Norderstraße Flensburg : Ausgelatscht - Schuhe als Risikofaktor?

Das gibt es nur in der Norderstraße: Über 300 Schuhe hängen hier an Drahtseilen und beleben das Stadtbild.
Das gibt es nur in der Norderstraße: Über 300 Schuhe hängen hier an Drahtseilen und beleben das Stadtbild.

Seit vier Jahren baumeln Schuhe als subkulturelles Kunstwerk über Flensburgs Norderstraße - nun muss sich die IG Lebendige Altstadt mit Haftungsfragen beschäftigen.

shz.de von
05. Mai 2011, 07:37 Uhr

Flensburg | In der langen Geschichte des Homo sapiens gab es - nicht nur unter Galliern - immer wieder Menschen, die sich davor fürchteten, ihnen könne der Himmel auf den Kopf fallen. Auch die Angst, dass etwa eine Kokosnuss auf einen Schädel hernieder gehe, ist global verbreitet. Selbst Blumentöpfe spielen in diesem Zusammenhang eine unrühmliche Rolle. In Flensburgs Norderstraße hingegen grassiert ein ganz spezielles Phänomen. Dort beschäftigt man sich mit der theoretischen Möglichkeit, von einem herabfallenden Schuh erschlagen zu werden.
Corpus delicti sind zwischen den Häuserschluchten des wilden Nordens gespannte Drahtseile. Sie dienten einst als Aufhängung für den Fahrdraht der unvergessenen Straßenbahn, später baumelte dort die Weihnachtsbeleuchtung. Heute hängen Schuhe an ihnen. Viele Schuhe.
Weisen die Schuhe den Weg zum nächsten Drogendealer?
Mindestens 150 Paar haben sich in den letzten fünf Jahren zwischen Toosbüy- und Norderfischerstraße angesiedelt. Sie sind als Fotoobjekt begehrter als das benachbarte Nordertor, fester Bestandteil von Stadtführungen und ein Flensburger Kunst- und Kultobjekt per se. Die Leine mit den gut abgehangenen Tretern jedweder Couleur darf man getrost als beste Werbung für Flensburg bezeichnen.
Legenden ranken sich um das ungekrönte Wahrzeichen der Norderstraße. Weisen die Schuhe den Weg zum nächsten Drogendealer? Sind sie eine politische Protestnote oder lediglich ein Abitur-Streich? Signalisieren sie: Achtung, Prostituierte nicht fern? Sind sie eine Analogie zu dem Film "Big Fish" (Tim Burton, 2003) und regen somit an: Bitte Schuhe ausziehen und verweilen; weil es derart schön ist in der Norderstraße, dass man gar nicht wieder gehen möchte?
"Die Schuhe müssen bleiben"
Nun kursieren Gerüchte, es soll den ollen Galoschen an den Kragen gehen - aus versicherungstechnischen Gründen. Und Widerstand formiert sich. David Diez (32) vom Skateshop Caramba etwa hat im Online-Netzwerk "facebook" einen Thread eröffnet, der Gleichgesinnte für das Problem sensibilisieren soll. Unserer Zeitung sagte er gestern: "Die Schuhe müssen bleiben. Sie bewirken Altstadt-Belebung ohne Sanierungskosten." Und er ist es, der die wahre Geschichte der wundersamen Schuhvermehrung zu erzählen weiß. Vor fünf Jahren nämlich begab es sich, dass er, wenn ein Kunde in seinem Laden neue Sneaker erstand, die alten kurzerhand über die Leine warf. Die Nachbarn vom St.-Pauli-Fanshop AK37 taten es ihm gleich. Fortan entwickelte sich eine kaum für möglich gehaltene Eigendynamik. Ein Schuh nach dem anderen flog, fest verschnürt mit seinem Pendant, über die Leine.
Da aber jede gute Geschichte auch den Part des Bösen braucht, taucht an dieser Stelle, so formuliert es Hillenberg, ein "militanter Rentner" auf, der im Internet seinem Unmut über die Hochseil-Schuhe kundtut. Ist er der Urheber der unheilvollen Aktivitäten?
"Wir haben mit den Schuhen nichts am Hut"
Ingo Nissen, Vorsitzender der IG Lebendige Altstadt, verweist auf eine Bürgerversammlung vom Februar. Dort habe ein Geschäftsmann die Frage aufkommen lassen: Wer hafte eigentlich, wenn durch Schuhe oder Leine jemand zu Schaden kommt? Eine Recherche bei der Stadt habe ergeben: Es haftet der jeweilige Hauseigentümer. "Denn die Seile", so Nissen, "hängen über vier Meter hoch, sind somit nicht Sache der Stadt." Er habe sodann mit dem Technischen Betriebszentrum (TBZ) gesprochen und dort vernommen: "Wir nehmen die Schuhe ab." Was er persönlich bedaure, schließlich sei das Kunstwerk ein probater PR-Magnet. Es werde sich aber wohl, so Nissen, nur um ein einziges Seil handeln, das besagtem Geschäftsmann ein Dorn im Auge ist.
Zu dumm, dass das TBZ auf sh:z-Nachfrage gar nichts von diesen Plänen weiß. Sprecher Thomas Russ: "Wir haben mit den Schuhen nichts am Hut." Auch nicht mit Gebäuden und zwischen ihnen gespannten Seilen. Ebenso habe die Verkehrsbehörde keine Aktien in der Aktion.
Was nun? "Wir haben das letzte Wort", bekräftigt Ingo Nissen. Und das letzte Wort, so viel ist immerhin sicher, ist noch nicht gesprochen.
(gudo, shz)

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