Landgericht Flensburg : Auf der Spur eines komplizierten Knotens

Wie knotet man einen Zimmermannsstek? Diese Frage beschäftigte am Dienstag das Flensburger Landgericht. Es geht um den Tod von Imane R.

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30. März 2011, 09:16 Uhr

Flensburg | Anschaulich endete am Dienstag vor dem Flensburger Landgericht die Beweisaufnahme im Totschlagprozess gegen Christian R. (51). Da testet der eine Verteidiger mit einer gelben Wäscheleine an seinem Kollegen mehrere Strangulierungsvarianten aus. Richter Wolfgang Köhler sucht und findet - mit einer roten Wäscheleine in den Händen - sein Modell dafür im Beisitzer.
Diese Praxisnähe hat natürlich einen Sinn. Mit einer 1,5 Meter langen Wäscheleine tötete Christian R. Ende September 2008 an einem Maisfeld bei Rantrum in Nordfriesland seine junge Frau Imane R. (27). Mit einer Wäscheleine, die durch einen Zimmermannsstek zu einer Schlinge gebunden war. "Dieser Knoten wird in der Seefahrt verwendet, und auch, um Baumstämme aus dem Wald zu ziehen", erklärt ein besonderer Gutachter, ein Fregattenkapitän im Ruhestand, der sich mit Knoten bestens auskennt.
Viele Theorien werden gestrickt
Für den Zimmermannsstek braucht es eine ganze Reihe von flinken Handgriffen. "Nur schwer vorstellbar, dass dieser Knoten zufällig geformt wird", sagt der Gutachter. Unter Handwerkern ist der Knoten sehr bekannt, und der Angeklagte ist Handwerker. Doch dies ist nur eine von vielen Theorien, die im Gericht gestrickt werden - alle rund um die für das Strafmaß wichtige Frage, ob Christian R. das Leben seiner Frau im Affekt oder geplant beendet hat.
Fest steht, dass die Ehe nach der Geburt der Tochter im Jahr 2005 zu einer extremen Belastung wird. Beide Partner werfen sich gewaltsame Ausbrüche vor. Der Angeklagte lässt sich einen davon ärztlich attestieren. Imane K. flüchtet zwei Mal ins Frauenhaus, hat mindestens eine Affäre.
Keine Persönlichkeitsstörung
Der psychiatrische Gutachter schätzt Christian R. als "nachgiebig" ein. Als einen Mann, der nicht zu Unbeherrschtheiten neigt, der Auseinandersetzungen aus dem Weg geht. Eine Persönlichkeitsstörung habe er beim Angeklagten nicht festgestellt. Die gravierenden Eheprobleme und die von seiner Frau wohl angedeutete Trennung könnten Christian R. psychisch extrem unter Druck gesetzt haben. "Dieser könnte sich dann, ausgelöst durch die Streitigkeiten am letzten Abend, in der Tat entladen haben", sagt der Gutachter. Das würde für eine Affekthandlung sprechen. Doch der Experte fand auch Ansätze für die geplante Variante. Wenn Christian R. dringend austreten musste, warum fuhr er dann nicht die nur noch wenigen Kilometer bis zu seinem Haus in Winnert? Warum suchte er sich ein abgelegenes Feld aus? Warum lag das Tatwerkzeug - die Wäscheleine - bereit?
Auch nach der Tat handelte R. überlegt. Er fährt mit der Toten nach Hause und vergräbt sie unter dem Gewächshaus. Über ihr Handy schickt er sich selbst eine SMS, in der steht, dass Imane nie mehr zurück kommt. Spürhunde finden erst knapp zwei Jahre nach der Tat die Leiche im Garten, in dem die kleine Tochter fast täglich spielt. Die Plädoyers werden am 5. April ab 9.15 Uhr gehalten.

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