Jubiläum : Brücke zwischen Juden und Christen

Gelebte christlich-jüdische Zusammenarbeit: Der Vorsitzende und evangelische Pastor Joachim Liß-Walther (re.) sowie sein Stellvertreter Bernd Gaertner (li.)  von der katholischen Kirche sowie der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Kiel, Walter Joshua Pannbacker (Mitte).  Foto: Staudt
Gelebte christlich-jüdische Zusammenarbeit: Der Vorsitzende und evangelische Pastor Joachim Liß-Walther (re.) sowie sein Stellvertreter Bernd Gaertner (li.) von der katholischen Kirche sowie der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Kiel, Walter Joshua Pannbacker (Mitte). Foto: Staudt

Die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Schleswig-Holstein feiert in Kiel ihr 50-jähriges Bestehen.

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14. Juni 2012, 10:26 Uhr

KIEL | In Schleswig-Holstein wurde die Vision der nationalsozialistischen "Herrenmenschen" fast Wirklichkeit: Nach dem Ende des rassistischen Terrorregimes war das Land zwischen den Meeren nahezu "judenfrei". Als nach 1945 von christlicher Seite ein christlich-jüdischer Dialog organisiert wurde, fehlten den Initiatoren nicht selten die jüdischen Partner. Diese Erfahrung musste auch die 1962 in Kiel gegründete Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Schleswig-Holstein (GCJZ) machen. Ihr Hauptanliegen ist es nach wie vor, Vorurteile zu überwinden und den Antisemitismus zu bekämpfen.
Um 1962 zählte die jüdische Gemeinschaft gerade 88 Mitglieder, mit stark sinkender Tendenz. Heute - 50 Jahre später - hat sich vor allem aufgrund der Zuwanderung von sogenannten Kontingentflüchtlingen aus Osteuropa ein neues jüdisches Leben in Schleswig-Holstein etabliert: Den inzwischen acht eigenständigen Gemeinden zwischen Ahrensburg im Süden und Flensburg im Norden gehören insgesamt über 2000 Mitglieder an. Und ihre Repräsentanten beteiligen sich intensiv an der Aufklärungsarbeit der GCJZ und tragen im Vorstand Verantwortung. "Es kommt einem Wunder gleich, dass nach den schlimmen Jahren der Entrechtung und Verfolgung Juden wieder neu Deutschland als ,ihr Land entdeckt haben", sagte Bischof Gerhard Ulrich am Dienstagabend im Landeshaus bei der 50-Jahr-Feier der Gesellschaft und erinnerte an gemeinsame, also verbindende Glaubenswurzeln von Christen und Juden.
"Aufbrüche" lautet der schlichte Titel einer umfangreichen Festschrift
Wie Bischof Ulrich zollte auch der neugewählte Landtagspräsident Klaus Schlie dem Wirken der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit hohen Respekt und große Anerkennung. Sie sei ein verlässlicher Motor des Gedenkens, Mahnens und der Aufklärung und habe nachhaltig dazu beigetragen, dass das gegenseitige Vertrauen gewachsen sei. Er wünsche sich, betonte Schlie, dass das von gegenseitigem Respekt getragene Zusammenleben von Christen und Juden ein Stück Normalität werde.
Der Wiederaufbau jüdischen Lebens in Schleswig-Holstein direkt nach dem verheerenden Holocaust sei ein schwieriges Unterfangen gewesen, gab Landesrabbiner Dov-Levy Barsilay zu bedenken. Die Gräben zwischen Juden und deutschen Christen seien sehr tief gewesen. Diese zu überbrücken und ein Klima des Vertrauens zu schaffen, daran habe die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in dankenswerter, engagierter Weise mitgewirkt und damit für Aufbrüche gesorgt.
"Aufbrüche" lautet denn auch der schlichte Titel einer umfangreichen Festschrift, die die GCJZ-Vorstandsmitglieder Joachim Liß-Walther und Bernd Gaertner anlässlich des Jubiläums herausgegeben haben (24,95 Euro, J. F. Steinkopf Verlag, Kiel). Darin werden auf 368 Seiten faktenreich die verschiedenen Stationen des christlich-jüdischen Dialogs in Schleswig-Holstein nach 1945 dokumentiert. Zudem beleuchten fachkundige Beiträge christlich-theologische Einsichten und Erkenntnisse zu den Themenkomplexen Christentum und Judentum sowie Kirche und Israel. Einer der Autoren ist Landesbischof i. R. Eduard Lohse, vor 50 Jahren einer der Mitbegründer der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Kiel. Inder Jubiläumsveranstaltung im bis auf den letzten Platz gefüllten Schleswig-Holstein-Saal hielt der hochgeachtete Theologe und Wissenschaftler den Festvortrag: "Israels heilige Schriften und die Bibel der Christen."

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