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Eider-Treene-Sorge-Niederung : Bauern helfen bedrohten Vogelarten

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Ein Projekt mit landesweitem Pionier-Charakter: Eine Kooperation von Bauern und Naturschützern hilft Wiesenvögeln in der Eider-Treene-Sorge-Niederung.

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erstellt am 28.Mai.2013 | 05:45 Uhr

Meggerdorf | Mit zwei Metern unter Normalnull ist es eine der tiefsten Stellen Schleswig-Holsteins: der Meggerkoog in der Eider-Treene-Sorge-Niederung, etwa auf halber Strecke zwischen Rendsburg und Husum gelegen. Wenn es um innovative Wege für den Naturschutz geht, stellt das Grünlandgebiet indes einen Höhepunkt im Land dar. Zwei Gruppen, die häufig als Gegner gelten, haben dort einen gemeinsamen Weg gefunden, um den arg gefährdeten Wiesenvögeln zu helfen. Weitere Regionen schicken sich an nachzuziehen.
Gab es bei Projektstart 1997 im Meggerkoog noch gerade mal 19 Kiebitzpaare, sind dort im vergangenen Jahr 44 gezählt worden. Die Zahl der akut vom Aussterben bedrohten Uferschnepfen stieg im selben Zeitraum von 14 auf 22 Paare, die des ähnlich selten gewordenen Großen Brachvogels von zwei auf neun Paare. Es ist eine gegenteilige Entwicklung zum Landestrend, nach dem die Bestände der Wiesenvögel drastisch zurückgehen.

Erfolg nur in Partnerschaft mit Landwirten möglich


"Alleine hätten wir das nie geschafft", bekennt Hermann Hötker, Leiter des Michael-Otto-Instituts für Vogelforschung im Naturschutzbund (Nabu) aus Bergenhusen freimütig über die Ausnahmeerscheinung Eider-Treene-Sorge-Niederung. "Nur in Partnerschaft mit den Landwirten war dieser Erfolge möglich."
Der Beitrag der Landwirte besteht in einer freiwilligen Selbstverpflichtung. Sie verzichten in eng umrissenen Zonen für die Dauer der Brut auf Schleppen, Walzen oder Mähen, sofern dort Vögel nisten. Ehrenamtliche Gebietsbetreuer schreiten dazu im Frühjahr und Frühsommer regelmäßig die Koppeln ab. Mit Bambusstäben markieren sie die Stellen, die die Bauern aussparen mögen.

64 Bauern mit 6400 Hektar beteiligen sich


Die Sensibilisierung hat inzwischen eine Eigendynamik gewonnen: "Einige Landwirte kommen schon von sich aus und geben Bescheid, wenn sie Brutplätze entdeckt haben", erzählt Renate Rahn. Sie ist selbst Bäuerin, eine der ersten Teilnehmerinnen und Vorsitzende des Vereins "Kuno", kurz für "Kulturlandschaft nachhaltig organisieren". Der hat sich unter anderem für die Projektträgerschaft des gemeinschaftlichen Wiesenvogelschutzes gegründet.
Während "Kuno" mit nur zwei Bauern begann, machen inzwischen 68 aktiv mit. Und das in einem deutlich über den Meggerkoog hinaus gewachsenen Einzugsgebiet: Es umfasst jetzt 6400 Hektar privates Grünland in fast 30 Gemeinden. Im letzten Jahr wurden 292 Wiesenvogelgelege und -familien während der Bearbeitungszeit geschützt. Rahn hat beobachtet: "Weil sie wissen, dass ihnen von den Treckern keine Gefahr droht, bleiben die Tiere mittlerweile länger sitzen, teilweise länger als wenn man sich ihnen zu Fuß nähert."

Keine langfristige Verpflichtung


"Es wirkt viel überzeugender, wenn Frau Rahn und andere Landwirte Berufskollegen zum Mitmachen gewinnen, als wenn wir Naturschützer das versuchen", betont Hötker. Niedrigschwellig macht die Teilnahme an "Kuno" auch, dass keine langfristige Verpflichtung eingegangen werden muss - sondern nur für die jeweilige Brutsaison bis maximal Ende Juni.
Und dann sind da noch die Entschädigungsprämien für die ökonomische Einbußen bei einem Verzicht auf eine Bewirtschaftung. Ein sensibler Punkt, denn die Nachfrage nach Grünland befindet sich auf einem Rekordhoch, ebenso die Pacht. In den zwei Anfangsjahren waren die Ausgleichszahlungen von privaten Sponsoren finanziert worden. Heute zahlt das Kieler Umweltministerium pro Hektar 150 Euro, wenn Schleppen und Walzen unterbleiben; 350 Euro, wenn nicht gemäht wird. Gerade im letzten Jahr hat das Land die Ausgleichszahlung um 50 Euro erhöht.

Wiesenvögel brauchen Rundumblick


Geht es speziell um den Erhalt der Wiesenvögel, gesteht Biologe Hötker der Landwirtschaft sogar zu: "Ohne sie ginge es gar nicht. Zumindest die Wiesenvogelarten bevorzugen als Aufenthaltsort bewirtschaftete Flächen." Eine gewisse Düngung - auch wenn das richtige Maß aus Naturschutzsicht ein Balanceakt sei - sorge für ein reicheres Bodenleben.
"Das Entscheidende ist, dass die Bewirtschaftung die Parzellen offen hält, da Wiesenvögel zu ihrer Sicherheit einen guten Rundumblick benötigen. Nicht bewirtschaftete Gebiete wachsen schnell zu und werden dadurch für Wiesenvögel unattraktiv." Anders verhalte es sich mit Brachen auf Ackerstandorten. Diese sind für viele andere Arten wie Feldlerchen und Rebhühner wichtige Lebensräume.

Sechs örtliche Naturschutzvereine


Dass es in der Eider-Treene-Sorge-Niederung im Konsens besser klappt als anderswo, erklären sowohl Hötker als auch Rahn unter anderem mit einer vergleichsweise breiten Naturschutztradition. In den Gemeinden des Gebiets gibt es gleich sechs örtliche Naturschutzvereine. Sie bestehen teils schon seit 30 Jahren. Damals wurden an der Alten Sorgeschleife große Naturschutzflächen eingerichtet. Um über den Umgang damit mitzubestimmen, so schildert es Rahn, sahen die Einheimischen die Vereine als ein Instrument an. Auch, dass hier das Nabu-Institut zu Hause sei, erleichtere Manches, ergänzt Hötker. Durch die Nähe kann es unterstützend Personal zur Verfügung stellen. Teils fährt es auf den Treckern mit, um noch einmal extra auf ganz frische Gelege zu achten.
Trotz manch regionaler Besonderheit - der Nabu arbeitet daran, das Modell auch anderswo zu etablieren. Erste Ansätze gibt es auf Föhr, in der Miele-Niederung südlich von Meldorf und in der Oberalster-Niederung bei Henstedt-Ulzburg. Auch dort soll eine Kooperation zwischen Naturschutz und Landwirtschaft zu Gunsten der Wiesenvögel wachsen.
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