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Aufdringlich und systematisch : Bettler an der Haustür: Bürger in SH verunsichert

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Masche bringt bis zu 300 Euro pro Person und Tag. Laut Polizei gibt es keine Verbindung mit Diebstählen.

Kiel | Aggressiv auftretende Bettler verängstigen immer mehr Menschen in Schleswig-Holstein. Komme man ihrer Aufforderung nach Geld nicht umgehend nach, gingen die Bittsteller zu Beschimpfungen und Beleidigungen über und stellten auch mal einen Fuß in die Tür – so schildern Opfer gegenüber der Polizei die Vorgehensweise. „Es handelt sich um ein landesweites Phänomen, und es findet in organisierten Strukturen statt“, sagt der Sprecher des Landeskriminalamts, Stefan Jung.

Zwar stellt Betteln keine Straftat dar – dennoch haben besorgte Anrufe der Bevölkerung bei der Polizei ein solches Ausmaß angenommen, dass sie mit einer systematischen Auswertung der Vorkommnisse begonnen hat.

In der Regel dreht es sich laut Jung um Rumänen. Sie seien familiär miteinander verbunden oder zumindest eng bekannt. Sie umfassten verschiedene Altersgruppen; immer wieder kämen neue jüngere Mitstreiter nach. Oft sind die Banden nach Beobachtungen der Polizei in neun-sitzigen Sprintern unterwegs. Systematisch bewegten sie sich entlang der Autobahnen A1 und A7 auf und ab. „Tag für Tag werden die Bettler an einem anderen Ort ausgesetzt und gehen dort auf Tour“, schildert Jung. Meist werden sie bei Streifzügen zu zweit beobachtet. Teils halten sie nach dem Klingeln ein bedrucktes Stück Papier mit der Forderung nach Euros hoch. „Zeitlich gesehen haben die einen ganz normalen Arbeitstag.“ Übernachtet werde meist an Autobahnraststätten. Beobachtet wird das Prozedere verstärkt in den letzten anderthalb Jahren.

Besonders brisant: Die Polizei hat laut LKA-Angaben „manchmal den Eindruck, dass die Betreffenden ausbaldowern, ob es in einem Haushalt etwas zu holen gibt“. Immer wieder würden nach den Streifzügen Gaunerzinken beobachtet – Markierungen, wo sich ein Einbruch lohnen könnte. Allerdings betont Jung auch: „Bisher konnten wir mit den Bettlern keine Diebstähle konkret in Verbindung bringen.“

Manfred Börner, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP), bestätigt „das Phänomen dieses Vorfühlens“ – und vor allem die steigende Tendenz der aufdringlichen Bettelei. Zwar gebe es mangels Strafbarkeit keine Statistik, im Dienstalltag bekomme er jedoch häufiger als in früheren Jahren mit, dass eine Streife bettelnde Personen überprüft.

Die Ordnungshüter belassen es in der Regel bei einer Überprüfung der Personalien; in Einzelfällen erteilen sie einen Platzverweis. Schon die Kontrolle reicht jedoch nach ihren Erfahrungen, um die Rumänen so zumindest aus dem aktuellen Ort hinauszubekommen. Wenngleich klar sei, dass damit nur eine Verdrängung erreicht werde.

Sowohl Jung als auch Börner appellieren an die Bürger ausdrücklich, bei Auffälligkeiten die Polizei zu verständigen. Jung: „Wenn man gar nichts tut, etabliert sich das.“ Auch erhoffen sich die Fahnder durch mehr Hinweise eher die Chance, Erkenntnisse über die Hintermänner zu gewinnen. Für die Situation an der Haustür rät Börner: „Sich nicht einschüchtern lassen, nicht diskutieren, wegschicken.“

Während der GdP-Vorsitzende davon ausgeht, dass die zunehmende Bettelei „auch ein Begleitphänomen der Flüchtlingsströme“ sei, sieht LKA-Mann Jung dafür keinerlei Anhaltspunkte. „Das sind ethnisch mobile Einheiten, die auf einen Asylantrag und Übernachtung in der Erstaufnahme gar nicht angewiesen sind.“ Das zeigten nicht zuletzt die Summen, die die Bettler zusammenbekämen. Nach Ermittlungen der österreichischen Polizei, die das Phänomen schon gründlicher durchleuchten konnte, seien pro Person und Tag 200 bis 300 Euro durchaus machbar.

Zumindest gibt es die Aussicht, dass die Ermittler in absehbarer Zeit ein schärferes Schwert in die Hand bekommen: Laut Jung soll EU-weit ein Straftatbestand Menschenhandel zum Zwecke der Bettelei eingeführt werden. Dann könnte die Polizei härter gegen die Hintermänner vorgehen, die zum Betteln offensichtlich Leute einspannen, die zu ihnen in einem Abhängigkeitsverhältnis stehen.

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erstellt am 15.Sep.2015 | 13:45 Uhr

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