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Boom in China : Bernstein: Unser Strandgut ist teurer als Gold

vom
Aus der Onlineredaktion

Wer Bernsteine hortet, kann derzeit große Geldbeträge einheimsen. Doch bei aller Euphorie ist Vorsicht geboten.

Flensburg | Der neue Goldrausch an Nord- und Ostsee ist buchstäblich „Made in China“. Während die bunten und kunstvoll geschliffenen Bernsteinamulette der Großmutter mancherorts als Erb-Ballast in staubigen Schubladen ihr Dasein fristen, ist in Fernost ein großer Hype um das fossile baltische Nadelbaumharz entstanden. Für reiche Chinesen sind honigfarbene Klunker aus unseren Meeren derzeit das Luxusgut. Dieses spiegelt sich vor allem im Preis wider, der sich in den letzten sieben Jahren verzehnfacht hat und in bestimmten Konstellationen Goldniveau übertrumpft.

Das Suchen von Bernstein ist zu dieser Jahreszeit äußerst lukrativ. Neben den Ostseeinseln in Mecklenburg-Vorpommern sind es vor allem sandige Nordseestrände – wie es sie in Eiderstedt, auf den Nordseeinseln und dem dänischen Festland gibt – die die kostbaren Tränen der Jurate zu Tage bringen. 


Der Bernstein hatte immer eine große Bedeutung für die traditionelle chinesische Medizin, er soll Entzündungen hemmen und das Wohlbefinden steigern. Im Buddhismus zählt er zudem zu den sieben heilenden Steinen der Weisheit. Im Chinesischen bedeutet der Begriff Bernstein so viel wie „die Seele des Tigers“. Mit der weit verbreiteten Einnahme als Nahrungsergänzungsmittel hat die große Nachfrage nach nordischem Bernstein aber nicht viel zu tun. Es ist vielmehr die besondere Farbgebung und Transparenz, die für seine Popularität sorgt. Einschlüsse von Insekten sind in China weit weniger gefragt als in Europa. Es geht um den reinen, gelben Stein. Und es geht um Prunk, denn Gelb heißt Reichtum.

Auf seinen öffentlichen Veranstaltungen legen dem Bernstein-Händler Marcel Querl Menschen ihre Bernsteine und Bernstein-Produkte zur Schätzung vor –  in Hoffnung einer finanziellen Überraschung. Nicht selten geht diese auch in Erfüllung. Bis vor kurzem zahlte der Experte vor Ort Cash. Das Ordnungsamt hat auf diese zunehmenden öffentlichen Veranstaltungen reagiert. Es stuft Bernstein nunmehr als Edelstein (was er de facto nicht ist) ein. Händler wie Querl dürfen somit nur noch Schätzungen abgeben und auf diesem Wege Kontakte zu potentiellen Künden knüpfen. Handelswilligen Kunden stattet er Besuche ab, um die Käufe über die Bühne zu bringen. Derzeit Querl in dieser Sache in Ostholstein unterwegs.

Hintergrund: Bernstein als Schmuck

Bunte, aufwendige Perlen aus Bernstein schmückten Frauen in Norddeutschland bereits vor Hunderten von Jahren. Einige in Ägypten gefundene Objekte sind mehr als 6000 Jahre alt. Das berühmteste Kunstobjekt aus Bernstein war das Bernsteinzimmer, ein im Auftrag des ersten Preußenkönigs Friedrich I. an Andreas Schlüter gefertigter Raum mit Wandverkleidungen. Das Bersteinzimmer ist seit dem Zweiten Weltkrieg verschollen.

Vor etwa einem Monat berichtete der NDR mit einer Reportage über die Auswirkungen des Bernstein-Booms in Schleswig-Holstein. Das Kamerateam begleitete norddeutsche Bernsteinhändler über mehrere Tage bei ihrer Suche nach dem begehrten Fossil-Harz. Dazu zählte auch Marcel Querl, der mit seinem Bernsteinmobil den Norden der Republik bereist.

Die Medienberichte über die Goldgrube baltischer Bernstein (Succinit) haben große Spuren hinterlassen. Mehrere Tausend Emails von Bernstein-Besitzern hat Querl seit dem NDR-Bericht erhalten. Noch heute bekomme er täglich Anrufe von Interessierten. Das abzuarbeiten, sei eine Mammut-Aufgabe. Bei einer Veranstaltung vor drei Wochen in einem Flensburger Hotel sei der Ansturm „gigantisch“ gewesen, berichtet der Bernstein-Händler. Viele Interessierte hätten aufgrund der langen Schlange mitsamt ihrer potentiellen Schätze vorzeitig den Heimweg angetreten.

Industrieller Bernsteinabbau im russischen Baltikum.
Industrieller Bernsteinabbau im russischen Baltikum. Foto: Imago/vm

In der aktuellen Berichterstattung gehe es zu sehr Geldbeträge und zu wenig um Bernstein an sich, bedauert Querl. So werde zum Beispiel positiv darüber berichtet, wie eine große Bernsteinsammlung für einen scheinbar hohen Geldbetrag über den Tresen gehen, auch wenn die Summe angesichts des tatsächlichen Wertes der Ware ein Vielfaches des Gezahlten hätte betragen müssen. Da die Menschen sich meist nicht im Klaren sind, welchen Wert ihre Sammlung habe, sei es immer dringend ratsam, sich ein zweites Angebot einzuholen, es gebe bedingt durch den Boom zu viele „selbsternannte Experten“, so Querl.

Die Bestimmung des Wertes erweist sich – ebenso wie die Suche – als schwierig. Farbe, Größe, Musterung, Alter, Herkunft und Gewicht sind Faktoren, die einander bedingen und die jeden Bernstein zum Unikat machen. Kleine Strandfunde haben summiert nur einen Kilopreis von 100 Euro, während ein einzelner Bernstein-Riese aus der Nordsee mit dem selben Gewicht dem Eigentümer einen vierstelligen Geldbetrag einbringen kann. Solche Findlinge stammen hauptsächlich aus den Netzen der Krabbenfischer. Für gewaltige baltische Rohbernsteine dieser Größe gibt es nur bei den „Neureichen“ in China einen Markt, für den Massenmarkt sind sie wertlos: „Chinesen mögen gerne ihren Reichtum zeigen. Manche legen sich solche 20.000-Euro-Brocken in den Teich, weil er dann so schön schimmert, bei anderen landet er als Vorzeigeobjekt in der Vitrine“, sagt Querl. Auch sei Bernstein ein gängiges Geschenk, um politische Absichten zu erreichen.

Am Gefragtesten sind derzeit Rohbernsteine mit einem Gewicht von 20 bis 200 Gramm, weil sich diese sehr gut für die Weiterverarbeitung zu Schmuck und damit für den großen Markt eignen. Diese Exemplare können leicht mehrere Hundert Euro wert sein. Noch besser als der Ostseebernstein verkauft sich der Nordseebernstein, da er durch die stete Reibung der Gezeiten und eine andere Ablagerung eine dünnere Kruste hat, so dass weniger Schleifverluste entstehen. Die Chinesen seien aus der Elfenbeintradition heraus große Künstler im Schleifen, da könne die europäische Kunst nicht mithalten, sagt Querl. Erzeugnisse aus dem Baltikum, die Europäern wie große Kunst vorkämen, hätten keine Chance in China, auch nur annähernd als Luxusobjekt wahrgenommen zu werden.

Die Abnehmer des Bernstein-Händlers sind große, vor allem chinesische Firmen, die tonnenweise Ware einkaufen und riesige Vorräte halten. Ein Hotspot des globalen Bernsteinhandels ist die Bernsteinmesse in Danzig. Dort definiert sich der Weltmarktpreis. Obwohl die Ukraine – dort blüht der illegale Abbau – seit einiger Zeit ebenfalls auf den Weltmarkt dringt, hält sich das hohe Preisniveau stabil. Querl rechnet damit, dass der Boom, der 2014 seinen Höhepunkt hatte, noch mittelfristig anhalten wird.

Bernstein direkt am Strand zu finden und ihn als diesen zu erkennen, ist nicht ganz so einfach. Da er sich äußerlich kaum von leicht entzündlichem Phospor unterscheidet, kann das Sammeln sogar lebensgefährlich sein. Sein geringes Gewicht hebt den Aber-Stein allerdings wortwörtlich von echten Steinen ab. Bei etwas Wellengang schwimmt der Bernstein im Salzwasser etwas oben. Dadurch ist er vor allem nach windigen Nächten in Ufernähe zu finden. Bernstein glänzt zudem in der Sonne und lädt sich bei Reibung elektrostatisch auf.

Seit der Wert des fossilen Harzes eine breite Öffentlichkeit erreicht hat, ist der normale Strandfund wohl mehr reines Glück. Die Goldgräber sind vielerorten mit Werkzeugen und Wathosen unterwegs. Auf der Ostseeinsel Hiddensee, berichet Querl aus Erzählungen von Ortsansässigen, habe es noch nie so viele Novembergäste gegeben. „Mit 30 bis 40 Leuten stehen die Menschen im Wasser und versuchen, mit Harken und Keschern die Treibselfelder abzuernten“. Dort schlummern die Bernsteine, bevor sie an Land gespült werden.

Verbissene Jagd nach dem Ostseegold – Szenen wie hier in Russland spielen sich inzwischen auch an deutschen Stränden ab.
Verbissene Jagd nach dem Ostseegold – Szenen wie hier in Russland spielen sich inzwischen auch an deutschen Stränden ab. Foto: Imago/vm

Aus den Hunderten Kunstwerken, die der Bernstein-Schätzer zuletzt begutachten durfte, ist ihm ein ganz besonderes in Erinnerung geblieben: Eine sehr detaillierte Miniaturausgabe des legendären Bernsteinzimmers mit der Höhe von ca. 70 Zentimetern, erstellte von einem süddeutschen Künstler. Verkaufen wollte der Schöpfer dieses Werk auch zu aktuellen Konditionen freilich nicht.

Anfang Dezember ist der Bernstein-Experte und -Händler Marcel Querl in Mecklenburg-Vorpommern unterwegs. Wann er wieder nach Schleswig-Holstein kommt, weiß er in der kommenden Woche. Aktuelles unter http://www.bernsteinmobil.de/.

Wie finde ich Bernstein?

Wenn die Wassertemperatur gering ist, sind die Aussichten am Besten. Die Erfolgsaussichten sind in den Monaten November und Dezember am besten, weil der Bernstein dann die Dichte von kalten Salzwasser hat, beinahe schwimmt und besser sichtbar ist. Bei einem Sturm werden die Steine im Wasser aufgewirbelt, so dass die folgende Morgen der Ruhe sich als ideal erweist. Man sollte im Treibgut und in den Spülsäumen, im Seetang und in den Treibselfeldern Ausschau halten und nach Möglichkeit einen Kescher benutzen, denn nur die allerwenigsten Bernsteine landen am Strand.

 
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erstellt am 24.Nov.2015 | 20:11 Uhr

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