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Erbe des Zweiten Weltkriegs : Bomben gefährden Offshore-Ausbau

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Mit Munition auf dem Grund der Nordsee hatten die Windpark- und Netzbetreiber beim Offshore-Ausbau gerechnet. Die Menge macht ihnen allerdings Sorgen.

Hamburg/Kiel | Das explosive Erbe des Zweiten Weltkriegs ruht auf dem Grund von Nord- und Ostsee und bremst den Ausbau der Offshore-Windparks. Der aktuellste Fall: Der Windpark Riffgat. Zwar wird die Fertigstellung der Anlage vor der niedersächsischen Küste mit ihren 30 Windrädern am Samstag offiziell gefeiert. Ans Netz geht der Park dennoch nicht. Schuld sind Kampfmittel auf dem Grund der Nordsee. Der Netzwerkbetreiber Tennet musste den Anschluss der Anlage infolge immer neuer Munitionsfunde aufschieben.
"Da ist tatsächlich sehr viel", berichtet auch Brigita Jeroncic von WindMW in Bremerhaven. Das Unternehmen ist Eigentümer des im Entstehen begriffenen Offshore-Windparks Meerwind, 24 Kilometer nordwestlich von Helgoland. Allein bei diesem Windpark hätte das Sprengen der Altkampfmittel laut Jeroncic zusätzliche Kosten von zehn Millionen Euro bedeutet. RWE Innogy berichtet für den Windpark Nordsee Ost ebenfalls von millionenschweren Räumungsaktionen. "Die bisher angefallenen Kosten für die Kampfmitteluntersuchung und -räumung betragen zirka 7,5 Millionen Euro", sagt eine Sprecherin von RWE Innogy. "Wir rechnen mit weiteren 2,5 Millionen Euro." Zwar war den Offshore-Firmen und Netzbetreibern bewusst, dass sie auf Kampfmittel stoßen würden. Der Umfang ließ sich aber offenbar für viele im Vorfeld kaum absehen. So hatte Tennet nach eigenen Angaben bereits in 2008 und 2010 den Boden untersucht, erst 2012 zeigten Untersuchungen jedoch, dass weitaus mehr Kampfstoffe zu räumen seien, als zuvor erwartet wurde. "Wir haben die meisten Bomben erst entdeckt, als wir angefangen haben zu bauen", bestätigt auch Jeroncic.

"Ungerechte Behandlung"

1,3 Millionen Tonnen von Kampfmitteln sollen allein in der Nordsee liegen. Während das Gebiet innerhalb der Zwölf-Meilen-Zone dabei seit längerem erkundet und entsprechend kartografiert wurde, ist dies bei den Gebieten außerhalb anders. In einem Bericht des Bund-Länderausschuss Nord- und Ostsee heißt es, dass dort nur ein "geringer Teil der tatsächlich durch Kampfmittel belasteten Flächen bekannt ist".


"Es ist für uns natürlich sehr problematisch, weil wir Privatfirmen aus dem Ausland bestellen müssen", sagt Jeroncic. Dies koste nicht nur viel Geld, sondern auch Zeit. Denn während innerhalb der Zwölf-Meilen-Zone - wie im Fall des Windparks Riffgat - die Beseitigung der Kampfmittel eine öffentliche Aufgabe ist, müssen Windpark-Betreiber, die außerhalb dieser Zone Offshore-Anlagen errichten, selbst für die Kosten aufkommen. Und genau dies ist bei einem Großteil der derzeit im Entstehen begriffenen Windparks auf See der Fall, die in der sogenannten "Ausschließlichen Wirtschaftszone" stehen.

Tennet äußert sich nicht

"Die gleichen Pflichten bedeuten nicht immer die gleichen Rechte", klagt Jeroncic. Und nicht nur gegenüber den Konkurrenten in Küstennähe haben Unternehmen wie WindMW nach eigener Darstellung das Nachsehen, sondern auch gegenüber den Netzbetreibern. Muss Tennet, die Tochter eines holländischen Staatskonzerns, Minen oder Bomben außerhalb der Zwölf-Meilen-Zone entfernen, um Windparks ans Stromnetz auf dem Festland anzuschließen, kann das Unternehmen nach Branchenangaben die Kosten dafür auf die Netzentgelte umlegen.
Tennet selbst wollte sich zu diesem Thema auf Nachfrage nicht äußern. Auch Fragen nach konkreten Kosten für Kampfmittelräumungen in den vergangenen Monaten - für die in diesem Fall also auch der Steuerzahler aufkäme - wies der Netzbetreiber zurück. Lediglich mit Blick auf Riffgart wurde erklärt, dass dort insgesamt 28 Tonnen Kampfmittel geräumt worden seien. Andere Räumeinsätze in der Nordsee seien geringer ausgefallen, hieß es weiter.
Der Windpark Nordsee Ost von RWE Innogy hätte ursprünglich dieses Jahr ans Netz gehen sollen. Nun soll es wohl 2015 soweit sein. Riffgat soll frühestens nächstes Jahr angeschlossen werden. Bis dahin werden monatlich 22.000 Liter Diesel in den Stromaggregaten verfeuert, um die Anlagen in Betrieb zu halten und sie so vor Rost zu schützen.

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erstellt am 12.Aug.2013 | 06:53 Uhr

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