Landgericht Kiel : Brutaler Mord in Gaarden - für die Familienehre?

Sie verlor ihren Mann: Jasmin B. Foto: dpa
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Sie verlor ihren Mann: Jasmin B. Foto: dpa

Starb er für die Familienehre? Ein 27-Jähriger soll in Kiel-Gaarden von fünf Männern vor einer Bäckerei hingerichtet worden sein, weil er eine verheiratete Muslimin liebte.

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08. Oktober 2011, 08:01 Uhr

Wegen eines grausamen Mordes zur Rettung der Familienehre müssen sich vier Brüder und ein verlassener Ehemann seit Donnerstag vor dem Kieler Landgericht verantworten. Die fünf Angeklagten sollen einen 27 Jahre alten Mann aus dem Irak Anfang Januar in Kiel auf offener Straße vor einer Bäckerei in Kiel-Gaarden getötet haben. Augenzeugen sollen eine regelrechte Hinrichtung geschildert haben. Zu Prozessbeginn kündigten die Verteidiger an, alle Angeklagten würden sich weder zur Person noch zur Sache äußern.
Die fünf Männer, darunter ein Heranwachsender, sind wegen gemeinschaftlichen Mordes aus niedrigen Beweggründen angeklagt. Sie hätten ihr Opfer getötet, weil die Ehefrau eines Angeklagten ihren Mann wegen des 27-Jährigen verließ, sagte Staatsanwalt Matthias Daxenberger beim Prozessauftakt. Die Beziehung sei erst heimlich gewesen. Als die Frau aber zum vergangenen Jahreswechsel zu ihrem Liebsten zog, "beschlossen die Angeklagten, ihn zu töten", erklärte Daxenberger.
18 Stiche
Der Auszug sei "mit ihren Vorstellungen von Familienehre nicht vereinbar" gewesen, betonte der Staatsanwalt. "Obwohl ihre Ehe gescheitert war, ließen die tradierten religiösen Werte und Moralvorstellungen nicht zu, dass sie sich trennten." Am Tattag seien die Männer - sie sind zwischen 21 und 45 Jahre alt - ihrem späteren Opfer bis zu der Bäckerei im Stadtteil Gaarden gefolgt, wo der 27-Jährige Brot kaufen wollte. Dort seien sie gemeinsam in Tötungsabsicht über ihn hergefallen, sagte Daxenberger. Nach seiner Darstellung traten und schlugen sie auf den Mann ein und stachen zu. 18 mit zum Teil großer Wucht ausgeführte Stiche hätten Rechtsmediziner festgestellt. Der 27-Jährige verblutete.
Die Bluttat spielte sich in einem Hinterhof, vor und in der Bäckerei ab. Augenzeugen sollen gesehen haben, wie vier Männer das Opfer festhielten und auf die Knie zwangen. Ein Fünfter soll ihm dann die Kehle durchgeschnitten haben. Der Mord löste in Kiel Entsetzen aus. Nach einer Großfahndung wurde der verlassene Ehemann in Stuttgart verhaftet, drei Brüder wurden in Kiel gefasst, einer stellte sich freiwillig. Alle Angeklagten sitzen in Untersuchungshaft, sie wurden in Handschellen in den Gerichtssaal geführt. Für das Verfahren gibt es massive Sicherheitsvorkehrungen.
Ehemann lächelte
Der Ehemann, der um den Hals eine Silberkette mit Silberschwert als Anhänger trug, wirkte vor Gericht selbstbewusst - er grüßte und lächelte mehrfach in den Zuschauerraum. Die vier Brüder dagegen schienen bedrückt.
Im Schwurgerichtssaal saßen die fünf Angeklagten - umrahmt von insgesamt acht Verteidigern - acht Anwälten gegenüber, die die Angehörigen des Opfers als Nebenkläger vertreten. Anwesend war am ersten Prozesstag auch Jasmin B., die Witwe des Opfers, die ein Kind mit ihm hat. Sie sagte am Rande des Verfahrens unter Tränen: "Ich habe Angst." Auch ihre Schwester im Zuschauerraum bekundete Furcht.
Drei der vier Brüder stammen aus dem Libanon, der jüngste wurde in Preetz geboren. Die Identität des fünften Angeklagten ist nicht eindeutig geklärt. Auch er soll aus dem Irak stammen. Alle sollen Kurden sein. Das Verfahren wird am 24. Oktober fortgesetzt. Insgesamt sind 28 Verhandlungstage geplant.

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