Brunsbüttel und Brokdorf : Atomkraftgegner befürchten längere Laufzeit

Erwartet doppelt so viele Besucher für seinen morgigen Gedenktag zur Reaktorkatastrophe von Tschernobyl: Karsten Hinrichsen auf dem Deich vor dem Kernkraftwerk Brokdorf. Foto: Ruff
Erwartet doppelt so viele Besucher für seinen morgigen Gedenktag zur Reaktorkatastrophe von Tschernobyl: Karsten Hinrichsen auf dem Deich vor dem Kernkraftwerk Brokdorf. Foto: Ruff

Atomkraftgegner wehren sich gegen die Einlagerung von Atommüll in Brunsbüttel. Sie fürchten Zugeständnisse der Politik an die Betreiber in Brokdorf.

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21. April 2013, 06:40 Uhr

Brokdorf | Karsten Hinrichsen ist doppelt besorgt. Einerseits freut sich der 70-Jährige über den Zuspruch, den die Anti-Atombewegung wegen der Debatte um mögliche Zwischenlagerung von nuklearem Schrott in Schleswig-Holstein erfährt. Andererseits ist er besorgt, dass eine Zwischenlagerung das Atomzeitalter in Schleswig-Holstein verlängern könnte. Hinrichsen ist ein Urgestein der Anti-Atomkraft-Bewegung in Brokdorf (Kreis Steinburg) und organisiert die Sonntag stattfindende Protestmeile am Kernkraftwerk aus Anlass des 27. Jahrestages der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl.

Die Debatte um die mögliche Einlagerung von deutschem Atommüll aus der britischen Wiederaufbereitungsanlage Sellafield im Zwischenlager Brunsbüttel überlagert die Veranstaltung. "In Brokdorf wird Atommüll produziert, und wir sollen ein paar Kilometer weiter noch strahlenden Abfall aufnehmen - das kann niemand von uns verlangen", sagt Hinrichsen. Er fürchtet auch Konsequenzen für das Kernkraftwerk Brokdorf, das noch bis 2021 am Netz bleiben soll und in dessen Nähe Hinrichsen wohnt. "Wenn die Betreiber des Zwischenlagers in Brunsbüttel eine Genehmigung für ein Zwischenlager für die Abfälle aus Sellafield stellen sollen, werden sie dafür eine Gegenleistung verlangen."

"Abschalten sofort"

Wie die aussehen könnte, ahnt Hinrichsen: "Vattenfall als Betreiber von Brunsbüttel könnte eine Laufzeitverlängerung für Brokdorf fordern, an dem der Konzern auch beteiligt ist." Das will Hinrichsen verhindern. "Abschalten sofort", lautet das Motto seiner Aktion. "Es kann nicht sein, dass wir über Zwischenlagerung sprechen und jeden Tag 1,1 Kilo neuer Atommüll in Brokdorf produziert wird."

Hinrichsen fürchtet, dass neuer Atommüll auch im Zwischenlager Brokdorf geparkt werden könnte. "Hier müssen die Castoren nur über den Deich, da muss man nicht eine noch kürzere Strecke an Land zurücklegen, die der Bundesumweltminister ja für entscheidend für die Auswahl eines Zwischenlagers hält", sagt Hinrichsen mit zynischem Unterton. Nein, er glaubt auch, dass der Minister die Anti-Atom-Bewegung spalten will, wenn er sich gegen eine Lagerung des Atommülls im niedersächsischen Gorleben ausspricht - so etwas wie der Kristallisationskern der Bewegung. "In Brunsbüttel wird es nicht annähernd solche Proteste geben wie in Gorleben."

Keine spektakulären Aktionen geplant

Für das Straßenfest am morgigen Sonntag erwartet Hinrichsen jedoch wegen der aktuellen Debatte doppelt so viele Besucher wie sonst an Tschernobyl-Jahrestagen. Spektakuläre Aktionen gebe es keine, sagt er. Und wenn man ihn fragt, ob es ein Stimmungstest für den Widerstand gegen einen möglichen Transport von Atommüll nach Brunsbüttel ist, wie Innenminister Andreas Breitner (SPD) kürzlich bei einem Ortstermin bei der Brunsbütteler Polizei sagte - dann lacht Hinrichsen nur.

Was den Atommüll angeht, sollte genau geprüft werden, wo der sicher zwischengelagert wird. Wer das bezahlen soll, muss für Hinrichsen eindeutig gesetzlich festgelegt werden: die Betreiber. Die würden mit dem Betrieb von Brokdorf jeden Tag rund 20.000 Euro netto verdienen. Eine Einnahmequelle, die die Energekonzerne wohl ungern schon in acht Jahren versiegen sehen wollen. Die Aktion zum Tschernobyl-Jahrestag unter dem Motto "AKW Brokdorf abschalten - jetzt!" mit einer Protest- und Kulturmeile am Kernkraftwerk beginnt symbolträchtig um fünf vor zwölf Uhr. Geplant ist ein Bühnenprogramm mit Redebeiträgen, Straßenmusik und Kleinkunst.

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