Tauchen mit Behinderung : Bewegungsfreiheit unter Wasser

Der Moment der Freude:  Peter Lange passt auf, dass René  vorsichtig ins Wasser gelassen wird. Foto: Emde
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Der Moment der Freude: Peter Lange passt auf, dass René vorsichtig ins Wasser gelassen wird. Foto: Emde

Peter Lange taucht als einziger in Schleswig-Holstein mit Behinderten. "Es gibt so viel, was auf diesem Sektor noch getan werden muss", sagt er.

shz.de von
28. Juli 2010, 11:06 Uhr

Waabs/Damp | Wenn Tauchlehrer Peter Lange mit seiner Ausrüstung die Schwimmhalle in Damp (Kreis Rendsburg-Eckernförde) betritt, lächelt René Witt-Philipps. Jeden Monat ist es genau diese eine Stunde, auf die sich René so wahnsinnig freut. Eine Stunde, in der er die Fesseln seiner eingeschränkten Mobilität an Land vergessen kann. Der 14-Jährige, der erst in der dritten Klasse ist, leidet an celebraler Parese - einer Beweglichkeitseinschränkung, hervorgerufen durch eine Hirnblutung kurz nach der Geburt.
Raus aus dem Rollstuhl, rein in die aufblasbare Jacke - genannt Jacket -, auf deren Rücken die Pressluftflasche befestigt wird. Vorsichtig setzt ihn seine Sporttherapeutin Daniela Schulz auf den beweglichen Stuhl, mit dem René über den Beckenrand langsam ins Wasser gleiten kann. Die Taucherbrille muss noch ausgespült und auf den Kopf gesetzt werden - fertig. Seine Zehenspitzen tauchen als erstes ein - René grinst breit. "Man kann so schön abschalten und hat gar keine anderen Gedanken als sich selbst und das Tauchen", sagt der Drittklässler der Helene-Keller-Schule in Damp - einer Schule mit Internat für Körperbehinderte. Dank der Kooperation zwischen der Schule, dem Förderverein und Peter Langes Tauchschule in Waabs, die als einzige in ganz Schleswig-Holstein sozialpädagogisches Tauchen anbietet, wird es für René erst möglich, einmal im Monat zu tauchen. "Wenn er könnte, würde er einmal die Woche mit uns ins Wasser gehen", erzählt Peter Lange, der sichtlich Freude am vertrauten Umgang mit ihm hat. "Es ist schön, einen Schüler so glücklich zu sehen."
Kommunikation über Handzeichen
Kurze Lagebesprechung: "Als erstes tauchen wir runter auf den Grund, dann lässt du dich ein Stück hochtreiben, schwimmst zum anderen Ende und dort gehen wir wieder auf den Grund. Wir sind immer bei dir", sagt Lange zu seinem Schützling. Trainerin Daniela Schulze hilft René, die Maske ins Gesicht zu ziehen, ohne dass Haare dazwischen sind - andernfalls würde Wasser hineinlaufen. René beißt auf sein Mundstück, holt tief Luft und taucht ab.
Er ist frei. Von jetzt an hört René nur noch seine gleichmäßigen Luftzüge. Immer, wenn er ausatmet, blubbert es an seiner Maske vorbei und das türkisfarbene Nass vor ihm verschwimmt, bis die Blasen die Wasseroberfläche erreicht haben und platzen. Er macht sich lang, streckt Arme und Beine weg vom Körper und lässt sich absinken. Mit seinen beiden Begleitern kommuniziert René jetzt nur noch per Handzeichen. "Das erfordert viel Vertrauen", sagt Tauchlehrer Lange. Um es bei jedem Schüler neu zu gewinnen, erklärt er ihnen als erstes die Technik, mit der sie im Wasser unterwegs sind, und die Handzeichen für die nonverbale Verständigung. Eines benutzt René besonders gern und oft: Er formt mit dem rechten Zeigefinger und Daumen ein "O", die drei anderen Finger zeigen nach oben - "Alles Okay". Er lacht fürs Erinnerungsfoto an seine dritte Tauchstunde. "Wenn er weiter solche Fortschritte macht", sind sich seine Tauchbegleiter sicher, "können wir eines Tages gemeinsam in die Ostsee."
Tauchlandschaft mit Tunneln
Dort, am Standort der Ostseetauchschule Waabs, hat Peter Lange eigens für Tauchzwecke eine Mole mit dem dazugehörigen Stück Ostsee gepachtet und mit Betonringen, Tunneln und Röhren eine Tauchlandschaft geschaffen. Lange selbst taucht seit mehr als 20 Jahren, betreut Menschen mit und ohne Behinderung - und hat nie den Respekt vor dem Wasser verloren. Tauchen ist für ihn mehr als ein Sport - es wurde zu seiner Philosophie: "Wir bewegen uns in einem Medium, in dem wir Gäste sind. Das ist keine Selbstverständlichkeit." Das vermittelt er seinen Schülern auch gleich bei den ersten Tauchgängen - Respekt vor dem Wasser und die Sicherheit, im hydrostatischen Gleichgewicht über den Meeresboden zu gleiten, um nicht mit jeder Hand- oder Flossenbewegung fremden Natur- und Lebensraum zu zerstören.
Sein Angebot für Behinderte empfindet er nicht als besonders - sondern als dringend notwendig: "Es gibt so viel, was auf diesem Sektor noch getan werden kann und muss. In Schleswig-Holstein gibt es meines Wissens kein Hotel, in dem behinderte Menschen Aktiv-Urlaub machen können." Deshalb ist Lange auch stolz darauf, Interessierten seit dem 1. Juli einen Aktiv-Urlaub im behindertengerechten Landhaus Ostseeblick in Kronsgaard (Kreis Schleswig-Flensburg) anbieten zu können. Lange schwärmt: "Im Hotel selbst gibt es ein auf 30 Grad beheiztes Bad zum Tauchen, um die Ecke ist das Meer, und für Anwendungen ist eine Massagepraxis direkt im Hotel." Infos unter
unter 0162/4305856.

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