K.o.-Tropfen : Ausgeknockt und willenlos

Nur wenige Tropfen Liquid Ecstasy im Getränk genügen, damit das das Opfer  die Selbstkontrolle verliert und manipulierbar wird. Montage: Grätsch
Nur wenige Tropfen Liquid Ecstasy im Getränk genügen, damit das das Opfer die Selbstkontrolle verliert und manipulierbar wird. Montage: Grätsch

Frauennotrufe und Frauenberatungsstellen in Schleswig-Holstein warnen: Frauen würden in Diskotheken zunehmend Opfer von Vergewaltigung nach K.o.-Tropfen. Täter mischen die Flüssigkeit unbemerkt in das offen stehende Getränk des Opfers.

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28. Oktober 2008, 09:07 Uhr

Schleswig | Filmriss. Was genau an diesem Sonnabendabend in der Disco geschah, weiß Melanie H. nicht. Die 18-Jährige trank drei Gläser Wodka-Red Bull, war gut drauf. Um zu tanzen, hatte sie ihr Glas immer wieder kurz auf die Theke gestellt. "Plötzlich wurde mir schwindelig, ich wusste nicht mehr wo rechts und links ist, konnte mich nicht mehr auf den Beinen halten. Ich fühlte mich total schlecht und wollte nur noch raus", erzählt sie.
Ein flüchtiger Bekannter ist gleich zur Stelle und bietet sich an, die junge Frau nach Hause zu fahren. Sie steigt in sein Auto - danach kann sie sich an nichts mehr erinnern. Als sie wieder zu sich kommt, sitzt sie auf einer Bank am Parkplatz. Ihre Kleidung ist durcheinander. Sie hat Unterleibsschmerzen. Vom Bekannten fehlt jede Spur.
Die Wirkung der K.o.-Tropfen hält einige Stunden an
Fälle wie dieser sind für das Schleswiger Frauenzentrum der Anlass, verstärkt über K.o.-Tropfen aufzuklären. "Hinter den Tropfen verbergen sich unterschiedliche Substanzen. Sehr häufig handelt es sich um Gamma-Hydroxy-Buttersäure, kurz GHB. GHB ist auch unter dem Namen Liquid Ecstasy bekannt. Es kann Getränken untergemischt werden, ohne dass das Opfer es bemerkt.
Die Wirkung der K.o.-Tropfen setzt nach etwa einer Viertelstunde ein und hält einige Stunden an. Bereits vor dem Verlust des Bewusstseins machen die Tropfen willenlos und leicht manipulierbar. Später haben die Opfer keine oder nur bruchstückhafte Erinnerungen an das, was passiert ist. "Sie leiden unter starken Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit und Erbrechen. Panik- und Angstattacken, Schweißausbrüche und Konzentrationsstörungen kommen oftmals hinzu", informiert Ursula Hess-Konrad, Mitarbeiterin des Frauenzentrums Schleswig.
Besonders belastend ist, mit der quälenden Ungewissheit zu leben
Doch die Täter zu belangen, ist aufgrund der Erinnerungslücken der Opfer oft schwierig. Problematisch ist ebenfalls, dass K.o.-Tropfen im Blut nur etwa sechs Stunden, im Urin rund zwölf Stunden nachweisbar sind. Bis die Frauen realisieren, was geschehen ist, ist es meist für die Abgabe einer Blut- oder Urinprobe zu spät. Viele Betroffene haben zunächst nur das vage Gefühl, dass etwas Seltsames passiert sein könnte. Aus Angst, dass ihnen niemand glaubt oder ihnen ein hoher Alkoholkonsum unterstellt wird, vertrauen sie sich niemandem an. Besonders belastend ist, mit dem Erinnerungsverlust und der quälenden Ungewissheit zu leben - wer hat mir das angetan? "Einige Frauen haben zudem die Befürchtung, später kompromittierende Filme oder Fotos von sich im Internet zu finden", weiß Hess-Konrad aus Gesprächen mit Opfern.
Trotz aller Bedenken sollten sich betroffene Frauen nicht scheuen, zur Polizei zu gehen und Anzeige zu erstatten. Allein die Betäubung einer anderen Person ist strafbar und die nachfolgenden Taten können wegen des bewussten Einsatzes von Drogen durch das Gericht als schwerwiegender gewertet werden.
Mit seiner Aufklärungskampagne möchte das Schleswiger Frauenzentrum bewusst keine Panikmache betreiben. "Wissen ist der beste Schutz", ist Hess-Konrad überzeugt. Frauen sollten beim Feiern aufmerksam sein und einige Tipps beherzigen: Kommen Sie mit ihren Freundinnen gemeinsam und gehen sie auch gemeinsam. Achten Sie gegenseitig auf sich und ihre Getränke. Nehmen Sie keine Getränke von Fremden an. Zögern Sie nicht, die Disco oder Feier zu verlassen, wenn Sie sich dort nicht sicher fühlen. Rufen Sie im Zweifel die Polizei.

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