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Sana Klinik Oldenburg : Auf dem Weg zurück ins Leben

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Auf der Weaning-Station der Klinik Oldenburg lernen die Patienten, wieder selbstständig zu atmen

Oldenburg | 40 Jahre lang hatte Dieter Frank* geraucht. Stark geraucht. Mit 60 ließ er die Finger von den Zigaretten, endgültig. Doch sein Körper war geschädigt – so schwer, dass eine Lungenentzündung den Eutiner zehn Jahre später in Lebensgefahr brachte. Er kam ins Krankenhaus, musste künstlich beatmet werden: Seine kaputte Lunge konnte ihre Aufgabe nicht mehr übernehmen. Zwei Wochen lag Frank im künstlichen Koma, hing sein Leben an der Maschine. Der Weg zurück in ein selbstbestimmtes Leben führte ihn über das Beatmungszentrum der Sana Klinik Oldenburg in Holstein. Auf der „Weaning“-Station lernte er, was für die meisten Menschen selbstverständlich ist: wieder selbst zu atmen.

„Weaning bedeutet die Entwöhnung von der künstlichen Beatmung“, erklärt Dr. Iris Koper, Chefärztin des Zentrums für Innere Medizin an der Oldenburger Klinik. Sie und ihr Team aus Ärzten, Intensivschwestern und Atemtherapeuten kümmern sich um Patienten, deren Atemzüge über Wochen und Monate von einem Respirator übernommen werden mussten: nach einer schweren Operation etwa, oder, wie beim überwiegenden Teil der Patienten, nach einer Lungenentzündung, die eine durch chronische Bronchitis stark geschädigte Lunge besonders schwer erwischt hat. „Jede Intensivstation versucht erst einmal, die Beatmungsentwöhnung selbst zu übernehmen. Doch die schwereren Fälle, bei denen es nach etwa einem Monat noch nicht gelungen ist, werden in unsere Spezialabteilung gebracht“, sagt die Fachärztin für Innere Medizin und Pneumologie (Lungenheilkunde).

Eingerichtet wurde das Zentrum 1999 als eines der ersten im Land, die Weaning-Station in den vergangenen Jahren vergrößert. Etwa 40 Patienten werden dort jedes Jahr behandelt. Der Einzugsbereich erstreckt sich vom Raum Kiel und Lübeck bis nach Wismar. Immer mehr Kliniken erweiterten ihre Häuser um solche spezialisierten Bereiche, sagt Iris Koper. Ein Prozess, der auch der demographischen Entwicklung geschuldet sei. „Es gibt mehr ältere Menschen, und damit auch mehr chronische Lungenerkrankungen und andere Leiden, die eine Langzeitbeatmung notwendig machen.“ Das Gros ihrer Weaning-Patienten ist zwischen 50 und 70 Jahre alt.

17.000 Mal atmet ein Mensch am Tag ein und aus – ein Automatismus, der bei einem Gesunden keiner Anstrengung bedarf. Einem Langzeitbeatmeten mit einer geschädigten Lunge, einer geschwächten Atemmuskulatur diese Fähigkeit wieder anzutrainieren, sei aufwändig und langwierig, sagt Iris Koper. Während der sogenannten „kontrollierten Atmung“ übernehme der Respirator noch jeden einzelnen Zug – zuerst über einen Schlauch, der durch den Mund in die Luftröhre gelegt wird. In langwierigeren Fällen ab mehreren Wochen über einen Luftröhrenschnitt unterhalb der Schilddrüse. Der Patient liegt während dieser Zeit im Koma. „Wäre er bei Bewusstsein, würde er sich gegen den Schlauch wehren.“

Zu Beginn des Entwöhnungsprozesses greife die Maschine – „ein hochsensibler Computer“ – nicht mehr permanent, sondern nur noch dann ein, wenn das Atemvolumen nicht ausreiche, der Patient also zu schwach atme. „Parallel wird der Patient langsam aus dem Koma geholt.“ Den Beatmungsschlauch ersetzt später eine Maske über Mund und Nase, ihre Tragedauer wird während des Tages langsam reduziert. Schritt für Schritt wird die Spontanatmung so trainiert; Sprechen, Essen und Trinken sind wieder möglich. „Unser Ziel ist, dass die Patienten wieder nach Hause kommen und ein möglichst normales Leben führen“, sagt die Pneumologin.

„Normal“ – für die meist Schwerkranken Weaning-Patienten bedeutet das, dass sie auch zu Hause weiterhin ein Beatmungsgerät benötigen – zumindest zum Schlafen. „Die Nächte sind gefährlich, weil die Atemregulation eingeschränkt ist, der Körper auf Minimalprogramm läuft.“ Zu groß sei das Risiko, dass die Spontanatmung nicht ausreiche, erklärt die Ärztin. Vor dem Heimweg steht für die Entlassenen noch ein mehrwöchiger Reha-Aufenthalt an – „damit sie wieder in die Senkrechte kommen“.

Das schaffen jedoch nicht alle. Manche Patienten blieben über Jahre im Beatmungszentrum; eine alte Dame sei kürzlich nach drei Jahren dort verstorben. Schicksale, die dem Team – auch im Umgang mit den Angehörigen – einiges abverlangten. „Bei den Betroffenen und ihren Familien ist natürlich viel Unsicherheit und Angst im Spiel“, sagt die Ärztin. Angst vor langem Leiden, oder davor, mit der Pflege des Kranken überfordert zu sein. Koper: „Wir können nicht sagen, wie lange eine Behandlung dauert und wie erfolgreich sie sein wird. Das Wichtigste ist, dass wir immer wieder erklären, was wir tun und was das bedeutet.“

Dieter Frank ist es gelungen, in sein altes Leben zurückzukehren. Er lebt wieder in seiner Wohnung – wenn auch mit technischer Unterstützung: Nachts trägt er weiterhin seine Atemmaske. Und am Nachmittag, wenn er ein Nickerchen macht. *Name geändert

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erstellt am 05.Sep.2013 | 08:40 Uhr

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