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„Armut ist keine Frage des Geldes“ : Babyboom und steigende Kinderarmut in Hamburg und SH

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Bis zu zwölf Prozent mehr Entbindungen wurden in Schleswig-Holsteins und Hamburgs Kliniken gezählt. 60.000 Kinder in SH wachsen in Hartz-IV-Haushalten auf.

shz.de von
erstellt am 12.Jan.2016 | 06:30 Uhr

Kiel/Hamburg | Reichlich Nachwuchs für den Norden: Die Geburtenzahlen in Schleswig-Holstein und Hamburg ziehen kräftig an. Viele Krankenhäuser und Kliniken melden den stärksten Geburtenanstieg seit vier Jahren. In Hamburg wurden im vergangenen Jahr 24.151 Kinder geboren – ein Anstieg um fünf Prozent.

Zwar liegen dem Kieler Sozialministerium vergleichbare Zahlen für Schleswig-Holstein noch nicht vor, ein Umfrage des sh:z aber zeigt: Auch hierzulande gab es im vergangenen Jahr einen Babyboom. So wurden in Schleswig-Holsteins größter Geburtsklinik, dem Städtischen Krankenhaus in Kiel, 1872 Babys geboren – 2,5 Prozent mehr als im Vorjahr.

Im Diakonissenkrankenhaus Flensburg stieg die Zahl der Geburten sogar um zwölf Prozent auf 1744 Neugeborene. Auch das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) meldet einen leichten Anstieg für die beiden Standorte Kiel und Lübeck auf 2939 Kinder.

Die Geburtenrate in Schleswig-Holstein ist nach Angaben des Statistischen Bundesamtes zuletzt von durchschnittlich 1,43 Kindern je Frau auf 1,48 gestiegen. Der Direktor der Kieler Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe des UKSH, Prof. Dr. Nicolai Maass, führt den neuen Babyboom auch auf verbesserte Möglichkeiten zurück, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren. 

Die weiter steigende Geburtenzahl sorgt allerdings auch für wachsende Probleme bei der Geburtshilfe. Der Hebammenverband Schleswig-Holstein warnt vor einer Unterversorgung in der Familienbetreuung. „Wir freuen uns über die steigende Zahl der Geburten. Auf der anderen Seite gibt es immer weniger Hebammen“, sagt die zweite Vorsitzende Anke Bertram. Vor allem in Nordfriesland müssten die Geburtshelferinnen mittlerweile Absagen erteilen.

Steigende Kinderarmut

Eine traurige Entwicklung zeigen neue Daten der Bundesagentur für Arbeit: Die Zahl der Kinder im Norden, die in Hartz-IV-Haushalten aufwachsen, steigt. Ende 2015 waren es mehr als 60.000 unter 15 Jahren. Zwei Jahre zuvor waren es noch 58.925. Ausgehend von Bevölkerungszahlen des Statistikamtes Nord wächst damit im Land fast jedes sechste Kind, das jünger als 15 Jahre ist, mit Arbeitslosengeld II auf.

Auch eine am Montag vorgestellte Erhebung des Wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung zeigt, dass die gute Konjunktur womöglich oft nicht die Kinderzimmer erreicht. So wuchs demnach 2014 noch immer fast jedes fünfte Kind (19 Prozent), das unter 18 Jahre alt war, in einer Familie auf, die als armutsgefährdet galt. Blickt man auf die letzten neun Jahre, war der Anteil nur in 2013 noch höher. Ähnlich verhält es sich in Schleswig-Holstein. Im nördlichsten Bundesland lebte laut WSI zuletzt mehr als jedes sechste Kind (17,6) in Armut. Zum Vergleich: In Bremen ist es sogar jedes dritte (33,1), in Bayern nicht einmal jedes achte (11,9).

Mittelfristig könnte die Kinderarmut indes überall steigen. Davor warnt der WSI-Sozialexperte Eric Seils mit Blick auf die Zuwanderung von Flüchtlingen. Seils verweist dabei auf Daten zur Armutsquote von Familien, die bereits früher aus Ländern zuwanderten, aus denen jetzt viele der Flüchtlinge kommen. Von Familien mit Kindern, die aus dem Nahen und Mittleren Osten kamen, hätten demnach 34 Prozent ein Einkommen unterhalb der Armutsschwelle. Bei Familien aus Serbien und Afrika seien es 40 Prozent. Das WSI unterstellt für seine Rechnungen eine Armutsgrenze, die bei 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens liegt. Wer weniger verdient, ist nach Auffassung des WSI von Armut bedroht.

Kinderarmut in Deutschland 2014.
Kinderarmut in Deutschland 2014. Foto: WSI
 


Babyboom und Kinderarmut

Was ist uns der Nachwuchs wert? Ein Kommentar von Anette Schnoor

Freud und Leid liegen dicht beieinander: Während sich die Menschen im Norden über steigende Geburtenzahlen freuen, leben viele Kinder ein trauriges Leben, Tausende wachsen in Armut auf. Rund 2,5 Millionen Familien gelten in Deutschland als arm oder gefährdet. Das ist das Ergebnis einer Studie mit Blick auf das Jahr 2014. Es bedarf keiner großen Fantasie sich auszumalen, dass die Zahlen angesichts der vielen Kinder und Jugendlichen, die nun als Flüchtlinge zu uns kommen, wohl nicht besser werden.

Armut – das ist keine Frage des Geldes, obwohl die wirtschaftliche Betrachtung es nahe legt. Als arm gilt, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat; also etwa eine Familie, die mit zwei Kindern unter 14 Jahren von weniger als 1900 Euro netto leben muss. Das scheint im Vergleich zu anderen Ländern vielleicht komfortabel zu sein. Tatsächlich verbirgt sich die Armut hinter den Zahlen: Bei den vielen Menschen, die sich in unserer Gesellschaft nicht zurechtfinden, die keine Arbeit haben, die Behördensprache und Anträge nicht verstehen, den Versuchungen der Konsumgesellschaft erliegen und keinen Halt finden. Die Armut der Kinder ist die Armut ihrer Eltern, die in unserer schönen, neuen Welt untergehen und ausgenutzt werden.

Wir können den Betroffenen helfen, indem wir Geld und guten Willen in Betreuungs- und Bildungsangebote stecken, Ausbildungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten schaffen, Personal qualifizieren, Kinder und Jugendliche darin unterstützen, einen Platz in der Gesellschaft zu finden, der ihren Talenten entspricht. Die Frage ist: Was wollen wir? Für die „schwarze Null“ sparen? Banken retten, Wirtschaft fördern, Polizei und Staatsanwaltschaften stärken, Umwelt schützen, Bildung und Familienbetreuung verbessern? Wer heute nur ins Geldverdienen investiert, darf morgen nicht beklagen, dass die Gesellschaft auseinander bricht und kaum noch einer da ist, der die Renten zahlt.

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