Zwei Käferfreunde : Alte Liebe rostet nicht

Sönke (l.) und Sören Eikermann kennen kein schöneres Sommererlebnis als mit ihren Käfern die norddeutsche Flachebene zu erleben. Foto: Witt
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Sönke (l.) und Sören Eikermann kennen kein schöneres Sommererlebnis als mit ihren Käfern die norddeutsche Flachebene zu erleben. Foto: Witt

Die Elmshorner Brüder Sönke und Sören Eikermann pflegen ihre vier Oldtimer nicht nur - sie leben für die Fahrzeuge. Mittlerweile haben sie sogar eine eigene Werkstatt.

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08. Juli 2012, 03:53 Uhr

Elmshorn | Sönke (34) und Sören Eikermann (36) besitzen vier der legendären Oldtimer. Die drei "echten" sind 52, 44 und 41 Jahre alt, der aus Mexiko hat erst 28 Lenze auf dem Buckel. Demnächst soll er mit 170 Stundenkilometern über die Autobahn preschen.
Kain und Abel sind das berühmteste Beispiel. Fest steht, dass sich Brüder meist durch Streitereien bemerkbar machen. Es gibt allerdings mindestens eine Ausnahme: Sönke und Sören Eikermann. Die Junggesellen teilen sich in Elmshorn ein Doppelhaus, und eine Leidenschaft. Die Schrauberei an uralten VW-Käfern. Junior Sönke, man mag es kaum glauben, war bereits im zarten Alter von fünf Jahren Besitzer eines der bis 2003 weltweit rund 22 Millionen Mal gebauten Exemplare des "VW Typ 1" (Typ 2 war der VW-Bus), wie er offiziell hieß. Ein Nachbar hohen Alters, der seinen Führerschein freiwillig der Polizei überließ, schenkte dem Eikermännchen kurzerhand seinen Wagen. Unter einer Bedingung: Er habe wegen der plagenden Erinnerung an schöne Autofahrertage in einer Garage zu verschwinden und sei erst wieder herauszuholen, wenn Sönke das 18. Lebensjahr erreicht haben würde.
6000 D-Mark für einen blau-weißen Käfer
Vor 16 Jahren, nachdem der Spender bereits verstorben war, schob Sönke Eikermann das Gefährt aus der Dunkelheit und machte sich an die Arbeit. "Unsere handwerklichen Mittel waren begrenzt, wir versuchten das Auto aufzubauen, machten jedoch Fehler und gaben bald auf", erinnert sich Bruder Sören, der bei dem Duo die Sprecherrolle übernommen hat. Sie rollten den blechernen Oldie wieder in den Schatten der Garage und entschieden, sich des Gefährts später annehmen zu wollen.
Die Geschwister begannen mit der Suche nach einem Käfer, mit dem man gleich losfahren könnte. Nach einem Jahr wurden sie auf einem Automarkt fündig. Für 6000 D-Mark erstanden sie 1997 das damals 37 Jahre alte blau-weiße Auto, das ihnen im Sommer für Ausflüge dient. Zwölf Monate später kauften sie zum Preis von 2400 D-Mark den weißen, acht Jahre jüngeren Käfer, der sie bis heute treu durch den Alltag trägt. Und sogar in den Urlaub. Zum Beispiel nach Polen. Dabei stellte sich der sechsstellige Kilometerstand vermutlich zum vierten Mal auf Null. "Wir schätzen, dass er jetzt um die 500.000 Kilometer hinter sich hat. Das sind einfach wunderbare Autos", schwärmt Sören, "sie sehen toll aus, sind durch das gewölbte, starke Blech relativ unfallsicher und laufen zuverlässig. Und das Vorurteil mit dem hohen Verbrauch ist ebenso Unsinn wie die angeblich schlechte Heizung. Wenn man die Bautenzüge ordentlich fettet und pflegt, heizt der Motor sehr gut. Bei 130 Stundenkilometern begnügt sich der 1200er mit acht Litern, auf der Landstraße mit 7,2. Das ist für ein so altes Auto nicht viel."
In ihrer Werkstatt machen sie alles selbst
Und damit ihre Wagen noch lange leben, haben sie sich etwas außerhalb von Elmshorn eine Werkstatt zugelegt, mit 80 Quadratmeter Grundfläche, Hebebühne, Sandstrahler, Fräsmaschine, Drehbank, kleiner Lackiererei, Achsvermessungsgerät, Bügelsäge, WIG- und Schutzgasschweißgeräten. Hier machen sie alles selbst. "Und jeden Fehler nur einmal", wie Sönke Eikermann lächelnd versichert.
200 Euro Miete kostet das nach mehreren Ausbaumaßnahmen mittlerweile dreigeschossige Refugium, wo unter anderem in einem Schränkchen Utensilien wie Reliquien gelagert werden - Zündkerzen, Radios, Zigarettenanzünder (beide sind Nichtraucher), Tachos, Radkappen, Rückleuchten. Alles Originale. Denn wenn die Gebrüder Eikermann mal nicht an ihren Käfern schrauben, findet man sie garantiert auf Floh- oder Ersatzteilmärkten. Oder bei Käfertreffen irgendwo in Deutschland.
"An den Original-Käfern darf man nicht tunen"
Man muss also schon ein bisschen verrückt sein, wenn man sich derart einem Auto hingibt. Folgerichtig schlossen sie sich vor 16 Jahren der Elmshorner Stammtischrunde "Beetlemaniacs" an (www.beetle-maniacs.de.). Die achtzehnköpfige Truppe besteht ausschließlich aus jungen oder mittelalten Käfer-Enthusiasten. Darunter der 44-jährige Fotograf Dirk Dahmer, dessen "Brezel-Käfer" mit geteiltem Heckfenster 61 Jahre auf dem Buckel hat. Und er benutzt ihn täglich. Und auch die Panamerikana hat er unbeschadet überstanden (www.panamericana-im-alten-vw.de). "Wir haben festgestellt", erklärt Sören Eikermann, "dass die Autos umso weniger Rost haben, desto älter sie sind." Das Dahmer-Gefährt sei nahezu rostfrei. Bruder Sönke war es übrigens, der den "Beetlemaniacs" eine Art Ehrenkodex auferlegte: "An den Original-Käfern darf man nicht tunen. Sie müssen erhalten werden wie sie einst vom Band kamen."
Anders sieht es dagegen bei den "Mexikanern" aus. Einer davon steht bei Sören und Sönke in der Garage. Im Moment aber nur als Karosse und in Einzelteilen. "Er wurde 1984 gebaut, er soll aber wie einer von 1967 aussehen", sagt Sönke. Die Öffnung für das Faltschiebedach ist schon ausgesägt, der Rost bis aufs blanke Metall entfernt. Das Auto wird einen 1,6-Liter-Motor mit 75 PS aus einem VW-Bus bekommen. Und ein Sportfahrwerk, dessen Unterboden bereits im ersten Stock der Werkstatt gelb lackiert glänzt. Sören: "Man kann das Auto dann stufenweise tieferlegen, je nach Bedarf." Mit einer langen Getriebeübersetzung im vierten Gang soll der Käfer spätestens im nächsten Jahr, wenn man sich wieder mit mindestens 3000 Gleichgesinnten in Hannover trifft, zum stillen Star werden. Kein Auspuff-Blubbern wird zu hören, keine Breitreifen werden zu sehen sein. Nur ein Pappschild am Seitenfenster soll über die technischen Details informieren. Unter Höchstgeschwindigkeit ist dann zu lesen: 170 Stundenkilometer.
Wann die Brüder Eikermann mit dem Aufbau des Autos beginnen, mit dem alles anfing, wissen sie noch nicht. Diesmal erklärt es Sönke, der jüngere von beiden: "Als Kind weiß man ja nichts von Rostschutzmaßnahmen. Und in den 13  Garagen-Jahren hat das Auto doch sehr gelitten. Obwohl es als 1971er Baujahr noch gar nicht so alt ist, rostet er an vielen Stellen. Eine Restauration lohnt sich wegen der eher geringen Marktpreise des Modelljahres noch nicht." Das sei eher etwas für den eigenen Nachwuchs, wenn der sich denn irgendwann einmal einstellen sollte. Bis der Filius schließlich schweißen und schrauben kann, wird mindestens noch einmal ein Vierteljahrhundert vergangen sein. Dann stünde der Wagen kurz vor seinem 60. Geburtstag. Doch wie hieß es in der VW-Werbung für den Käfer früher so schön? "Er läuft und läuft und läuft und läuft und läuft und läuft..."

Technische Daten VW Käfer (Modelljahr 1964)

Bauart: 4-Zylinder-4-Takt-Vergasermotor im Fahrzeugheck
Zylinderanordnung: je zwei gegenüberliegend
Maße: 77mm (Bohrung), 64mm (Hub), 1192 mm (Hubraum) Verdichtungsverhältnis: 7,0
Ventile: hängend Höchstleistung: 34 PS bei 3.600 U/min
Schmierung: Druckumluftschmierung (Zahnradpumpe) mit Ölkühler
Vergaser: Fallstrom (Solex 28 PICT)
Kühlung: Luft durch Gebläse (automatische Regelung)
Batterie: 6 Volt, 66 Ah
Anlasser: elektrisch (6 Volt, 0,5 PS)

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