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Luftbilder aus Kriegstagen : Bau-Boom in SH befeuert Bomben-Suche

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Boden in SH ist noch immer voller Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg – Bauherren lassen immer häufiger Luftbilder auswerten.

Kiel | Fast 70 Jahre liegt der Zweite Weltkrieg zurück – und doch fahnden Munitionsexperten mit sogar stark steigender Tendenz nach Bombenblindgängern im schleswig-holsteinischen Untergrund. Gingen beim Landeskriminalamt (LKA) in Kiel im Jahr 2010 noch 766 Anträge auf eine Auswertung alliierter Luftbilder aus Kriegstagen ein, waren es 2013 bereits 1900. In diesem Jahr rechnet Jürgen Kroll, Dezernatsleiter für Kampfmittelbeseitigung im LKA, mit bis zu 2700 Anträgen. Denn schon im August war die Schwelle der 1900 aus dem Vorjahr durchbrochen.

Kroll führt den Anstieg auf den „massiven Bau-Boom vor allem privater Investoren zurück, den die niedrigen Zinsen ausgelöst haben“. Denn die Anträge auf eine solche Luftbildauswertung hängen stets mit Bauprojekten zusammen. Jeder Bauherr, der in 168 als besonders gefährdet eingestuften Städten und Gemeinden Schleswig-Holsteins in den Grund vorstoßen möchte, muss klären lassen, dass das Terrain frei von Blindgängern ist. Die Liste orientiert sich an den Orten, für die Bombenabwürfe dokumentiert sind. Längst nicht alle Geschosse sind beim Aufprall explodiert. Viele drangen vier bis sechs Meter tief in den Boden ein, drehten sich dort teils noch ein kleines Stück nach oben um und blieben dann liegen.

Ansatzpunkt für die heutige Suche nach den Blindgängern bilden die Vorher-/Nachherfotos, die die Briten bei ihren Luftangriffen von den Zielen gemacht haben. Drei Spezialisten des LKA können auf den Bildern in akribischer Sucharbeit zwischen den Trümmern nadelstich-ähnliche winzige Punkte aufspüren. Diese bieten einen ersten Ansatzpunkt dafür, dass sich dort vielleicht eine explosive Hinterlassenschaft befindet. Mit Hilfe modernster Computersoftware wird das Luftbild in Fotos von der heutigen Lage eingepasst. Ein Sondiertrupp sieht dann vor Ort genauer nach und kann meistens doch Entwarnung geben. Genauere Zahlen dazu kann das LKA nicht nennen.

„Es ist erst wenige Jahre her, da haben wir noch für 100.000 Euro Luftbilder von den Briten angekauft“, berichtet LKA-Dezernatsleiter Kroll. Weil die Bestände im schleswig-holsteinischen Besitz mittlerweile die meisten Gebiete abdecken, sind die Ausgaben inzwischen niedriger. Im letzten Jahr blätterte das LKA für weitere Bilder noch 30.000 Euro hin.

Für die Bauherren ist die Auswertung der Luftbilder zwar kostenlos – dennoch kann sie zum Problem werden. Angesichts des enormen Anstiegs dauert es laut Kroll mittlerweile elf Wochen, bis die Anträge abgearbeitet sind. 2010 waren es nur drei. So lange das LKA nicht geprüft hat, kann das Bauvorhaben nicht beginnen. „Für viele ist das der Horror, sowohl finanziell als auch vom Zeitplan her“, weiß Kroll. „Wohl fühlen wir uns nicht mit diesem Problem.“ Aber körperliche Unversehrtheit geht vor: „Es geht gerade auch um die Sicherheit der Handwerker, die dort arbeiten.“ Er appelliert an die Baubehörden der Kreise und kreisfreien Städte, bereits stets auf die Pflicht zur Klärung von Munitionsaltlasten hinzuweisen, wenn eine Baugenehmigung beantragt wird. Offenbar geschehe dies nicht in jedem Fall.

Ein Trend innerhalb der Antragswelle: Weil Baugrundstücke an der Peripherie günstiger sind als in den Zentren, werden häufiger als früher Luftbilder aus kleineren Orten oder von Stadtteilen im Außenbereich ausgewertet. Tendenziell kommt es dort deshalb auch eher zu einer Bergung als in vorhergehenden Jahren.

Schätzungen, wie viel Weltkriegsmunition noch an Land schlummert, gibt es nicht. Der Dezernatsleiter des LKA ist sich aber sicher: „Insbesondere Städte wie Kiel und Lübeck munitionsfrei zu machen, ist noch eine Aufgabe für Generationen.

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erstellt am 28.Aug.2014 | 19:46 Uhr

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