Grober Beandlungsfehler : Behinderter Jeremy: Arzt soll zahlen

Er bleibt trotz der Behinderung tapfer: Der kleine Jeremy ist  Opfer eines Behandlungsfehlers geworden, so die Richter.
Er bleibt trotz der Behinderung tapfer: Der kleine Jeremy ist Opfer eines Behandlungsfehlers geworden, so die Richter.

Jetzt steht das Urteil fest: Bei dem Jungen aus Neumünster liegt laut Gericht ein grober Beandlungsfehler vor. Sein Arzt hatte eine Magen-Darm-Grippe statt einer Hirnhautentzündung diagnostiziert.

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01. September 2012, 12:18 Uhr

Kiel | Wegen einer Fehldiagnose mussten dem heute siebenjährigen Jeremy Beine und Fingerglieder amputiert werden - in dem Prozess um den Behandlungsfehler hat das Kieler Landgericht am Freitag einen Kinderarzt aus Neumünster grundsätzlich zur Zahlung von Schadensersatz und Schmerzensgeld verurteilt. Er habe einen groben Behandlungsfehler gemacht.
Die Höhe der Ansprüche des Jungen müssten in weiteren Verhandlungen ermittelt werden, sagte der Vorsitzende Richter Hans-Rudolf Stein. Die Familie des Jungen in Neumünster fordert Schadensersatz in Höhe von mindestens einer Million Euro. Der Arzt und dessen Haftpflichtversicherung bestreiten den Kunstfehler.
Magen-Darm-Infekt statt Gerhirnhautentzündung diagnostiziert
Das damals zwei Jahre alte Kind war 2007 Notfallpatient des Mediziners. Der Arzt diagnostizierte statt einer Gehirnhautentzündung nur einen Magen-Darm-Infekt und schickte Eltern und Kind mit einem Rezept wieder nach Hause. Der Junge erlitt kurz darauf eine schwere Sepsis, fiel ins Koma. Ärzte der Uni-Klinik Lübeck kämpften zwei Monate um das Leben des Kindes. Um ihn zu retten, mussten Beine und Fingerglieder amputiert werden.
"Der Arzt verkannte durch unzureichende Befunderhebung eine Meningitis", stellte der Vorsitzende Richter Hans-Rudolf Stein unter Berufung auf mehrere Sachverständigen-Gutachten in öffentlicher Sitzung fest. "Dadurch konnte sich eine bakterielle Meningokokken-Sepsis entwickeln." Der Arzt hätte demnach eine Blutuntersuchung anordnen müssen, die nach aller Wahrscheinlichkeit die bakterielle Infektion nachgewiesen hätte, sagte Stein. Er beging demnach einen groben Behandlungsfehler.
"Erster wichtiger Etappensieg"
Jeremys Anwalt Frank Albert Sievers sprach von einem "ersten wichtigen Etappensieg". Der Arzt und dessen Haftpflichtversicherung bestreiten aber einen Kunstfehler. Sie können den Richterspruch mit Berufung anfechten.
Sollten der beklagte Kinderarzt und dessen Haftpflichtversicherung gegen das Urteil in Berufung gehen und dann sogar Revision einlegen, könnten bis zur Rechtskraft noch Jahre vergehen, sagte Sievers. Solange trägt die Krankenversicherung des Jungen die Behandlungskosten.
Bei Berufung will Anwalt die Klage erweitern
Jeremys Rechtsanwalt kündigte für den Fall, dass das Urteil mit Berufung angefochten wird, eine Klageerweiterung an. "Dann machen wir noch weitere Ansprüche geltend", sagte er. Dabei ginge es "um einen namhaften siebenstelligen Betrag". Sievers rief sowohl den Arzt wie auch die Versicherung "im Interesse aller Beteiligten zu einer einvernehmlichen Regelung" auf. Der auf Arzthaftungsrecht spezialisierte Jurist kämpft seit Jahren um Entschädigungszahlungen für das Kind. Nachdem gütliche Einigungen scheiterten, reichte er im Jahr 2010 schließlich Klage gegen den Arzt und dessen Haftpflichtversicherer ein.
Eine Sprecherin der Haftpflichtversicherung hatte bereits am Donnerstag schriftlich erklärt, bei Jeremy handele sich "um einen ganz besonders tragischen Fall, den wir alle zutiefst bedauern". Man habe jedoch die Verpflichtung, etwaige Ansprüche gegen den Arzt genau zu prüfen.

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