Partyszene : Angst vor K.o.-Tropfen

Experten raten: Das Glas in der Kneipe oder Discothek auf keinen Fall aus den Augen lassen.  Foto: dpa
Experten raten: Das Glas in der Kneipe oder Discothek auf keinen Fall aus den Augen lassen. Foto: dpa

Immer häufiger werden Frauen mit K.o.-Tropfen wehrlos gemacht. Deutsche Apotheker warnen dringend vor der "Vergewaltigungsdroge".

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03. August 2008, 06:26 Uhr

Kiel | Die Silvesterfete 2007 wird Stefanie E. wohl noch lange in unangenehmer Erinnerung behalten. Für die Rendsburgerin endete der Abend im Krankenhaus - sie ist sich sicher, dass ihr heimlich K.-o.-Tropfen verabreicht wurden. "Mir wurde schwindelig, und ich schaffte es gerade noch auf die Toilette". Dort erbrach sie - danach ist die Erinnerung wie abgeschnitten. Dass ihre Hilflosigkeit nicht ausgenutzt wurde, führt sie nur auf die Tatsache zurück, dass schnell jemand zur Stelle war, der ihr uneigennützig half.

So viel Glück haben nicht Alle. Immer mehr Frauen und Mädchen wenden sich an Beratungsstellen und Frauennotrufe mit dem Verdacht, unter "K.o.-Tropfen" Opfer sexueller Gewalt geworden zu sein. Symptomatisch für diese Substanzen sind Blackouts und weit reichende Erinnerungslücken, die dafür sorgen, dass das Opfer sich zumeist wenig bis gar nicht an den Tathergang erinnert. "Die Hemmschwelle der Frauen, sich Ärzten, Beratungsstellen oder der Polizei anzuvertrauen, ist entsprechend groß", berichtet Michaela Peschel vom Frauennotruf Kiel.
Nicht nur junge Discogänger sind gefährdet

Ende vergangener Woche warnte nun auch die Bundesvereinigung Deutscher Apotheker vor den Tropfen. "Die Täter mischen ihren Opfern unbemerkt Substanzen in Getränke, durch die sie bewegungsunfähig und willenlos werden, ab dem Zeitpunkt der Einnahme treten Erinnerungslücken auf", so die Verbandsexperten. Sobald die Wirkung abklingt, leiden die Opfer unter Übelkeit, Schwindel und starken Kopfschmerzen. Ein Irrglaube ist es übrigens, das nur junge Discogänger gefährdet sind. Auch im Bekanntenkreis, auf Betriebsfesten und sogar in Partnerschaften werden Frauen auf diese Weise wehrlos gemacht.

Die Apotheker raten zu Vorsichtsmaßnahmen:

Frauen sollten niemals von unbekannten oder nicht vertrauenswürdig erscheinenden Personen offene Getränke annehmen. Sie sollten ihr Glas mit Inhalt niemals unbeobachtet herumstehen lassen. Bei plötzlichem Unwohlsein in einer Kneipe oder Disco, sollten sofort Freunde oder Mitarbeiter angesprochen werden. Fühlt man sich unsicher, sollte man den Ort sofort verlassen und die Polizei verständigen.
Jeder vierte der bekannten Fälle wurde offiziell angezeigt

Verlässliche Zahlen gibt es nicht. Bei einer Umfrage vor zwei Jahren bei 69 Frauennotrufstellen wurde von 118 Fällen berichtet. Nur etwa jeder vierte kam zur Anzeige. Weil viele Frauen Scham empfinden und Schuldgefühle wegen des Filmrisses, haben, geht Peschel davon aus, "dass die Dunkelziffer sehr groß ist". Die Betroffenen seien verunsichert. Auch die schlechte Beweislage vor Gericht ist abschreckend. Die wenigsten Fälle führen zu einer Verurteilung.

Spuren eines K.o.-Cocktails sind etwa ein bis zwei Tage im Blut und drei Tage im Urin nachweisbar, berichte kürzlich die Kieler Toxikologin Gertrud Rochholz auf einer Fachtagung in Kiel-Altenholz. "Aber auch später besteht noch die Möglichkeit einer Haaranalyse", sagt Rochholz. Frauen, die unsicher sind was geschehen sei, könnten in der Rechtsmedizin der Uni Kiel die Beweise sichern lassen. Der Frauennotruf Kiel hat die Telefonnummer 0431/91144.

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