Schienenersatzverkehr : Ausgebremst - Erlebnisse einer nächtlichen Bahnfahrt

Bus statt Bahn: Auch beim Schienenersatzverkehr läuft nicht alles glatt. Foto: Feye
Bus statt Bahn: Auch beim Schienenersatzverkehr läuft nicht alles glatt. Foto: Feye

Immer wieder fallen Züge aus. Die Reisenden müssen dann mit Bussen fahren. Was das für Umstände mit sich bringen kann, hat sh:z-Redakteur Alf Clasen erlebt.

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29. August 2012, 11:01 Uhr

Rendsburg | Schienenersatzverkehr. Dieser Begriff ist mehr als ein Wortungetüm. Er ist eine Drohung. Mein Kumpel Martin und ich entscheiden uns trotzdem für das Risiko - und nehmen am späten Sonnabend den letzten Zug Richtung Flensburg. Abfahrt am Hamburger Hauptbahnhof: 23.23 Uhr. Den Frust über die HSV-Heimpleite gegen Nürnberg haben wir zuvor bei einem Kneipenbummel halbwegs wegspülen können.
Die erste Etappe nach Neumünster verläuft tatsächlich reibungslos. Dann heißt es: umsteigen in den Bus - Schienenersatzverkehr eben. Die Bahn nutzt die nächtlichen Stunden für Bauarbeiten. Wer rechtzeitig ist, darf sitzen. Der Rest hat Pech gehabt. Ganz zum Schluss zwängt sich ein junges Paar samt Kind im Kinderwagen und reichlich Gepäck in den völlig überfüllten Bus. Die Aufkleber auf den Koffern verraten, dass die Familie schon eine Flugreise hinter sich hat.
Die Luft im Bus ist zum Schneiden
Eine 20-köpfige Best-Ager-Gruppe aus Rendsburg hat trotzdem Spaß am Schienenersatzverkehr. Allen voran - so nennen wir sie mal - Bärbel. Bärbel glaubt, die busfahrende Zwangsgemeinschaft allein unterhalten zu müssen. Problem nur: Bärbel lacht ständig über sich selbst - und das nervtötend laut.
Die Luft im Bus ist zum Schneiden. Die Best Ager fassen einen weisen Entschluss - und öffnen die Fenster. Endlich Sauerstoff! Bis ein Best Ager genug hat vom Durchzug. "Er kriegt Nacken", brüllt Bärbel - und lacht schon wieder.
"Der Zug wartet auf Sie"
Nach einer Dreiviertelstunde ist Rendsburg erreicht und die Bus-Tortur überstanden. "Der Zug wartet auf Sie", verspricht der Fahrer noch. Der Schock folgt auf dem Bahnhof: kein einziger Zug da. Die Regionalbahn Schleswig-Holstein hat "ca. 45 Minuten Verspätung", wie das Laufband verkündet. Gut 50 Leidensgenossen teilen mit uns das Schicksal der nächtlichen Zwangspause auf dem Rendsburger Bahnsteig. Zwei blonde Schönheiten aus Flensburg sind ebenso dabei wie ein Alt-68er, der auf der Heimreise von einer Anti-Nazi-Demo in Rostock ist, oder drei Männer, die sich mit Cola-Rum vergnügen.
Als der Zug nach knapp einer Stunde doch noch kommt, klatschen einige der Gestrandeten Beifall. Den Zugführer lässt das kalt. Eine Entschuldigung kommt ihm nicht über die Lippen. Um 20 vor drei erreichen Martin und ich endlich unser Ziel Schleswig.
"Verkettung unglücklicher Umstände"
Bahn-Sprecher Egbert Meyer-Lovis nennt die Vorkommnisse am Montag "eine Verkettung unglücklicher Umstände". Eine Entschuldigung vom Zugführer wäre seiner Meinung nach zwingend notwendig gewesen. Auch seien die Busse normalerweise nicht überfüllt.
Ob wir nochmal mit der Bahn fahren? Ich weiß es nicht. Aber es soll ja sogar Leute geben, die sich wieder ein HSV-Spiel anschauen wollen.

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