Sexuelle Gewalt : Beratung für missbrauchte Männer steht vor dem Aus

Bis zu 120.000 Männer in SH könnten von sexuellem Missbrauch betroffen sein – die meisten wurden in ihrer Kindheit Opfer.
Bis zu 120.000 Männer in SH könnten von sexuellem Missbrauch betroffen sein – die meisten wurden in ihrer Kindheit Opfer.

SH streicht die Fördermittel für die einzige Einrichtung für Männer, die sexuell missbraucht wurden. Ein Rückschlag für die Arbeit in einem Tabu-Bereich.

shz.de von
08. Dezember 2014, 11:21 Uhr

Kiel | Sexuelle Gewalt gegen Männer ist ein Tabu-Thema. Kein Wunder – ist sie doch nur schwerlich mit dem gängigen, klischeebehafteten Rollenbild vom starken, selbstbestimmten Mann vereinbar. Doch laut Studien werden bis zu zehn Prozent aller Männer im Laufe ihres Lebens mit sexueller Gewalt konfrontiert, sagt der Kieler Sozialpädagoge Florian Krampen. „Bricht man das auf alle Männer ab 16 Jahren in Schleswig-Holstein herunter, so reden wir von bis zu 120.000 Betroffenen.“

Dafür gibt es seit Juli 2012 die „Informations- und Beratungsstelle für männliche Betroffene von sexueller Gewalt“, in der Krampen zusammen mit zwei Kolleginnen arbeitet. Sie ist das einzige Angebot dieser Art im Land. Noch. Denn die Beratungsstelle, deren Trägerverein der Frauennotruf Kiel ist, muss zweieinhalb Jahre nach ihrem Start voraussichtlich bald dicht machen. Die Projektmittel des Deutschen Hilfswerkes als Anschubfinanzierung waren Mitte des Jahres ausgelaufen. Im zweiten Halbjahr 2014 gab es einmalig 25.000 Euro Förderung als Überbrückung aus Landesmitteln. Doch im Haushalt 2015 steht kein Geld zum Erhalt zur Verfügung.

Dabei sei das Thema gerade erst in der Öffentlichkeit angekommen, berichtet Krampen. Man habe bereits mehr als 200 Betroffene beraten. „Der Anstoß kam 2010 als Reaktion auf verschiedene hochkochende Skandale, etwa um die Odenwaldschule und die Kirche“, so Krampen. Da sei in der Öffentlichkeit verstärkt wahrgenommen worden, dass viele Männer von sexueller Gewalt betroffen sind. „Das hatte einen Dominoeffekt, daraufhin hat die Zahl von männlichen Anrufern beim Frauennotruf Kiel deutlich zugenommen.“ Da es im Gegensatz zu verschiedenen allgemeinen Angeboten sowie Angeboten für Frauen speziell für Männer keine Anlaufstelle gab, habe man sich zum Handeln verpflichtet gesehen.

„Die Klienten kommen aus allen Teilen des Landes“, sagt Krampen. Der überwiegende Anteil wurde demnach in der Kindheit Opfer sexuellen Missbrauchs, das Alter der Betroffenen liegt oftmals über 40 Jahren. Nach dem telefonischen Erstkontakt können Männer kostenlos je nach Bedarf Beratungsstunden in Anspruch nehmen. „Aus unserer Sicht ist eine Finanzierung durch das Land richtig und stimmig“, so Florian Krampen. „Was sollen wir den Männern sagen, die uns jetzt anrufen?“ Krampens letzte Hoffnung sind Spenden.

„Es ist nicht nachvollziehbar, dass ein so wichtiges Angebot wieder abgeschafft werden soll“, sagt Johannes-Wilhelm Rörig, unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs in Berlin. „Die Entscheidung, diese Beratungsstelle zu finanzieren, war ein wichtiger Schritt, hinter den man nicht wieder zurückfallen sollte.“ Je schneller betroffene Männer Hilfe erhielten, desto besser könne ihnen geholfen werden. Rörig: „Dies kann man nur erreichen, wenn passgenaue Beratungsangebote ausreichend vorhanden und endlich finanziell und personell abgesichert sind. Hier sind die Kommunen und die Länder in der Pflicht.“

Das Thema müsse besser zur Geltung kommen, denn „der gesamte Bereich ist definitiv unterbelichtet“, sagt die Landtagsabgeordnete und gleichstellungspolitische Sprecherin der SPD, Simone Lange. „Aber bei diesem Angebot konnten wir in den Haushaltsberatungen nicht alle konzeptionellen Fragen klären. Es war aus unserer Sicht nicht ausgereift.“ So gebe es unter anderem Überschneidungen zur Jugendhilfe, weil die Beratung sich an Betroffene ab 16 Jahren wendet. Zudem konnte laut Lange kein ausreichender Nachweis über die Erfolge geliefert werden. Es stehe der Beratungsstelle jedoch offen, ein verbessertes Konzept vorzulegen.

Simone Lange setzt auf Ergebnisse des Runden Tisches Sexuelle Gewalt. An dieser Bundesinitiative nimmt auch die schleswig-holsteinische Sozialministerin Kristin Alheit teil. „Über einen Sonderfonds für männliche Opfer sexueller Gewalt sollen zukünftig in Zusammenarbeit mit dem Weissen Ring Beratungsangebote im Land finanziert werden“, so Lange. Wie diese Angebote aussehen sollen und ab wann sie starten ist unklar.

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