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Geschichte : Als der Krieg nach Schleswig kam

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Während Hans Christian Andersen den Untergang Dänemarks befürchte, feierte Theodor Fontane den Triumph preußischer Truppen. Vor 150 Jahren, am 1. Februar 1864, wurden die ersten Schüsse im Deutsch-Dänischen Krieg abgefeuert.

Die Geschichte Schleswig-Holsteins ist auch die Geschichte von Kriegen. Die strategisch günstige Lage zwischen Nord- und Ostsee machte das Land zu einem ewigen „Zankapfel“ zwischen den europäischen Großmächten. Nachdem in Folge der Napoleonischen Kriege der Wiener Kongress 1815 die jahrhundertelang zur dänischen Monarchie gehörenden Herzogtümer Schleswig und Holstein aufspaltet, kommt es zum ersten Schleswig-Holsteinischen Krieg (1848–1851). In den Auseinandersetzungen behält die siegreiche dänische Krone die Hoheit über die Herzogtümer Schleswig (als dänisches Lehen) sowie Holstein und Lauenburg (als Mitgliedsstaaten des Deutschen Bundes).

Die dänische Novemberverfassung von 1863 bezieht jedoch Schleswig dann vertragswidrig als Bestandteil in den dänischen Kernstaat ein. Die nationalliberale dänische Regierung will ihr nach dem Kieler Frieden von 1814 geschrumpftes Reich stabilisieren. Die Verfassung soll für Dänemark und Schleswig gemeinsam gelten, obwohl Dänemark nach internationalen Verträgen Schleswig nicht enger als Holstein an sich binden darf. Daraufhin setzt der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck am 1. Oktober 1863 die Bundesexekution durch, um die Rechte des Deutschen Bundes gegenüber Dänemark zu sichern. Truppen aus Österreich, Preußen, Sachsen und Hannover besetzen am 23. Dezember 1863 die bundesangehörigen Herzogtümer Lauenburg und Holstein. Mit Blick auf Schleswig hingegen bekommt der Deutsche Bund keine gemeinsame Strategie hin. Am 1. Februar marschieren deshalb Preußen und Österreich auf eigene Faust ins massiv von dänischen Truppen besetzte Schleswig ein. Damit beginnt der zweite Schleswig-Holsteinische Krieg. Später wird er als Deutsch-Dänischer Krieg und der erste der drei Reichseinigungskriege bezeichnet.

Die ersten Schüsse des Krieges fallen in Rendsburg an der Eider: Österreichische und preußische Truppen unter Generalfeldmarschall Friedrich Graf von Wrangel überschreiten am 1. Februar 1864 um 7 Uhr den Fluss, der die Grenze zwischen Holstein und Schleswig markiert. Sie nehmen Kurs auf das Danewerk, einen gewaltigen Verteidigungswall zwischen Schlei und Treene, an dem die Dänen ihr Heer konzentriert haben . Am folgenden Tag versuchen die Preußen erfolglos und unter recht hohen Verlusten, die Schlei bei Missunde zu überqueren. Theodor Fontane hat den ersten Gefechten der preußischen Verbände in seinem Werk „Der Schleswig-Holsteinsche Krieg im Jahre 1864“ ein literarisches Denkmal gesetzt.

Er schrieb damals:

... Der Zug des preußischen Corps, wie wir wissen, ging auf Missunde. Hier sollte, um die Worte des Angriffsplanes zu wiederholen: „die feindliche Stellung geöffnet werden, während das östreichische Corps die Hauptstärke des Feindes am Dannewerk festzuhalten suchte“. Derselbe Tag (l. Februar), an dem das preußische Corps die Eider passierte, hatte, wie wir im vorigen Kapitel gesehn, auch zur Einnahme Eckernfördes geführt. Für den nächsten Tag lautete die Disposition, zwischen dem Windebyer Noor und der „Großen Breite“ Stellung zu nehmen und den Feind aus Kochendorf und Holm zu vertreiben. Dieser Disposition gemäß rückte die Avantgarde um 8 Uhr vor. Sehr bald traf Mel¬dung ein, daß der Feind Kochendorf freiwillig geräumt und seinen Rückzug auf Missunde angetreten habe. Schon um 8¾ Uhr konnte der Führer der Avantgarde dem commandirenden General Prinzen Friedrich Karl melden, daß die Tages-Aufgabe erfüllt und die Linie Kochen¬dorf-Holm im Besitz der Preußen sei. Sofort, da es noch früh am Tage war, wurde ein Vorstoß auf Missunde beschlossen. Es mußte sich zeigen, ob der Feind gewillt sei, wenigstens hinter seinen Schanzen Stand zu halten. Die nöthigen Befehle ergingen. Drei Brigaden (die beiden westphälischen und die Brigade Roeder) blieben in Reserve; die Avant¬garde und die Brigade Canstein rückten vor; schon um 10 Uhr war die Spitze der Avantgarde, Major v. Krohn vom Füsilier-Bataillon 24. Regiments, im Angesicht von Missunde. (…)

Diese schwachen Punkte liegen auf dem rechten Flügel da, wo sich passirbare Wege durch das Sumpfland ziehn und liegen für den linken Flügel da, wo die Schlei so schmal ist, daß es verhältnißmäßig leicht wird, sie auf Böten oder mittelst einer Schiffbrücke zu passiren. Solcher schmalen Stellen (wir haben es in Nachstehendem nur mit dem linken Flügel zu tun) hat die Schlei zwei oder drei: Missunde, Arnis, Cappeln. Diese drei schmalen Stellen des Meerbusens sind zugleich die drei schwachen Stellen der Vertheidigung, so lange die Kunst der Natur nicht zu Hülfe kommt. Daß die Kunst der Natur diese Hülfe leistete, versteht sich von selbst; so entstanden an den drei schwachen Stellen des linken Flügels ausgedehnte Vertheidigungswerke, Schanzen, Wälle, Brustwehren, die bei Arnis und Cappeln in ihrer Gesammt-Anlage noch Spuren der Hast und Uebereilung trugen, bei Missunde aber sich zu einem Vertheidigungssystem abrundeten, das in Plan und Ausführung, ebenso wie das der eigentlichen Dannewerkstellung, die Bewunderung der Kenner hervorrief. Die schwache Stelle bei Missunde war dadurch zu einer starken Position geworden; schon 1850 hatte sie sich als solche bewährt, seitdem hatten ihr die erweiterten Werke eine gesteigerte Widerstandskraft gegeben. (…)

Die Avantgarde, fünf Bataillone stark (drei Füsilier-Bataillone vom 24., 15. und 13. Regiment, das 1. Bataillon vom 60. Regiment und das westphälische Jäger-Bataillon) stand um 11 Uhr, innerhalb Schußweite, in Front der Schanzen. Sie nahmen eine gedeckte Stellung, etwas zurück gelegen von dem Gabelpunkt, wo von rechts und links her zwei Nebenwege (die Straßen von Weseby und von der Ornumer Mühle) in den von Cosel nach Missunde führenden Hauptweg einbiegen. Tausend Schritt vor ihnen lagen die zwei ersten Schanzen, der Schlüssel zur Stellung; jeder Angriff mußte zunächst sich gegen diese richten. Um 12 Uhr traf General Canstein mit fünf Bataillonen (drei vom 35., zwei vom 60. Regiment) auf dem rechten Flügel ein und ging bei der Ornumer Mühle, nachdem die Brücke wiederhergestellt war, über die Cosel-Au. Er nahm gedeckte Stellung und stand nunmehr, etwa in gleicher Entfernung wie die Avantgarde, den zwei großen Frontal-Schanzen gegenüber. Nur stand er in der Flanke dieser Schanzen, während die Avantgarde in Front stand.

Zwischen der Flankenstellung der Brigade Canstein und der Frontalstellung der Avantgarde läuft ein Höhenzug; auf diesem Höhenzuge fuhren 64 preußische Geschütze auf. Der rechte Flügel der Artillerie lehnte sich an die Brigade Canstein, der linke Flügel an die Avantgarde. Die gesammte Aufstellung beschrieb einen Halbkreis auf tausend Schritt Entfernung um die großen Schanzen herum. Mitten durch die Aufstellung lief der Cosel-Missunder Weg hindurch. Um 1 Uhr eröffneten die preußischen Geschütze ihr Feuer. Schon um 12½ Uhr hatten die Dänen einen Vorstoß gewagt, waren aber zurückgeworfen worden. Die im Feuer gewesenen Bataillone hatten an diesem ersten Kampfestage, an dem sich die Söhne der Väter werth geschlagen hatten, einen nicht unbeträchtlichen Verlust. Doch war er gering im Vergleich zu dem heftigen Geschützfeuer , dem sie drei Stunden lang ausgesetzt gewesen waren. Vier Officiere und 29 Mann waren todt; l65 waren verwundet, darunter 7 Officiere. Die Hauptverluste hatten das Füsilier-Bataillon vom l5. Regiment (60 Mann) und das 2. Bataillon vom 60. Regiment (40 Mann). Die 4 gefallenen Officiere waren Lieutenant Hage¬mann vom 24., Lieutenant Hammer vom 60., Lieutenant Graf v. d. Groeben vom Zietenschen Husaren-Regiment (als Ordonnanz-Officier commandirt) und Lieutenant Kipping von der 3. Artillerie-Brigade. Dem Oberstlieutenant v. François, Commandeur des Füsilier-Bataillons vom 15. Regiment, hatte, wie schon erwähnt, gleich beim Beginn des Gefechts eine Kugel die Kinnlade zerschmettert.

Wie ein elektrischer Schlag ging die Nachricht vom „Tag von Missunde“ durch ganz Deutschland. Man hatte jetzt den Beweis in Händen, daß es Ernst sei. Die Schleswiger jubelten, die Holsteiner gaben den stillen Widerstand ihrer Herzen auf. Es kam die Zeit der Gerüchte, der fliegenden Blätter, der Kriegsanekdoten, gut und schlecht. Ein frischer Geist ging durch die Nation...

Während die Preußen an der Schlei hohe Verluste erleiden, überschreiten die Österreicher die Sorge und rücken bis auf zehn Kilometer an das Danewerk heran, wo sich die Dänen verschanzt haben. Bei Ober-Selk, Jagel, am Königshügel und bei Wedelspang kommt es daraufhin am 3. Februar 1864 zu schweren Gefechten, bei denen die Dänen zurückgedrängt werden. Dabei fielen 16 Offiziere und 66 Mann der Österreicher.

Der preußisch-österreichische Plan sah vor, dass die Österreicher das Danewerk frontal angreifen sollten, während die Preußen die Schlei überschreiten, die Dänen von hinten umgehen und einschließen sollten. Nachdem der Übergang bei Missunde misslungen ist, überschreitet die preußische Armee die Schlei schließlich am 6. Februar bei Arnis und Kappeln. Der dänische Oberbefehlshaber Generalleutnant Christian Julius de Meza lässt daraufhin das Danewerk räumen, um der preußischen Umfassung zu entgehen, und zieht sich unter Preisgabe der schweren Artillerie in Richtung Flensburg zurück. Die kampflose Aufgabe des Danewerks, das in der im 19. Jahrhundert aufgekommenen dänischen „Nationalmythologie“ auf Grund seiner langen Geschichte eine erhebliche Rolle spielte, löste in Dänemark einen regelrechten Schock aus.

Die Österreicher unter General Ludwig Karl Wilhelm von Gablenz marschieren von Flensburg nordwärts, während die Preußen langsam ostwärts über die Halbinsel Sundewitt Richtung Alsensund vorrücken. Dort verschanzt sich die dänische Armee bei Düppel vor den Toren Sonderburgs. Hier kommt es schließlich am 18. April 1864 zur Entscheidungsschlacht auf den Düppeler Schanzen. Die Preußen stürmen die nach mehrwöchigem Beschuss bereits stark beschädigten Befestigungsanlagen. Nach kurzem, aber sehr heftigem Nahkampf werden die dänischen Besatzungen überwältigt, und die Angreifer dringen schließlich bis an den Alsensund vor. Die österreichischen Truppen belagern zur selben Zeit die Festung Fredericia, die schließlich ebenfalls von den dänischen Verteidigern aufgegeben wird.

Am 9. Mai können die Dänen die Seeschlacht vor Helgoland zwar siegreich gestalten, das Blatt aber nicht mehr wenden. Im Wiener Frieden vom 30. Oktober muss der dänische König seine Rechte an Schleswig an den preußischen König, seine Rechte an Holstein und Lauenburg an den Kaiser von Österreich abtreten. Bei der gemeinschaftlichen Verwaltung der drei Herzogtümer kommt es schnell zum Streit. Im Vertrag von Gastein vom 14. August 1865 erhält Preußen die Zuständigkeit für Schleswig und Lauenburg, Österreich diejenige für Holstein. 1866 besetzt Preußen Holstein. Dies wird der formale Grund für den Deutschen Krieg, in dessen Folge Preußen aus allen drei Gebieten im Norden 1867 die preußische Provinz Schleswig-Holstein bildet.

Der Deutsch-Dänische Krieg revolutionierte das Militärwesen: Es zeigte sich erstmals die strategische Bedeutung der Eisenbahn beim Transport preußischer Truppen. Die Verlegung aus Berlin hätte als Fußmarsch sonst Wochen gedauert. Und zum ersten Mal in der deutschen Kriegsgeschichte spielten Hinterlader-Kanonen mit gezogenen Läufen und Hinterlader-Gewehre eine entscheidende Rolle. Die modernen Kanonen waren in der Lage, über die Sonderburg vorgelagerte Bucht hinweg Zerstörungen an den dänischen Schanzen anzurichten.

Auch die späten Kriege zwischen Preußen und Österreich (1866) sowie Deutschland und Frankreich (1870/71) wurden entscheidend von der überlegenen Militärtechnologie Preußens beeinflusst. Am Ende stand das von Bismarck „mit Blut und Eisen“ geschmiedete Deutsche Kaiserreich und die Krönung Wilhelm I. im Spiegelsaal von Versailles. Ein Reich, das 50 Jahre nach den Gefechten in Schleswig im Feuer des 1. Weltkrieges unterging.
 

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erstellt am 26.Jan.2014 | 10:29 Uhr

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