Mit 300 km/h durchs Land : Bahn-Vision für Schleswig-Holstein

Stopp in Flensburg: Zwischen Aarhus und Berlin fährt heute bereits ein ICE. Foto: Iwersen
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Stopp in Flensburg: Zwischen Aarhus und Berlin fährt heute bereits ein ICE. Foto: Iwersen

Die Dänen wollen mit 300 Stundenkilometern nach Hamburg - und dafür auch südlich der Grenze die Zug-Trassen revolutionieren. Bis dahin werden aber noch 18 Jahre vergehen.

shz.de von
09. Oktober 2012, 03:01 Uhr

Aarhus/Hamburg | Aus Dänemark kommt ein Vorstoß, der die Bahnverbindungen auch in Schleswig-Holstein revolutionieren würde. Von Dänemarks zweitgrößter Stadt Aarhus nach Hamburg in zweieinhalb Stunden ab 2030 statt heute in viereinhalb; und in sogar nur anderthalb Stunden ab 2050: So lautet die Vision, die die Region Süddänemark mit Sitz in Vejle verfolgt. Im Auftrag der Gebietskörperschaft hat die dänische Tochter des britischen Infrastruktur-Gutachters "Atkins" dazu eine "westdänisch-norddeutsche Bahnstrategie" vorgelegt. Ergebnis: Technisch sei eine solche Hochgeschwindigkeitstrasse möglich. Der süddänische Regionsvorsitzende Carl Holst - seit Jahren enger Kooperationspartner der Landesregierung in Kiel - will für den Super-Zug jetzt auch in Schleswig-Holstein auf die Suche nach Verbündeten gehen.
Eine Triebfeder für die Idee ist die in Jütland verbreitete Furcht, es könne im Abseits landen, wenn 2021 die feste Fehmarnbelt-Querung eröffnet wird. Hinzu kommt die Beobachtung, dass europaweit ein Hochgeschwindigkeitsnetz für Züge im Aufbau sei - darin durch Dänemark aber eine Lücke zwischen Skandinavien und Kontinentaleuropa klaffe. "Viele vergessen, dass Hamburg für das westliche Dänemark ein sehr viel wichtigeres Wirtschaftszentrum als Kopenhagen ist", stellt Holst fest. Er ist überzeugt: "Die Effekte für neues Wachstum und Arbeitsplätze sind gar nicht hoch genug einzuschätzen, die in einem Zusammenbinden des Städtebands in Jütland mit der Elbemetropole liegen." Nur sei es "unglaublich, dass wir heute bei der Bahn Verhältnisse vorfinden, die das Tempo der 50er Jahre kaum überschreiten".
Querung des Nord-Ostsee-Kanals in Levensau
Die Gutachter gehen von einer Geschwindigkeit um 300 Stundenkilometer aus. Das erfordere auf mehreren Abschnitten eine neue Trasse. Sowohl aus Gründen des Tempos, aber auch, um die über 60 Bahnübergänge südlich der Grenze auszusparen. Die Planer haben auf der Karte kreativ gezeichnet. Sie denken nicht in den Bahnen der heutigen Haupt-Nord-Süd-Trasse über Rendsburg, Neumünster und Elmshorn. Vielmehr beziehen sie das bevölkerungs- und damit Fahrgäste-trächtige Kiel in ihr Konzept ein. Dazu schlägt "Atkins" vor, von Schleswig ein neues Gleisbett bis südlich von Gettorf zu verlegen und auf der vorhandenen Brücke bei Levensau den Nord-Ostsee-Kanal zu überqueren.
So ließe sich der Bau einer neuen Brücke oder eines Tunnels als Ersatz für die betagte Eisenbahnhochbrücke in Rendsburg sparen. Das 99-jährige Bauwerk wird in dem Papier nicht nur wegen seines Alters, sondern auch wegen seiner zeitfressenden Schleife als größtes Hindernis der Pläne angeführt. Ebenfalls, um Zeit zu sparen, lassen die Dänen den Kieler Hauptbahnhof links liegen und siedeln die Station der Landeshauptstadt für den Hochgeschwindigkeitszug am westlichen Stadtrand an. Das Gleiche gilt für Flensburg. Um die heutige Schleife in die Innenstadt zu sparen, wird ein Bahnhof im Stadtteil Weiche angeregt.
Neue Trasse neben der A7
Von Kiel führt das Modell die Hochgeschwindigkeitszüge über die vorhandene Trasse bis Neumünster, um von dort bis Hamburg-Stellingen entlang der A7 neu zu bauen. Damit würde die lange Kurve über Elmshorn und Pinneberg entfallen. Um keine Zeit zu verlieren, sollen südlich der Grenze nur Flensburg und Kiel Haltepunkte sein, nördlich davon Erritsø bei Kolding.
Schleswig-Holsteins Verkehrsminister Reinhard Meyer (SPD) äußert "großes Verständnis für die visionären Überlegungen auf dänischer Seite" - sieht aber noch viele offene Fragen. Das gelte insbesondere für die Finanzierung, aber auch hinsichtlich einer dringend nötigen Anbindung des Flughafens Fuhlsbüttel. Meyer gibt unter anderem zu bedenken, dass eine Neubaustrecke zwischen Schleswig und Kiel teurer sein dürfte als ein Ersatz für die Rendsburger Hochbrücke. Die vorgeschlagene Neubaustrecke Neumünster-Hamburg sei bereits 2008 als "Flugzug-Strecke" geprüft und nicht zuletzt wegen der hohen Kosten auf Eis gelegt worden.
Verkehrsminister Meyer ist skeptisch
Angesichts der erheblichen Finanzierungsprobleme bei Verkehrsinfrastrukturprojekten generell ist Meyer eher skeptisch, ob sich ein solches Vorhaben realisieren lässt. Flensburgs Oberbürgermeister Simon Faber (SSW) hält den Vorschlag "für einen interessanten Ansatz, der auf beiden Seiten der Grenze positive Effekte erzielen würde". Der Ansatz solle "auf jeden Fall näher untersucht werden".
Über Kosten schweigt sich die "westdänisch-norddeutsche Bahnstrategie" aus. Es findet sich lediglich der Hinweis auf Zuschüsse im EU-Topf für transnationale Verkehrsprojekte (TEN). Auch für die Fehmarnbeltquerung fließt daraus Geld, allerdings maximal 20 Prozent der Baukosten. Vielleicht kann die Fehmarnbelt-Querung ja noch in anderer Hinsicht als Vorbild dienen: Der Vorschlag, dass die Dänen sie auch auf dem deutschen Abschnitt des Belts bezahlen, galt zunächst als Witz - wurde dann jedoch konkrete Zusage. Vielleicht klappt das beim Hochgeschwindigkeitszug noch einmal, wenn die deutsche Seite nur lange genug zögert.

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