Verschollen : Aufwühlende Suche nach dem Vater

Freundschaftverbindet sie nach dem Kalten Krieg (v.l.n.r.): Piotr Kalashnikow, Bernhard Mrosz, Nikolai Elizarowitsch Chromow und Winfried Brandes.
Freundschaftverbindet sie nach dem Kalten Krieg (v.l.n.r.): Piotr Kalashnikow, Bernhard Mrosz, Nikolai Elizarowitsch Chromow und Winfried Brandes.

Viele Kriegskinder haben ihren Vater kaum kennen gelernt. Zwei Flensburger suchten jetzt gemeinsam nach ihren Wurzeln.

shz.de von
19. September 2008, 08:46 Uhr

Flensburg | Mai 2008: Winfried Brandes (66) aus Harrislee bei Flensburg sucht mit russischen Offizieren Schlachtfelder des Zweiten Weltkriegs. In Schlossberg, früher Pilkallen in Ostpreußen, fahndet der Berufssoldat a. D. nach jenem Ort, wo sich die Spur von seinem Vater verwischt. Er hat nichts weiter als die Nachricht in Händen: "Vermisst, 23.10.1944".

Der Zweite Weltkrieg ist schon 63 Jahre vorbei, doch viele Wunden, die er schlug, liegen noch immer offen. Jährlich fragen 90.000 Menschen offiziell beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge an, ob der etwas über den Verbleib ihrer Angehörigen weiß. Sie suchen deren Grabstätten oder Auskunft darüber, wo sich ihre Spur auf den Schlachtfeldern verliert, berichtet Fritz Kirchmeier, Sprecher der Organisation in Kassel.
"70-jährige Männer heulen dann Rotz und Wasser"

Viele seien überwältigt von Gefühlen, wenn sie eines Tages Gewissheit haben und vor Grabstätten ihrer Verwandten stehen. "70-jährige Männer heulen dann Rotz und Wasser oder betrinken sich abends", weiß Kirchmeier. Viele Familien hätten bislang den Verlust von Angehörigen durch den Krieg gar nicht thematisiert, sondern stattdessen für sich und die Kinder ein Haus gebaut und sich der beruflichen Entwicklung gewidmet. "Erst zum Lebensende arbeiten sie das auf - immerhin geht es um den Erzeuger." Viele suchten dann akribisch und entwickelten sich geradezu zu "Freizeitforschern", um die Fragen, die sie an ihre Familiengeschichte haben, zu klären.

Brandes hat sich sein Leben lang damit herumgeschlagen, dass er nur wusste, sein Vater sei seit dem Oktober 1944 in Pilkallen vermisst. Auch aus allgemeinem geschichtlichem Interesse entwickelte er sich zum Militärhistoriker, las Bücher, wühlte in Archiven, sammelte Landkarten und Schriftstücke. So profitierte er auch bei seiner persönlichen Suche nach dem Schicksal seines Vaters. Ein Glücksfall sollte der Kontakt zu Bernhard Mrosz sein, der bis 1956 in Oberschlesien lebte und neben Deutsch und Englisch, auch Polnisch und Russisch spricht. "Ohne Dolmetscher geht das gar nicht", bilanziert Brandes heute seine Recherchen. Als er sich im Vorjahr bei der Marinekameradschaft in Flensburg auch noch mit dem Kommandanten der baltischen U-Boot-Flotte, Admiral Nikolai Elizarowitsch Chromow, anfreundete, stand fest, dass er sich auf eine Reise nach Schlossberg machen wollte.
Detektivarbeit in Kaliningrad

In Königsberg, dem heutigen Kaliningrad, gelang ihm der Durchbruch bei seiner Suche. Brandes traf den Stadtarchivar Sergej Jakimow. Der rief eine Kollegin herbei, die unter ihrem Arm einen Zettelkasten mit Angaben zu sämtlichen Einheiten trug, die rund um Königsberg in kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt waren. Schließlich drückte ihm ein Russe sogar Lagekarten in die Hand, auf denen er den präzisen Verlauf der Schlachten erkennen konnte.

Weniger erfolgreich verläuft die aufwühlende Suche nach dem Vater für Herbert Cordsen (63), aus Flensburg. Als Elfjähriger erfuhr er, dass der Mann, den er bislang für seinen Vater gehalten hatte, das gar nicht ist. Eindringliche Fragen an die Mutter blieben ohne Antwort. Sie ist inzwischen verstorben. Seine Geschwister wollen nicht mit ihm darüber reden, machen höchstens wenig hilfreiche Bemerkungen. "Wie eine innere Peitsche empfinde ich das oft."
Was ihm bekannt ist: 1944 luden Flensburger Familien Soldaten zu Besuchen ein, die in der Kaserne am Junkerholweg nach Verwundungen in einer Art Reha-Maßnahme waren. Es handelt sich - da konnte der Militärhistoriker Brandes seinem Bekannten Cordsen helfen - um die 3./Nachrichten Ersatzabteilung 50, die vom Mai 1941 bis zum Mai 1945 dort stationiert war. Die genesenden Offiziere unterrichteten junge Soldaten im Nachrichtenwesen. Einer von ihnen ist auch bei seiner Mutter zu Gast gewesen.
Erde vom Schlachtfeld

Auf der Suche nach ihren Vätern kommen Männer wie Cordsen und Brandes an Schmerzgrenzen. Je näher Brandes Schlossberg kam, desto stärker wurden die Emotionen. Wieder hatte er vor Augen, dass er von vier Männern der Familie der einzige männliche Nachfolger ist. "Alles Aufgestaute der vielen Jahre bündelte sich in diesen Momenten", schrieb er in einem Reisebericht. Tränen seien nicht mehr zu unterdrücken gewesen, als ihm ein russischer Offizier ein wenig Erde vom Schlachtfeld vor ihnen in einen Holzkasten füllte - "eine ewige Erinnerung an diesen Tag und Deinen Vater." Heute fasst Brandes seine Gemütslage mit den Worten zusammen: "Es waren immer Fragezeichen da, jetzt habe ich Ruhe gefunden."

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