Lunapharm-Skandal : Auch Patienten aus SH erhielten Medikamente vom Hehler

<p>Das Geschäft mit Krebs-Medikamenten lockt Kriminelle. /Symbolfoto</p>

Das Geschäft mit Krebs-Medikamenten lockt Kriminelle. /Symbolfoto

Noch ist nicht klar, ob die Medikamente die Standards erfüllten oder möglicherweise unwirksam waren.

shz.de von
16. August 2018, 15:56 Uhr

Kiel | Vom Skandal um den Handel mit gestohlenen Krebsmedikamenten sind auch mindestens zwei Patienten in Schleswig-Holstein betroffen. Es gebe in beiden Fällen laut der behandelnden Ärzte aber keine auffälligen Befunde, sagte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums am Donnerstag.

Bei dem Skandal geht es um das brandenburgische Pharmaunternehmen Lunapharm, das jahrelang in Griechenland gestohlene Krebsmedikamente an Apotheken in mehrere Bundesländer ausgeliefert haben soll. In der Region Berlin/Brandenburg sind nach Erkenntnissen der Berliner Behörden mindestens 220 Patienten betroffen. Laut den Angaben ist weiter unklar, ob die Arzneien womöglich durch die unterbrochene Kühlkette unwirksam oder gesundheitsschädlich waren.

FDP-Fraktionschef Sebastian Czaja fordert eine Aufklärung auf Bundesebene. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) müsse einen Runden Tisch mit allen Gesundheitsministern der Länder einberufen und die Sorgen der betroffenen Patienten ausräumen, erklärte Czaja am Donnerstag. „Die Aufklärung dieses Pharmaskandals muss von oberster Stelle geleitet werden – alles andere ist unterlassene Hilfeleistung.“

Was wir bisher wissen:

Wie kam es zu dem Medikamentenskandal?

Nach Berichten des staatlichen griechischen Rundfunks steckt ein krimineller Pharmahändler mit Verbindungen nach Ägypten, Griechenland und Deutschland dahinter. Zunächst importierte er Krebsmedikamente aus Ägypten nach Griechenland. Dem griechischen Zoll fiel auf, dass die Verpackungen halbleer waren. Ermittlungen der griechischen Polizei ergaben, dass die Schachteln in Griechenland mit Präparaten aufgefüllt wurden, die aus staatlichen Krankenhäusern gestohlen worden waren. Vor dem Auffüllen wurden die Medikamente unter anderem vorübergehend in Kühlschränken eines Fischhändlers und eines Blumenladens in Athen gelagert. Die vollen Packungen wurden in andere EU-Länder exportiert – unter anderem nach Deutschland.

Was waren die Beweggründe der Kriminellen?

Die Preisunterschiede für Medikamente in EU-Staaten sind erheblich. In Deutschland sind sie besonders teuer. Legal sind geregelte Re-Importe. Der Fall in Griechenland aber ist kriminell, weil Medikamente gestohlen wurden. Der Gewinn der Bande soll nach Angaben der griechischen Polizei bei rund 25 Millionen Euro liegen, der Deal sei seit 2013 gelaufen. Die griechische Polizei hat inzwischen 21 Menschen festgenommen, darunter Krankenschwestern, Apotheker und Ärzte. Die Ermittlungen dauern an. Wann ein Prozess beginnt, ist unklar.

Warum sind Berlin und Brandenburg betroffen?

Der brandenburgische Pharma-Großhändler Lunapharm soll nach bisherigen Erkenntnissen rund zwei Dutzend sehr teure Krebsmedikamente aus Griechenland an spezialisierte Apotheken in mehrere Bundesländer und nach Polen verkauft haben. Nach ersten Hinweisen 2016 durch polnische Behörden dauerte es aber bis Juli dieses Jahres, bis Medikamente zurückgerufen und die Betriebserlaubnis von Lunapharm widerrufen wurde. Da es um Medikamente geht, die in der Regel nicht auf Vorrat gekauft, sondern passgenau geliefert werden, dürften sie längst verbraucht sein. Dafür steht Brandenburgs Gesundheitsministerin Diana Golze (Linke) heftig in der Kritik. In Brandenburg soll bis Ende August eine Task Force die Vorgänge aufklären.

Was könnte mit den Medikamenten nicht in Ordnung sein?

Eine Hauptfrage ist, ob die Medikamente durch unsachgemäße Lagerung, insbesondere fehlende Kühlung, Schaden in ihrer Wirksamkeit genommen haben könnten. Nach Angaben der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände können die meisten Arzneimittel bei Raumtemperatur zwischen 15 und 25 Grad transportiert und gelagert werden. Für jedes Präparat gelten aber eigene Bestimmungen.

Eine ganze Reihe Arzneimittel können zum Beispiel bei Raumtemperatur transportiert, müssen aber im Kühlschrank gelagert werden.

Medikamente mit Kühlkettenpflicht müssen über die gesamte Lieferkette ohne Unterbrechung im vorgeschriebenen Temperaturbereich bleiben.

Nach den bisherigen Erkenntnissen gab es bei den Medikamenten aus Griechenland keine Kühlketten-Vorschrift. Für rund die Hälfte der Präparate wurde aber eine grundsätzliche Lagerung zwischen zwei und acht Grad Celsius empfohlen. Ob das eingehalten wurde, ist unklar.

Was heißt das für Patienten?

In Berlin und Brandenburg sind bisher 220 Patienten bekannt, in Schleswig-Holstein mindestens zwei die Medikamente aus Griechenland erhielten. Die Zahl kann nach Einschätzung der Behörden durch die laufenden Ermittlungen aber noch wachsen. Es ist weiter unklar, ob ihre Präparate weniger wirksam waren. Da sie bereits verbraucht sind, kann man sie nicht mehr testen. Pharmahändler müssen von jeder Lieferung aber Proben behalten. 31 werden gerade im Landeslabor untersucht. Vier andere Proben sind bereits getestet. Sie waren unbedenklich und hatten volle Wirksamkeit.

Warum werden nicht alle Patienten schnell informiert?

Die Berliner Behörden kennen die Namen der betroffenen Patienten nicht und wissen auch nicht, wie viele aktuell noch leben - der Grund sind Datenschutzbestimmungen und das Arztgeheimnis. Nur durch Produktionsprotokolle der Apotheken über Chemotherapie-Präparate lässt sich rekonstruieren, welcher Patient welche Kombination erhielt und ob dabei verdächtige Chargen zum Einsatz kamen. Vorausgesetzt, man weiß, nach welchen Präparaten und Chargen man sucht. Die drei Berliner Apotheken, die verdächtige Lieferungen verarbeiteten und weitergaben, informierten Ärzte in diesem Fall freiwillig. Rechtlich sind sie nicht dazu verpflichtet. Den Ärzten steht es frei, ob und wie sie ihre Patienten informieren. Ein Anliegen sei es auch, dass nicht betroffene Krebspatienten Gewissheit bekommen, betonte ein Sprecher der Gesundheitsverwaltung.

 
zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen