zur Navigation springen

Jagd- und Artenschutzbericht : Artenvielfalt in Schleswig-Holstein bleibt bedroht

vom

Licht und Schatten beim Artenschutz im Norden. Seeadler und Kraniche breiten sich immer stärker aus, aber Wiesenvögel oder Fasanen haben es zunehmend schwer. Wildschweine, Rehe und Damwild geben den Jägern viel zu tun.

shz.de von
erstellt am 02.Dez.2013 | 15:05 Uhr

Kiel | Die Bestände der Seeadler und Kraniche haben sich erholt, dafür verschwinden Rebhühner und Fasanen immer mehr aus der Landschaft. Die Jäger haben alle Hände voll zu tun, um die Zahl an Wildschweinen und Rehen zu beherrschen. Im vorigen Jahr schossen sie in Schleswig-Holstein auch schon mehr als 1500 der sich zunehmend ausbreitenden Marderhunde ab, nachdem es zehn Jahre zuvor unter 50 waren. Der neue Jagd- und Artenschutzbericht, den Umwelt- und Landwirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) am Montag in Kiel vorstellte, zeigt ein sehr differenziertes Bild.

Trotz einzelner Erfolge geht die Artenvielfalt bei Pflanzen und Tieren weiter zurück. Wenn Arten aussterben, seien die Folgen für das Ökosystem unabsehbar, sagte Habeck. Naturschützer, Jäger und Landwirte hätten aber auch Erfolge erzielt – trotz schwieriger Bedingungen. Zu diesen zählte Habeck den Verlust von Grünland und Biotopen, den starken Maisanbau und die Ausbringung von Gülle. Die intensive Landwirtschaft sei für den Artenreichtum ein „begrenzender Faktor“.

Als Erfolge hob Habeck die Entwicklung bei Kranichen und Seeadlern hervor. So stieg die Zahl der Brutpaare bei Kranichen seit 2005 von knapp 200 auf etwa 420. Die Renaturierung von Feuchtgebieten trug dazu ebenso bei wie Schutzmaßnahmen und die Anpassung der Vögel an die Kulturlandschaft. Bei Seeadlern wurden 2003 nur 39 Brutpaare gezählt, zuletzt waren es 73. „Wir sind zu einem Seeadler-Exportland geworden“, sagte Habeck.

Bei Wiesenvögeln, Schleiereulen und Graureihern sowie vielen Niederwildarten hält dagegen der Negativtrend an. „Der veränderte Lebensraum durch den Wandel in der Landwirtschaft ist für viele Arten eine Gefahr“, sagte Habeck. Seit Jahren gehen die Jagdstrecken bei Feldhasen und Fasanen zurück. Nur noch 8400 Fasanen wurden im Jagdjahr 2012/2013 (April bis Ende März) erlegt; in den 70-er Jahren waren es in der Spitze 115.000. Knapp 33.000 Feldhasen wurden zuletzt abgeschossen; deutlich mehr als 1971. Damals wurden noch 100.000 Tiere getötet. Die Rebhühner sieht Habeck an der Grenze zur Gefährdung. Schon seit 1990 werden kaum noch welche geschossen. 102 waren es zuletzt, gegenüber 45.000 vor 50 Jahren.

Beim Schalenwild hingegen werden die Jagdstrecken von Jahr zu Jahr größer, so beim Schwarzwild. Von knapp 5800 Tieren 2000/01 stieg die Zahl bis 2012/13 auf mehr als 14.700. 11.000 Stück Damwild und 56.000 erlegte Rehe dokumentieren ebenfalls die hohen Bestände, die in den vergangenen vier Jahrzehnten deutlich stiegen. Diese Tiere profitieren offenkundig vom Landschaftswandel. Lange stehende Raps- und Maisfelder bieten Nahrung und Schutz.

Doch es gibt Kehrseiten. So sind die Verbissschäden in den Wäldern enorm. Zum anderen verursachen diese Tiere viele Wildunfälle. 12.818 waren es 2012/13. „Wir reagieren mit verstärkter Bejagung“, sagte der Präsident des Landesjagdverbandes, Klaus-Hinnerk Baasch. „Der Jagddruck muss hoch bleiben“, meinte auch der Umweltminister. Der Jägerpräsident betonte aber auch: „Wir haben zunächst den Auftrag, einen bestimmten Wildbestand zu erhalten.“

Der Jagd- und Artenschutzbericht zum Herunterladen: 2013_Jagd_Artenschutz.pdf

Die Entwicklungen einiger Tiere im Einzelnen:

Feldhase

Der Schwerpunkt der Verbreitung der Feldhasen ist die Marsch. Aber auch einige Bereiche von Geest und Hügelland weisen hohe Feldhasenbestände auf. Seit 2007 nimmt die Zahl der Tiere ab. In der Marsch wurden 2012 21,6 Hasen/km² gezählt, auf der Geest 12,8 Hasen/km², im Hügelland 15,1 Hasen/km². Der landesweite Mittelwert für 2013 liegt bei 15,9 Hasen/km². 2006 lag die Zahl bei mehr als 22 Tieren/km². Der Jagd- und Artenschutzbericht sieht den Feldhasen nicht als gefährdet an. „Einen solchen Rückgang hat es ähnlich schon in den neunziger Jahren gegeben“, heißt es.

Uhu

Der Uhu brütet seltener in Schleswig-Holstein. Zwar waren an vielen altbekannten Brutplätzen die Paare anwesend, aber nicht alle brüteten. 125 Brutpaare und 180 Jungvögel wurden gezählt, 20 Paare legten keine Eier. 23 Bruten wurden aufgegeben. 2012 wurden 162 Bruten und 254 Jungen erfasst. „Die Gelegegröße war 2013 sehr gering, meist ein bis zwei Eier und nur 21 Gelege mit drei Eiern“, ist dem Jagd- und Artenschutzbericht zu entnehmen. Der durchschnittliche Bruterfolg der vergangenen fünf Jahre lag bei 1,4 Jungvögeln pro Brutpaar.

Schleiereule

Die Zahl der Schleiereulen in Schleswig-Holstein sinkt. 2012 wurden 122 Brutpaare gezählt, 143 waren es 2011. 399 Jungeulen flogen durchs Land (2011: 433). Gestiegen ist die Zahl der Jungeulen pro Gelege: von 2,98 im Jahr 2011 auf 3,27 in 2012.

Austernfischer

Die Bestände des Austernfischers im Binnenland nahmen nach 1996 deutlich ab. „Mittlerweile dürften nur noch etwa halb so viele Austernfischer im schleswig-holsteinischen Binnenland brüten wie Mitte der neunziger Jahre“, heißt es im Jagd- und Artenschutzbericht. Auch an den Küsten gehen die Zahlen gesichteter Tiere zurück.

Kiebitz

Auch sein Bestand nimmt ab. Genaue Zahlen zu Entwicklung des Kiebitz' liefert der Bericht nicht. Beobachtet wurden Gebiete, die „zu den für diese Artengruppe noch am besten geeigneten Bereichen“ gehören.

Alpenstrandläufer und Kampfläufer

Der Alpenstrandläufer hat Schleswig-Holstein offenbar gänzlich verlassen. Laut Bericht hat es in den vergangenen Jahren keine konkreten Hinweise auf Bruten gegeben. Über den Kampfläufer ist dem Jagd- und Artenschutzbericht lediglich zu entnehmen, dass Brutnachweise erbracht werden konnten. Zahlen sind nicht enthalten.

Bekassine

Für 2013 liegen noch zu wenige Daten vor. Seit 1990 geht die Population dieser Wiesenvögel aber deutlich zurück.

Uferschnepfe

Schutzmaßnahmen für die Uferschnepfe zeigen Wirkung: örtlich haben die Populationen zugenommen. In Schleswig-Holstein sind die Bestandszahlen stabil.

Großer Brachvogel

Der Brutbestand des Großen Brachvogels in Schleswig-Holstein ist weitgehend stabil. Die Tiere verlegen ihren Lebensraum von den Mooren in umliegende Grünlandgürtel.

Rotschenkel

Die Brutbestände des Rotschenkels im Binnenland zeigen seit 1990 eine deutlich negative Tendenz. Besonders in den vergangenen beiden Jahren waren starke Rückgänge zu verzeichnen.

Kranich

2012 gab es mindestens 420 Kranich-Paare, deutlich mehr als zwei Jahre zuvor. Die Tiere werden in Schleswig-Holstein nicht flächendeckend beobachtet. So stützt sich der Bericht auf 95 Brutpaare, deren Bruterfolg erfasst wurde: „53 Paare brüteten erfolgreich, 73 Jungvögel wurden flügge. Mit 0,8 Jungvögeln/Brutpaar wurde der bundesweite Durchschnitt (0,9 Jungvögel/Brutpaar) nicht erreicht.“

Wiesenweihe

Die Zahl der Brutpaare und Brutzeitvorkommen (Tiere, die nicht brüteten) lag 2012 mit 52 Brutpaaren auf dem höchsten Stand seit 1995. Die Siedlungsräume verschieben sich – erstmals wurden nördlich wie südlich des Nord-Ostsee-Kanals in etwa gleich viele Wiesenweihen erfasst.

Weißstorch

Der Brutbestand des Weißstorchs ist in Schleswig-Holstein im Jahr 2012 um fast sieben Prozent angestiegen. 248 Paare, 16 mehr als im Jahr zuvor, bezogen ihre Nester im Lande. 188 Paare brachten insgesamt 429 Jungvögel zum Ausfliegen. „Dies entspricht einem Gesamtbruterfolg von 1,7 Jungen pro Paar“, heißt es im Bericht. Um den Bestand der Störche zu erhalten, wären zwei Jungen pro Paar nötig.

Graureiher

2013 wurden 1120 Brutpaare in 72 Kolonien und Einzelbrutvorkommen gezählt. Damit nimmt der Bestand seit fünf Jahren weiter ab. Die meisten Graureiher hatte Schleswig-Holstein 2002 (2675 Paare). Der Brutbeginn war, wie auch bei anderen Arten (z.B. Schwäne und Gänse), durch den späten Kälteeinbruch stark verzögert. Im Jagd- und Artenschutzbericht wird gefordert, die Jagd auf Graureiher zu verbieten: „Angesichts des historisch niedrigen Brutbestandes in Schleswig-Holstein sollte alles unterlassen werden, was eine Erholung behindern könnte.“

Kormoran

2013 brüteten in Schleswig-Holstein 2583 Paare an 13 Brutplätzen. Das sind 109 mehr als 2012. Der Wert liegt jedoch niedriger als das 20-Jahres-Mittel. Die Hälfte des Landesbestandes nistete an Nordseeküste und Unterelbe, 29 Prozent an der Ostseeküste und 21 Prozent im Binnenland. Weil junge Kormorane eine Delikatesse für Seeadler sind, nehmen die Kormoranbestände im Umfeld von Seeadler-Brutplätzen ab. Die Vorkomme an der Westküste sind stabil. „Die geringfügige Zunahme des Gesamtbestandes liegt im Schwankungsbereich der vergangenen zehn Jahre“, heißt es im Bericht.

Seeadler

2013 waren in Schleswig-Holstein 76 Seeadlerreviere besetzt. Im Vergleich zum Vorjahr gab es zwei Neuansiedlungen in Lankau (Ratzeburg) und Rhinplate (Kreis Steinburg). Gleichzeitig verschwanden zwei Paare in Kappeln (Schleswig-Flensburg) und Fehmarn (Ostholstein). Im zeitigen Frühjahr 2013 begannen 71 Paare mit einer Brut. 59 Paare brüteten erfolgreich, so dass im Juli insgesamt 91 junge Seeadler flügge wurden. 17 Prozent der begonnenen Bruten waren erfolglos.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen