"Kellerkind"-Gutachten : Bad Segeberger Landrätin unter Druck

Seiten des Gutachtens über das sogenannte 'Kellerkind' von Bad Segeberg vor dem Kreishaus. Foto: dpa
Seiten des Gutachtens über das sogenannte "Kellerkind" von Bad Segeberg vor dem Kreishaus. Foto: dpa

Im Gutachten zum Fall des sogenannten "Kellerkindes" in Bad Segeberg waren etliche Stellen geschwärzt. Sollte so das Versagen des Jugendamts vertuscht werden?

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07. November 2012, 08:05 Uhr

Bad Segeberg | Im Fall des Kellerkindes in Bad Segeberg gerät Landrätin Jutta Hartwieg (SPD) unter Druck. Im Gutachten zu dem Fall waren etliche Stellen mit Verweis auf den Datenschutz geschwärzt worden. Mittlerweile sind diese Passagen öffentlich geworden - und der Kellerkind-Skandal bekommt eine neue Dimension: Dienten die Schwärzungen nicht dem Datenschutz, sondern dazu, das Versagen des Jugendamts zu vertuschen?
"Es kann nur gerichtlich geklärt werden, ob die Verwaltung korrekt gehandelt oder das Kontrollrecht der Kreistagsabgeordneten unzulässig eingeschränkt hat", sagt Wolfgang Schnabel, FDP-Fraktionsvorsitzender im Kreistag. "Die Landrätin muss den Verdacht ausräumen, dass mehr geschwärzt wurde als notwendig."
Schläge mit Knüppeln
Welche Informationen wurden den Kreispolitikern vorenthalten? Es sind Hinweise darauf, dass das Jugendamt bereits 2005 ein düsteres Bild der Familie zeichnete. Nachbarn berichteten von "körperlicher Gewalt der Kindesmutter und der Großmutter" an der ältesten Tochter. Bereits 2006 sei eine Tochter eingesperrt worden - mit einem Topf als Toiletten-Ersatz. 2007 gab ein privater Träger zu Protokoll: "Das Wohl der Kinder kann nicht sichergestellt werden." Und 2008 öffneten die Eltern der Sachbearbeiterin des Jugendamts schon gar nicht mehr die Tür. Spuren körperlicher Gewalt, aber auch seelischer Traumata bei den Kindern seien dann im Hort festgestellt worden. Die dritte Tochter berichtete von einem Stoß mit einer Schranktür, von Schlägen mit einem Knüppel und dass sie häufig eingesperrt werde. Das Fazit der Betreuer: Die vom Jugendamt gestellten "Hilfen reichen zur Gefahrenabwendung nicht aus".
All das durften die Politiker nicht lesen. Gleiches gilt für eine Gerichtsentscheidung. So sprach das Oberlandesgericht dem Jugendamt 2010 die Fürsorge für die zu dieser Zeit fünf Kinder zu. Damit hätten sie aus der Familie geholt werden können - was allerdings nicht sofort passierte. Bis Juni 2012 blieben drei Kinder dort - bis der Dreijährige entdeckt wurde, den die Eltern nackt in einen völlig verdreckten Keller gesperrt hatten.
Kreispolitiker fassungslos
In seinem 70 Seiten langen Gutachten nannte der Berliner Soziologe Prof. Reinhart Wolff (73) die Arbeit des Segeberger Jugendamts "gerade noch befriedigend". Das macht etliche Kreispolitiker fassungslos, denn das Gegenteil scheint jetzt der Fall. Die CDU-Kreistagsabgeordnete Katja Rathje-Hoffmann fordert eine komplette Einsicht, weil das Gutachten in der unvollständigen Version "keinerlei Aussagekraft" habe. Hartwieg wirft sie Zensur vor. Die Landrätin wies das zurück. Die Schwärzungen seien "einzig und allein zum Schutz der Familie" erfolgt. FDP-Fraktionsvorsitzender Schnabel hat durch seine Tätigkeit im Jugendhilfeausschuss das ungekürzte Gutachten gelesen und widerspricht: Es zeige, wie sehr im Jugendamt "professionelle Ohnmacht" geherrscht habe. Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen, Jürgen Kaldewey, forderte personelle Konsequenzen an der Spitze des Jugendamtes.
Die Landrätin erklärte gestern, die Neuaufstellung des Jugendamtes werde organisiert. Die Kreisverwaltung habe nichts zu verbergen. Sie sei allerdings "entsetzt" darüber, dass das Gutachten an die Öffentlichkeit gelangt sei. Die SPD sucht nun offenbar das Leck. Gerd-Rainer Busch (SPD), Vorsitzender des Jugendhilfeausschusses, vermutet einen politischen Hintergrund - ein halbes Jahr vor den Kommunalwahlen. "Mein Verdacht ist, dass die Landrätin beschädigt werden soll. Es geht nicht um das Kind."

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