"Weihnachten in Gemeinschaft" : "Bloß am Heiligabend nicht allein sein"

Ausgeschlossen von der Adventsstimmung: Einsamkeit schmerzt – besonders an Feiertagen. Foto: Dewanger
Ausgeschlossen von der Adventsstimmung: Einsamkeit schmerzt – besonders an Feiertagen. Foto: Dewanger

Das Weihnachtsfest steht für Liebe und Familie. Die Flensburgerin Sabine Herbert* ist allein – und leidet darunter besonders an den Feiertagen. Das Projekt "Weihnachten in Gemeinschaft" gibt ihr Halt.

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25. Dezember 2012, 05:36 Uhr

Flensburg | "Furchtbar" sagt Sabine Herbert* (Name geändert), wenn man sie nach ihrem letzten Weihnachtsfest fragt. "Es war einfach nur schrecklich." Vor einem Jahr, im Dezember 2011, war die Flensburgerin "ganz unten": Kein Job, keine Wohnung. Der Kontakt zur Familie war abgebrochen, Freunde und Bekannte meldeten sich schon lange nicht mehr bei ihr. "Ich habe mich um nichts mehr gekümmert, die Post nicht geöffnet, mich völlig von allen abgekapselt", erzählt die schmale Frau mit den dunkelbraunen Locken. Selbstmordgedanken quälten sie. "Es war eine beschissene Zeit."
Der Absturz hatte 2007 mit der Kündigung für die Montagehelferin begonnen, nach 13 Jahren bei der Firma Danfoss. Eine psychische Erkrankung beschleunigte den Weg nach unten, dessen Tiefpunkt schließlich ein halbes Jahr "im Wilhelminental" markierte - der Flensburger Unterkunft für Obdachlose. Genau dorthin hatte Sabine Herbert Weihnachten 2011 nicht gewollt - und darum das Angebot der Mutter ihres Ex-Freundes angenommen. Die hatte ihr Unterschlupf gewährt, nachdem die heute 52-Jährige "durch eigenes Verschulden" ihre Wohnung verloren hatte. Von "Oh du Fröhliche", Harmonie und Heimatgefühlen konnte jedoch keine Rede sein. "Sie hat mich schikaniert und noch kleiner gemacht, als ich sowieso schon war." Kurze Zeit später flüchtete Sabine Herbert: ins Wilhelminental. Seit Juni vergangenen Jahres lebt sie wieder in ihren eigenen vier Wänden.

"Dann würde ich nur zu Hause sitzen, grübeln und heulen"

Mit Hilfe der "Treppe", einer Anlaufstelle für Frauen in besonderen Lebenslagen, die vom Diakonischen Werk des Kirchenkreises Schleswig-Flensburg getragen wird, hat sie eine Wohnung gefunden. Richtig "angekommen" fühlt sie sich dort allerdings noch nicht. "Das Innere muss mit der äußeren Entwicklung mitkommen", erklärt Martina Dreger, die Leiterin der Treppe. Sie berät Sabine Herbert regelmäßig, hilft ihr, Anträge zu stellen und eine neue Arbeit zu finden. "Das Leben hinterlässt seine Spuren."
Auch die Erinnerung an das deprimierende Weihnachtsfest 2011 hat Spuren bei Sabine Herbert hinterlassen. Lichterglanz und geschmückte Häuser, Punschduft und Familien, die bunte Päckchen nach Hause tragen: Schon der Advent kann grausam sein für die, die einsam sind. "Aber den Heiligabend allein zu verbringen, das wäre das Schlimmste für mich", sagt die 52-Jährige. "Dann würde ich nur zu Hause sitzen, grübeln und heulen."

Gemütliche Weihnachten unter - vorerst - fremden Menschen

Die Weihnachtsfeiertage - für die meisten sind sie der Inbegriff von Liebe und Familie. Sabine Herbert hat diese Zeit bis vor wenigen Jahren, "früher", bei ihren Eltern verbracht, zusammen mit den Brüdern. Doch das familiäre Band ist zerrissen; eigene Kinder oder einen neuen Freund hat sie nicht. Trotzdem gibt es in diesem Jahr eine Anlaufstelle, die ihr Mut macht: Gemeinsam mit einer Freundin, die sie bei der Treppe kennengelernt hat, wird Sabine Herbert am 24. Dezember "Weihnachten in Gemeinschaft" verbringen: ein Angebot des Kirchenkreises Schleswig-Flensburg, der Menschen einlädt, das Fest miteinander zu verbringen.
In Flensburg gibt es "Weihnachten in Gemeinschaft" schon mindestens seit 1954, sagt Pressesprecherin Anja Pfaff. "Wir laden Menschen ein, zusammen ein besinnliches Fest zu feiern. Menschen, die sich einsam fühlen oder aus ganz verschiedenen Gründen gern kommen möchten."
"Gemütlich zusammen zu sitzen, zu essen und Lieder zu singen", das verspricht sich Sabine Herbert von der Veranstaltung. Und ist froh, den Abend unter - vorerst - fremden Menschen gemeinsam mit ihrer Freundin verbringen zu können. Und wenn sie sich wünschen dürfte, wie sie das kommende Weihnachtsfest erleben wird? "Dann wäre ich am liebsten wieder zusammen mit meiner Familie. So wie früher."

"Weihnachten in Gemeinschaft" wird in Flensburg am Heiligabend um 18 Uhr im Haus Pniel, Duburger Straße 81, gefeiert. Auch spontane Gäste sind willkommen. Informationen: Tel. 0461-1682721

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