahverkehr einmal abgesehen sei Ladelund aber „total lebenswert“. Es musste also einen anderen Weg geben.

Den fand die heute 62-Jährige, als sie in einem Medienbericht von Bürgerbussen hörte. In Nordrhein-Westfalen gibt es bereits rund 100 davon, in Niedersachsen 50. In Schleswig-Holstein war es damals ein einziger. Mittlerweile sind es zwei, zwei weitere sind in Planung. Prechel war sofort klar: Das ist die Lösung.

Sie begann, in der Gemeinde davon zu erzählen, fand auch schnell Mitstreiter. Gemeinsam befragten sie die Mitbürger und stellten fest, dass der Bedarf tatsächlich vorhanden war. Und nicht nur bei den Senioren. Ein Verein wurde gegründet, der mittlerweile 180 Mitglieder zählt. Sie zahlen mindestens 15 Euro Mitgliedsbeitrag (Ehepaare 25) im Jahr, doch sie können auch mehr zahlen. Ein Mitglied zahlt gar 1000 Euro. Der Grundstock für das Bürgerbus-Projekt.

Ein Bus wurde angeschafft – der mittlerweile schon um einen zweiten ergänzt wurde. Für die Finanzierung sprang die Gemeinde mit in die Bresche, auch von der Aktiv-Region gab es Fördergelder. Das Geld der Gemeinde allerdings zahlt der Verein über Raten zurück. Es wurden Bushaltestellen eingerichtet, 30 ehrenamtliche Fahrer machten ihren Personenbeförderungsschein, Versicherungen mussten abgeschlossen werden. Insgesamt brauchte es rund 102.000 Euro, um den ersten Bürgerbus der Region Südtondern ins Rollen zu bringen. Das war vor knapp einem Jahr.

Der Bus wurde sofort gut angenommen. In der ersten Woche fuhren 187 Gäste mit – mittlerweile sind es 60 bis 80 am Tag. Jasmina Herzberger ist eine von ihnen. Sie steigt in Achtrup zu, um nach Leck zum Schnellbus zu fahren. Mit ihm fährt sie nach Flensburg weiter, zur Arbeit. Die 25-Jährige nutzt den Bus regelmäßig, sie will nicht in Flensburg wohnen. Das Angebot sei gut. Und abends oder am Wochenende, wenn kein Bus fährt, muss wie früher das Taxi oder das Fahrrad herhalten – oder die Familie fährt sie. Der Bus werde wirklich viel genutzt, sagt sie, auch von Schülern. Da könne es schon mal vorkommen, dass nicht alle Wartenden auf den acht Sitzen Platz finden – Stehplätze gibt es nicht. Aber das sei kein Problem: „Die haben uns noch nie stehengelassen. Wenn der Bus voll ist, wird der zweite über Funk gerufen.“

In Leck steigt Silke Karau zu. Sie hat Einkäufe erledigt, will zurück nach Sprakebüll. Auch sie ist begeistert von dem Angebot, allerdings wünscht sie sich, dass der Bus ihren Ort häufiger anführe. So bleibe ihr oftmals nur das Fahrrad, um zwischen den Fahrtzeiten etwas zu erledigen. Prechel, die diesmal mit im Bus sitzt, hört das – und ist gleich Ohr. Der Fahrplan werde ja noch an die Bedürfnisse angepasst, auch die Routen seien noch in der Testphase. Ob es Karau helfen würde, wenn der Bus zweimal die Woche in ihren Ort käme? „Das wäre toll!“

Grundsätzlich haben Prechel und ihre Mitstreiter bei ihrer Fahrplangestaltung freie Hand – solange sie nur dann fahren, wenn die Autokraft Ladelund links liegen lässt. Darum fahren die Bürgerbusse nicht, wenn der Schulbus die Versorgung übernimmt – auch wenn einige der Fahrgäste das gerne anders hätten. Doch Autokraft ist der Lizenznehmer für die Strecke, der Bürgerbus so etwas wie ein Subunternehmer. Darum werden Bus und Fahrer auch zweimal im Jahr von einem Autokraft-Vertreter auf ihre Qualität geprüft.

Davon, dass die einwandfrei ist, muss man Gitte Weege nicht mehr überzeugen. Die 51-Jährige nutzt den Service regelmäßig für Erledigungen aller Art. Gerade ist sie mit schweren Taschen in den Bus gestiegen. Sie wird die vorletzte Station sein, die Manfred Beutel anfährt – ihretwegen geht es für Hedwig Thiele erst einmal in die entgegengesetzte Richtung. Weege lebt auf einem abgelegenen Gehöft bei Bramstedtlund. „Haste ein Fahrrad dabei?“, fragt der Fahrer als die Bushaltestelle in Sicht kommt. „Ne, du. Diesmal bin ich zu Fuß.“ „Ach, dann fahr ich dich eben rum, mit dem schweren Rucksack“ – auch das sei der Bürgerbus, sagt Initiatorin Heike Prechel. Eben ein Bus von den Bürgern für die Bürger. Hedwig Thiele stützt sich auf ihren Stock und nickt.

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erstellt am 26.Apr.2015 | 16:43 Uhr

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