Rumänien und Mazedonien : Breitner am Balkan: Wo Europa am ärmsten ist

Sie wissen nicht, wovon sie morgen satt werden sollen: Roma Anna-Maria und ihr kleiner Sohn Alex übernachten in einem Hauseingang in Bukarest, der Hauptstadt des EU-Landes Rumänien.
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Sie wissen nicht, wovon sie morgen satt werden sollen: Roma Anna-Maria und ihr kleiner Sohn Alex übernachten in einem Hauseingang in Bukarest, der Hauptstadt des EU-Landes Rumänien.

Schlechte Lebensbedingungen und politische Verfolgung: Schleswig-Holsteins Innenminister Andreas Breitner fordert schnellere Asylverfahren für Armutsflüchtlinge und eine neue EU-Agentur zur Integration der Roma.

shz.de von
07. November 2013, 10:54 Uhr

Skopje/Bukarest | Der Name, der auf Bojans Trikot zu sehen ist, steht für alles, was der Junge vielleicht einmal werden will: erfolgreich, berühmt, reich und angesehen. Bojan, der mit ein paar Freunden auf dem staubigen, harten Sandplatz kickt, heißt eigentlich anders. Er kommt aus Mazedonien, hat den Namen des portugiesischen Fußball-Superstars Christiano Ronaldo auf dem Rücken.

Doch der junge Roma aus dem Stadtteil Suto Orizari in Skopje hat kaum Chancen, irgendwann den Namen seines Stars auch nur richtig lesen zu können, weil er in einem Teil Europas lebt, der seiner Volksgruppe wenig bis gar keine Perspektiven geben kann. Deswegen fliehen immer mehr Roma vom Balkan nach Westeuropa. Im vergangenen Jahr kamen laut Innenministerium 6000 von 100.000 Flüchtlingen aus Mazedonien nach Deutschland – Armutsflüchtlinge werden sie genannt, weil ihre schlechten Lebensbedingungen nicht ausreichen, damit sie als politisch verfolgt gelten. „Die haben gesetzlich null Chance auf Anerkennung“, sagt Schleswig-Holsteins Innenminister Andreas Breitner (SPD), der gestern seine viertägige Balkanreise durch Rumänien und Mazedonien beendet hat.

Im vergangenen Winter hat Breitner noch den paar hundert Armutsflüchtlingen, die nach Schleswig-Holstein kamen, eine Verlängerung ihres Aufenthaltes ermöglicht, jetzt sieht er das anders: „Wir müssen die Asylverfahren beschleunigen, damit den Menschen in ihren Heimatländern geholfen werden kann. Denn wir müssen erkennen, dass das Geld, das wir den Armutsflüchtlingen geben, für das weitere Leben in ihrem Herkunftsland eher kontraproduktiv ist.“

Breitner fallen solche Sätze nicht leicht, aber wer neben ihm durch die Straßen des zum größten Teil von Roma bewohnten Stadtteils Suto Orizari in Skopje geht, erlebt einen betroffenen Innenminister. Zigtausende Menschen leben hier in ärmlichen Verhältnissen, viele in Hütten ohne Wasser, ohne Strom. Die Straße verdient diesen Namen nicht, hinter einer eingestürzten Mauer versucht ein alter Mann aus einem Stuhl aufzustehen als der deutsche Minister vorbeikommt – und schafft es doch nicht.

Die Arbeitslosigkeit liegt bei 70 Prozent, die Roma stehen in fast allen Balkanländern am Rand der Gesellschaft, in manchen Teilen des Landes hausen sie auf Müllkippen. Vielen bleibt nur massive Bettelei, die Flucht in kleine Jobs oder der Sprung in die Kriminalität. „Wir müssen erkennen, dass der Staat Mazedonien mit dem Problem überfordert ist“, sagt Breitner. Und so kümmern sich Nicht-Regierungsorganisationen wie Schüler helfen Leben aus Neumünster oder die Caritas National Section, die Klara Ilieva leitet, um die Ärmsten. Mit schnellen Worten erklärt die engagierte Frau dem schleswig-holsteinischen Minister, warum es so schwer ist, die Flüchtlinge, die aus Deutschland zurückgeschickt werden, wieder zu integrieren. „Die Kinder verlieren in der Schule den Anschluss. Oder sie sehen, dass sie auch ohne Schule Geld bekommen können – und kommen erst gar nicht wieder.“ Viele erwachsene Roma denken nur an den kommenden Tag, an ein kleines Auskommen, zu dem auch die Kinder beitragen sollen. Die meisten Roma bleiben deshalb Analphabeten, trotz aller Bemühungen von Menschen wie Klara Ilieva, die den Menschen in ihrer Heimat helfen will. „Da hilft nur eine bessere Bildung hier im Land.“

Mütter müssen im Freien übernachten

Es sind Eindrücke, die sich beim Minister längst summiert haben: Zuvor hatte Breitner mit seiner Delegation das EU-Land Rumänien besucht. Hier, in der Hauptstadt Bukarest, sieht er Menschen wie Anna-Maria. In Tücher eingehüllt sitzt sie in einem dunklen Hauseingang, auf dem Arm hat die Roma ihren einjährigen Sohn Alex, der mit ihr in diesem Hauseingang so oft übernachtet. Solche Bilder lassen Schleswig-Holsteins Innenminister und die 16-köpfige Delegation aus Landtagsabgeordneten und Beauftragten der Regierung, nicht mehr los. „Diese Armut macht jeden von uns betroffen“, sagt Breitner. Die Roma können hier, wie wie in den meisten Balkanländern, nur in gesellschaftlichen Nischen überleben.

Politiker aller Parteien haben sich in der Vergangenheit immer sehr schnell darauf verständigt, dass die Situation für die Roma in deren Heimatländern verbessert werden muss. „Aber die Regierungen tun zu wenig dafür – und die EU ist am Rande dessen, was leistbar ist“, sagt Breitner am Ende der Reise – und drängt darauf, dass die EU konsequenter darauf achtet, dass die Minderheiten auf dem Balkan besser geschützt werden.

Doch fast alle Leute, mit denen Breitner und seine Delegation von Landtagsabgeordneten und Beauftragten der Landesregierung auf dieser Reise sprechen, rechnen mit einer steigenden Zahl von Armutsflüchtlingen in diesem Winter – vor allem weil ein Roma auf dem Balkan wenig zählt. Die dortigen Regierungsvertreter erzählen Breitner ausführlich, wie sie die Roma unterstützen, doch spricht der Minister mit den Betroffenen, „wird klar, dass hier zu wenig ankommt“, sagt Breitner. Deshalb fordert er eine Agentur auf europäischer Ebene, die dafür sorgt, dass die EU-Hilfen für die Roma dort hingelangen, wo sie hin sollen. Eine Forderung, die ein schleswig-holsteinischer Innenminister nur schwer durchsetzen kann. Doch Breitner nennt es eine „Fügung des Schicksals“, dass er direkt aus Skopje nach Berlin reist, um in den Koalitionsgesprächen mit der Union auf Bundesebene über die Flüchtlingsproblematik zu verhandeln. „Ich werde auf Veränderungen drängen, denn die Mehrzahl der Armutsflüchtlinge gefährdet den gesellschaftlichen Konsens, dass politische Flüchtlinge geschützt werden müssen“, sagt Breitner.

Das alles wird es nicht leichter machen für Bojan, einmal auf sein Idol Ronaldo zu treffen. Aber vielleicht kann der junge Roma irgendwann wenigstens dessen Namen lesen – und hat so die Chance auf einen kleinen sozialen Aufstieg. Ein langer Weg, der härter wird als der Boden des staubigen Fußballplatzes in Skopje.

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