Fern der Heimat : Bei den "Müllstörchen" in Andalusien

Weißstörche (Ciconia ciconia) fallen auf der Mülldeponie Miramundo bei Medina Sidonia in Südspanien über Müll und Abfälle her.
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Weißstörche (Ciconia ciconia) fallen auf der Mülldeponie Miramundo bei Medina Sidonia in Südspanien über Müll und Abfälle her.

Nach Afrika schaffen es viele Störche nicht - sie überwintern auf Müllhalden in Südeuropa. 14 Tage zu Besuch im Winterquartier der Störche.

shz.de von
25. April 2011, 09:47 Uhr

Andalusien, Ende Februar. Nach dem Regen der vergangenen Wochen ist die Piste von tiefen Erosionsrinnen und Traktorspuren durchzogen. Zwischen den rotbraunen Schollen gepflügten Ackerlands und endlosen Olivenplantagen quäle ich meinen allradgetriebenen VW-Bus im Schritttempo bergauf. Oben, auf der Kuppe, fällt mein Blick über das vor mir liegende Tal. Bunt gesprenkelt von Plastiktüten, die auch in allen Zäunen und Hecken hängen, wirkt der nächste Hügel aus der Ferne wie die Installation eines Landschaftskünstlers. Aber es ist nicht Kunst, was da vor mir in der Sonne glitzert, sondern ein gigantischer Berg aus Müll: Die Deponie von Medina Sidonia, nahe der Stadt Jerez, ist eine der größten Müllhalden Spaniens.
Über der Halde sehe ich eine Wolke aus weißen Punkten. Es sind Abertausende Möwen, die am tiefblauen Himmel ihre Kreise ziehen. Weiter oben segeln gemächlich mehrere Gänsegeier, gewaltige Vögel mit weit gespreizten, brettartigen Flügeln. Und dann, mit bloßem Auge kaum zu erkennen, entdecke ich die Störche. Mindestens 200 der Langschnäbel schrauben sich, ohne jeden Flügelschlag, in einer Thermik in schwindelnde Höhe. Wie auf Kommando gehen sie plötzlich in den Gleitflug, fliegen einen großen Bogen und landen auf der Deponie.

Jetzt, so dicht vor dem Ziel, will ich keine Zeit mehr verlieren. Ich muss rauf auf den Müllberg, um endlich beobachten zu können, was sich dort abspielt. Nur ungern lassen sich die Betreiber der Deponie in die Karten schauen. Einfach war es deshalb nicht, die Betretungsgenehmigung zu erhalten. Aber seit gestern habe ich das "Permiso" endlich in der Tasche. 14 Tage lang darf ich nun auf der Halde arbeiten, bevor sich das Tor für mich wieder schließt. Als ich kurze Zeit später die Einfahrt erreiche, geht alles ganz schnell: Nach der Ausweiskontrolle werde ich in eine Besucherliste eingetragen und muss meine orangefarbene Warnweste anlegen. "Vorsicht vor den Lkw", ruft mir der Wachmann noch nach, dann ist der Weg zu den "Müllstörchen" frei.
Tausende Vögel im stinkenden Unrat
Die Zufahrt, eine Straße aus festgefahrenem Müll, windet sich am Rand der Deponie steil nach oben. Der süßliche, ekelerregende Gestank vergammelnder Abfälle wird penetranter, je mehr ich mich dem Plateau nähere. Schließlich liegt die Deponiefläche vor mir. Ein paar hundert Meter noch, dann weitet sich der Weg zu einem breiten, schlammigen Wendeplatz für die großen Laster. Dort beziehe ich Position, nur wenige Meter entfernt von einem Bulldozer mit riesiger Schaufel. Ich öffne die Fahrertür, um besser beobachten zu können - keine gute Idee, wie ich schnell merke, denn in kürzester Zeit haben Hunderte Fliegen den Weg in mein Auto gefunden. Mit Mühe unterdrücke ich den Würgreiz, greife mir das Fernglas und die Kamera, und verlasse das Fahrzeug, um mich draußen umzusehen.

Etwa dreihundert Meter misst die stinkende Halde. Auf der Ebene aus platt gepresstem Müll stehen dicht an dicht die Möwen. Hunderte der kleinen Kuhreiher suchen hektisch im Unrat nach Fressbarem. Dicht gedrängt rasten große Gruppen von Störchen am hinteren Rand der Fläche. Zählen kann ich sie nicht, aber tausend sind es bestimmt. Viele der Vögel sind stark verschmutzt, bei einigen ist das Gefieder rötlich verfärbt. Im Fernglas kann ich zwei Störche mit gebrochenen Beinen erkennen. Andere stehen mit hängenden Flügeln apathisch am Rand der Deponie.
Wie in einem geologischen Aufschluss lässt sich an manchen Stellen der Aufbau des Müllbergs ablesen: Meterdicke Schichten aus verdichteten Abfällen bilden die Grundlage dieses schaurigen Orts. Inmitten des Plateaus steht, wie vergessen, ein einsames Sofa. Nicht weit entfernt, hoch aufgetürmt, ein unappetitlicher Stapel aus verdreckten Matratzen. Ganz in meiner Nähe, am Rande des Wendeplatzes, lagert "frisch" angelieferter Nachschub für die Deponie: Holzmöbel, Babywindeln, Kabelstränge, Bauschutt und allerlei Haushaltsabfälle, alles türmt sich dort wild durcheinander. Wo am gegenüberliegenden Rand das Plateau wieder abfällt, streiten ein paar Störche mit heftigen Schnabelhieben um die höchsten Standplätze auf zusammengeschobenem Müll. Hinter ihnen, in der Ferne, leuchtet, wie zum Hohn, im warmen Abendlicht die Kulisse der weißen Stadt Medina Sidonia. Ein unwirkliches Bild, dieser Kontrast aus andalusischem Idyll und dem Dreck der Halde.

Der Wind bläst mir den Staub von der Müllkippe ins Gesicht. Dort setzt er sich fest und kriecht unerbittlich in die Nase. Die Augen tränen, und ich bilde mir ein, selbst im Mund den Geschmack verwesender Abfälle zu spüren. Im kleinsten Gang kriecht ein riesiger Lkw die Halde herauf. Er wendet und rangiert mit piependem Warnton rückwärts an die Deponiefläche heran. Ein paar Möwen und Kuhreiher fliegen gierig herbei, aber die Störche verweilen noch immer in stoischer Ruhe. Sie scheinen selbst dann nicht interessiert, als ein neuer Müllhaufen sich rumpelnd aus dem Laster entlädt. Als jedoch ein Deponiearbeiter den gigantischen Bulldozer in Bewegung setzt, machen sie lange Hälse.
Apokalyptische Szenen auf der Deponie
Mit klirrenden Ketten lärmt das große Fahrzeug an mir vorbei und beginnt, die Müllhaufen am Rand der Deponie auseinander zu schieben. Jetzt plötzlich erwachen die Störche aus ihrer Lethargie. Neugierig drängen sie heran, wie die Hennen auf dem Hühnerhof. Und als der Bulldozer auf die Deponiefläche fährt und mit der riesigen Schaufel den Müll verteilt, sind die Langschnäbel wie verwandelt. Aus den scheinbar gelangweilten Störchen werden gierige, streitsüchtige Aasfresser. Auch die Möwen steigen auf, ihr Gekreische steigert sich zu ohrenbetäubendem Lärm. Hinter den Ketten des Bulldozers treffen Störche, Kuhreiher und Möwen zusammen und balgen sich aggressiv um die Nahrungsbrocken. Die plötzliche Hektik, der röhrende Bulldozer, das Schreien der Möwen und das verärgerte Fauchen Hunderter Störche, all das vereint sich zu einem infernalischen Konzert. Geradezu apokalyptische Szenen spielen sich ab, Bilder, gegen die Hitchcocks "Die Vögel" wie eine Romantikschnulze erscheinen.
Wie die Störche in Mitteleuropa dem pflügenden Bauern folgen, so kleben sie hier auf der Spur des lärmenden Bulldozers. Dicht hinter und vor dem Fahrzeug ist die Nahrungssuche am ergiebigsten, und so wagen sich die Vögel nahe an die gefährlichen Ketten heran. Fast panisch fliegen sie auf, um der Gefahr zu entgehen, wenn das ratternde Monstrum plötzlich die Fahrtrichtung wechselt. Aber was eigentlich fressen die Störche? In dem Gewirr aus hektisch rennenden Vogelkörpern und schlagenden Flügeln ist es nicht einfach, Details zu erkennen. Oft sind es nur winzige Happen, die die Vögel erbeuten. Manchmal zerren die Schnäbel ergiebigere "Leckerbissen" aus dem Müll. Fischköpfe sind dabei, mit oder ohne Gräten, blanke Hühnerknochen, aber auch große, unidentifizierbare Brocken, die kaum in den Schlund passen.
Einer der Störche hat sich den meterlangen Darm eines Schlachttieres gepackt. Stück für Stück verschlingt er die unappetitliche Mahlzeit, bis er feststellt, dass das andere Ende am Boden hängt. Verzweifelt versucht der Vogel, den Darm, der ihn wie eine Angelschnur festhält, los zu werden, während andere ihm die Beute schon wieder streitig machen.
2000 Störche auf dem Weg zum Schlafplatz
Etwa 20 Minuten dauert das Höllen-Spektakel, dann hat der Bulldozer seine Arbeit getan. Nicht lange danach kehrt auch bei den Störchen wieder Ruhe ein. Alles Fressbare haben sie raussortiert aus dem soeben verteilten Müll. Langsam ziehen die Vögel sich zurück und nehmen ihre Warteposition am Rand der Deponie wieder ein. Einige fliegen zu einem nahe gelegenen Tümpel, um sich im schmutzig schillernden Wasser zu erfrischen. Nur einer der Störche kann sich nicht entspannen. Der arme Kerl hat sich in einer Plastiktüte gefangen und steckt von Kopf bis Fuß in dem transparenten Gefängnis. Seine panischen Bemühungen, sich zu befreien, bleiben ohne Erfolg. Vielleicht hat er es irgendwann doch noch geschafft, der tödlichen Falle zu entkommen. Aber die Nahrungssuche auf der Deponie hat ihren Preis. Viele Störche überleben solche und ähnliche Unfälle nicht.
Die Störche von Medina Sidonia wissen genau, wann es sich nicht mehr lohnt, auf den Bulldozer zu warten. Kurz nach Sonnenuntergang, wenn auch der letzte LKW abgefahren ist, verlassen sie die Deponie. In endloser Kette fliegen sie mit schweren Flügelschlägen vor dem roten Abendhimmel nach Westen. Da sind sie wieder, die beeindruckenden Bilder der "stolzen" Störche, wie wir sie eigentlich im Überwinterungsgebiet erwarten. Mehr als 2000 Vögel kann ich bei einem dieser abendlichen Schauspiele zählen. Wo fliegen sie hin? Zwei Tage dauert es, bis ich endlich, acht Kilometer entfernt, den Schlafplatz finde. Dicht gedrängt verbringen die Vögel die Nacht in einem flachen Regenwassertümpel, inmitten der friedlichen Hügel Andalusiens. Kaum vorstellbar, dass dies die gleichen Störche sind, die sich am nächsten Morgen auf der Müllkippe wieder als unappetitliche Streithähne um stinkende Abfälle prügeln.
(Holger Schulz, shz)

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