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Asylbewerber und der Behördenirrsinn : Ankunft in SH: Als Gelähmter in den fünften Stock

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Schlamperei, Gleichgültigkeit, unterschwelliger Ausländerhass? Was ein Asylsuchender bei seiner Ankunft in Schleswig-Holstein erleben musste, wirft Fragen auf.

Flensburg/Neumünster | Johann Meerbach möchte diesen Fall nicht über andere stellen. Ebenso wenig geht es dem Ruheständler aus Glücksburg darum, nachzukarten oder Schuld zuzuweisen. Aber als „Flüchtlingslotse“ hat er sich nun mal entschieden, Asylsuchenden zu helfen. Und solche Hilfe bedeutet für Meerbach nicht nur, einzelne zu betreuen – sondern auch, wunde Punkte im System zu benennen, die jeden treffen können. Und davon hat er in „seinem Fall“ reichlich erlebt.

Es ist die Geschichte von Gevorg Sargisenz*, 39-jähriger Strafverteidiger und Oppositioneller aus Armenien. Er gibt an, der Geheimdienst seines Heimatlandes sei hinter ihm her, deshalb die Bitte um Asyl als politisch Verfolgter in Deutschland. In Berlin war Sargisenz fünf Tage im Krankenhaus, von dort kam er in die Erstaufnahme des Landes für Flüchtlinge in Neumünster.

Die Überstellung von dort in den Kreis Schleswig-Flensburg lief schief: Beim Kreis war niemand aus Neumünster darüber informiert worden, dass der Armenier schwerbehindert ist. Ein Schlaganfall hat ihn halbseitig gelähmt, er hat Bluthochdruck und Diabetes. Ein Quartier in einer Wohnung im 5. Stock eines Hauses ohne Fahrstuhl ist für den Armenier also denkbar ungeeignet. Doch genau eine solche mietete die Stadt Glücksburg, an die ihn der Kreis nach dem kommunalen Quotenschlüssel weitergab, für Sargisenz im benachbarten Flensburg an. Unmittelbar vor Weihnachten wurde er von einem Taxi dort abgesetzt.

Kopfschütteln über 8-Uhr-Termin

Kurz vor Silvester hat Meerbach ihn dort zwar bereits wieder herausgeholt. Was aber nur so schnell gelang, weil der bestens vernetzte ehemalige Reifenhändler durch eigene Kontakte eine Wohnung in Glücksburg auftat – und die Stadtverwaltung dafür gewinnen konnte, aus Härtefallgründen eine etwas höhere Miete zu akzeptieren als üblich.

Wegen der bevorstehenden Feiertage war Sargisenz in den Norden des Landes weitergereicht worden, ohne dass er in Neumünster einen Asylantrag beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) stellen konnte. So, wie es wegen der Überfüllung der Erstunterkunft seit wenigen Tagen grundsätzlich praktiziert wird. Also musste er zur Antragstellung drei Wochen später wieder nach Neumünster zurück. Bestellt für 8 Uhr morgens. Wie das denn von Glücksburg aus mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu schaffen sein soll, hakte Meerbach beim Bamf nach – nachdem es ihm nach sehr vielen Anläufen gelungen ist, jemanden ans Telefon zu bekommen. Eine Frage, die sich landesweit viele stellen, die mit der Betreuung von Flüchtlingen zu tun haben. Eine Ankunft um 9.30 Uhr war daraufhin plötzlich auch okay.

Vier Stunden warten – kein Möglichkeit zu trinken

Ohnehin habe sich der gesamte Aufenthalt in der Behörde über gut vier Stunden hingezogen, schildert Meerbach. „Auch auf Nachfrage gab es kein Glas Wasser“, sagt er. „Und der Kaffeeautomat, hieß es, sei schon vor Wochen kaputt gegangen.“ Zwei Gespräche gab es, eines vor, eines nach dem Anfertigen von Porträtfotos und der Abnahme des Fingerabdrucks.

Befragung durch den Dolmetscher

Nicht in den Kopf will Meerbach, warum die Erst-Befragung de facto nur vom Dolmetscher, nicht von der Sachbearbeiterin geführt worden sei. Die habe „nur passiv danebengesessen“. Dabei sei sie doch die Amtsperson, meint Meerbach. Vor allem: So habe er das rein armenische Gespräch gar nicht verfolgen können. Das sei aber unabdingbar, um die beratende Rolle als Lotse auszufüllen. Nach Insistieren bekam er schließlich alle während des Interviews ausgefüllten Dokumente zweisprachig ausgehändigt, nach eigenem Bekunden aber mit dem Hinweis, dies sei ungewöhnlich.

Wirbel um den Aufenthaltsort

Gleich die nächste Diskussion entbrannte um den Aufenthaltsort, auf den das Bamf bei dem Termin die Aufenthaltsgestattung für Sargisenz ausstellte: Neumünster. Sargisenz habe doch längst amtlich den Kreis Schleswig-Flensburg als Aufenthaltsort zugewiesen bekommen, hielt Meerbach dem entgegen. Das Bamf blieb beim Eintrag Neumünster. Die Ausländerbehörde in Schleswig strich es später durch. Nicht zuletzt mit dem Hinweis: Der Gesetzgeber habe doch die Beschränkung auf einen derart eng bemessenen Aufenthaltsort abgeschafft.

Und noch eine Überraschung brachten die Formalitäten in der Bamf-Außenstelle Neumünster mit sich: Sargisenz’ Name war bei der Erstregistrierung falsch in die lateinische Schreibweise übertragen worden, da damals offensichtlich nur lautmalerisch übersetzte wurde. In der korrekten Fassung im Asylantrag und allen daraus folgenden Papieren weichen immerhin drei von acht Buchstaben von der ursprünglichen Version ab. Damit sind auch alle inzwischen angelegten Karteien über Sargisenz etwa beim Sozialzentrum, der Stadt Glücksburg, Ärzten, Logopäden und einem Flensburger Krankenhaus falsch. Lästig, wenn dort bei erneuten Terminen nach dem Vorgang gesucht werden soll...

* Name von der Redaktion geändert, da der Flüchtling als ein führendes Mitglied der Opposition seines Heimatlandes politisch verfolgt wird.

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erstellt am 22.Feb.2015 | 12:23 Uhr

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