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Online-Übernachtungsdienst : Airbnb in SH: Zu Gast bei Freunden?

vom
Aus der Onlineredaktion

Die Ferienwohnung am Strand, das Segelboot im Hafen oder ein günstiges Zimmer in der Stadt: Schleswig-Holstein ist ein Wachstumsmarkt für den Vermittlungsdienst Airbnb. Doch die Kritik an dem Konzept wächst.

shz.de von
erstellt am 16.Jun.2016 | 10:40 Uhr

Kinderbücher stehen in den Regalen und enttarnen, wer hier eigentlich wohnt, ein Klebestreifen verschließt den Kleiderschrank und hütet die Privatsphäre. Zwei Zimmer, Küche, Bad, hohe Decken, dicke Wände, modernes Mobiliar - ein Wohntraum Mitten in Kiel für 50 Euro pro Nacht.

„Don't Go there. Live there“, empfiehlt der Werbeslogan des Online-Übernachtungsdienstes Airbnb und zeigt heimelig anmutende Wohnungen in pulsierenden Großstädten. Das Motto: Fühl dich zuhause - überall. Auch, wenn es nur für eine Nacht ist.

Airbnb ist weltweit ein führendes Internetportal zur Vermittlung von Übernachtungen. 2008 gegründet, konnte Airbnb inzwischen etwa 80 Millionen Gäste verbuchen, auf der Internetseite gibt es mehr als zwei Millionen Inserate in über 191 Ländern. Auch in der Touristenhochburg Schleswig-Holstein wird das Konzept immer wichtiger.

Der Anbieter verspricht das authentische Urlaubserlebnis und setzt auf Heimatgefühle und Wohlfühlatmosphäre statt anonymer Hotels, Hostels oder Ferienwohnung. Airbnb führt seine Nutzer an Orte abseits der typischen Touristen-Hot-Spots, beschert ihnen ein Stück Echtheit und das Gefühl, Teil des Ortes zu sein. Kurzum: Airbnb gibt Urlaubern den Wohnungsschlüssel und macht sie zu Einheimischen auf Zeit. Das Konzept geht offenbar auf: Seit der Gründung 2008 haben rund 80 Millionen Gäste die Plattform genutzt.

Gut gebettet: Segelboot, Strandblick oder Wohnwagen

Was für Kurztrips in beliebten Metropolen funktioniert, gelingt auch in Schleswig-Holstein zunehmend. Im Land zwischen den Meeren gibt es laut Airbnb zurzeit über 2800 Unterkünfte. Darunter sind Häuser, einzelne Zimmer oder außergewöhnliche Unterkünfte wie Blockhütten, Schlösser, Boote oder Wohnwagen.

Übernachten direkt an der Kieler 
Förde: Ein Segelboot mit zwei Zimmern und Bad wird über Airbnb für 59 Euro pro Nacht angeboten.
Übernachten direkt an der Kieler Förde: Ein Segelboot mit zwei Zimmern und Bad wird über Airbnb für 59 Euro pro Nacht angeboten. Foto: Screenshot airbnb.de

Maritimes Flair an der Nordsee in Tönning, ein Segelboot, gemütlich, maritim im Kieler Hafen oder eine Gründerzeitpension in ruhiger, strandnaher Lage in Scharbeutz. Das Angebot ist vielseitig und trifft auf große Nachfrage. 2015 haben Gastgeber in Schleswig-Holstein über 34.000 Ankünfte verzeichnet. Die meisten Besucher kamen aus Deutschland, Dänemark und der Schweiz. Die Top-3-Destinationen im Norden sind derzeit: Lübeck, Kiel und Flensburg.

 

Dabei führt der Vermittlungsdienst seine Nutzer auch an jene Orte des Landes, wo keine Hostels und auch kein Hotels zu finden sind. Etwa nach Rügge bei Kappeln zu einem ausgebauten und ökologischen Zirkuswagen, dessen Besitzer mit Ruhe, Idylle und Entspannung werben. Bad mit Dusche, Sauna und Ruheliegen - Wellness fernab vom Vier-Sterne-Spa-Hotel.

Ein Wohnwagen inmitten der Natur: Airbnb führt Gäste an die entlegensten Orte des Landes.
Ein Wohnwagen inmitten der Natur: Airbnb führt Gäste an die entlegensten Orte des Landes. Foto: Sreenshot airbnb.de

Schleswig-Holstein ist Wachstumsmarkt

Angesichts dieser Zahlen ist man auch bei Airbnb mit dem Standort zufrieden. „Schleswig-Holstein entwickelt sich sehr positiv“, sagt Alexander Schwarz, Gerneral Manager bei Airbnb Deutschland. „Viele Gastgeber haben Airbnb für sich entdeckt und freuen sich über die neuen internationalen Gäste, die auch außerhalb der Hauptsaison in das Bundesland reisen.“ Dabei schätzten die Gäste die große Gastfreundschaft der Gastgeber - rund Dreiviertel aller Gäste hätten den Gastgebern eine Fünf-Sterne Bewertung abgegeben.

Und: Die Anzahl der Unterkünfte im Norden habe sich im vergangenen Jahr mehr als verdoppelt. „Auf der Gästeseite prognostizieren wir sogar ein Wachstum von bis zu 150 Prozent im Vergleich zum Vorjahr“, so Schwarz weiter. Dabei seien es vor allem internationale Gäste aus Asien und den USA, aber auch Europäer, die vermehrt nach Unterkünften in der Region suchen - auch außerhalb der Hauptsaison im Sommer.

Dabei bekommen Airbnb-Reisende nicht nur die typischen Eindrücke eines Touristen von den Kulturstätten des Landes, sondern lernen auch Leben und Geschichte ihrer Vermieter, der Einheimischen, kennen und damit ein Stück Landesgeschichte - unverblümt, echt und unzensiert.

 

Gerade zu Großereignissen wie Messen, Konferenzen oder Sportveranstaltungen oder Volksfesten steigt die Nachfrage bei Airbnb. Nach Angaben des Online-Dienstes verzeichnen lokale Gastgeber in Kiel und Umgebung während der Kieler Woche ein Wachstum der Gast-Ankünfte von über 120 Prozent.

Dann ein Angebot zu schaffen, wenn die Nachfrage groß ist - die Flexibilität von Airbnb ist nicht nur ein Pfund, mit dem der Dienst wuchert, sondern auch der Grund, weshalb er entstanden ist. Als im Herbst 2007 alle Hotels in San Francisco wegen eines Designer-Forums ausgebucht waren, blies das Gründer-Trio Joe Gebbia, Brian Chesky und Nathan Blecharczyk Luftmatratzen auf und bot sie im Netz an. Airbnb - Airbedandbreakfast, was so viel wie „Luftmatratze und Frühstück“ bedeutet - war geboren. Aus der Notlösung wurde eines der am schnellsten wachsenden Internetunternehmen der vergangenen Jahre.

Die Kritik wächst

Doch während der Airbnb-Markt in Schleswig-Holstein nach Angaben des Dienstes floriert, ist der Markt in Großstädten wie Berlin, Köln oder Frankfurt rückläufig. Der Grund: Zuletzt hagelte es Kritik. Die Ökonomie des Teilens, wie sie Airbnb praktiziert, sei zu kapitalistisch, zu kommerziell und zu weit weg vom Sharing-Gedanken à la Couchsurfing oder BeWelcome.

„Die Übernachtungspreise bei Airbnb liegen im Vergleich zum klassischen Hotel oft bei knapp der Hälfte“, kritisierte der Landes-Geschäftsführer des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga), Stefan Scholtis jüngst gegenüber dem sh:z. „Die Hotels müssen zahlreiche Auflagen erfüllen – von Hygieneanforderungen über Gewerbeanmeldungen bis zum Zahlen von Steuern. Doch wer eine Unterkunft über Airbnb anbietet, muss das nicht. Das ist Wettbewerbsverzerrung. Der Gast bekommt in etwa das Gleiche, aber die Spielregeln sind überhaupt nicht gleich.“

Neben deutschen Hotelverbänden machen auch viele Großstädte Front gegen den Übernachtungsdienst. Aus Sicht der Städte schüren Internetseiten wie Airbnb und deren Nutzer, dass Wohnraum in Feriendomizilen zweckentfremdet und so die ohnehin angespannte Lage auf dem Wohnungsmarkt zusätzlich verschärft wird. Frei nach Hans Magnus Enzensberger: „Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet.“

In Berlin wurde reagiert. Die Stadt hat im Mai 2016 endgültig ein gesetzliches Zweckentfremdungsverbot geschaffen und damit eines er ersten Urteile, die sich in Deutschland so grundsätzlich um ein Ferienwohnungsverbot drehen, gefällt. Es könnte wegweisend sein für Städte wie Hamburg, München, Freiburg oder Köln, wo Wohnungen ebenfalls nicht mehr ohne Weiteres an Touristen vermietet werden dürfen. Für Vermittlungsportale wie Airbnb kann diese Entscheidung mit Konsequenzen einhergehen.

Wogegen haben sich die Anbieter von Ferienwohnungen genau gewehrt?

Gegen das Berliner Zweckentfremdungsverbotsgesetz. Das verbietet spekulativen Wohnungsleerstand, Abriss, die Umwandlung von Wohnungen in Büro- oder Gewerberäume und eben die Nutzung als Ferienwohnung.

Ein Zimmer der selbst bewohnten Wohnung an Touristen zu vermieten, ist erlaubt - dauerhaft die ganze Wohnung anzubieten aber nicht.

Warum macht Berlin das?

In der Hauptstadt sind bezahlbare Wohnungen knapp. Da soll der wenige Platz nicht auch noch von Touristen blockiert werden. „Wir müssen die Menschen vor steigenden Mieten, vor Verdrängung aus ihren Quartieren und vor Obdachlosigkeit schützen“, sagte Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD) der Deutschen Presse-Agentur Anfang Juni 2016.

Der Senat geht davon aus, dass bis zu 10.000 Wohnungen bei Portalen wie Wimdu, Airbnb und 9flats registriert sind. Das wären fast so viele wie in ganz Berlin pro Jahr gebaut werden - Wohnraum für 20.000 Menschen.

Schadet Berlin durch das Verbot nicht dem Tourismus?

Das sehen Senat und Vermieter unterschiedlich. Die Landesregierung verweist auf die Kapazitäten der zahlreichen Hotels und Hostels, wo auch die Ferienwohnungstouristen noch unterkommen könnten. Vermieter dagegen berichten von Familien, die ihren Urlaub absagten, weil sie statt der Ferienwohnung nur Hotelzimmer bekommen konnten. In Umfragen hätten 40 Prozent der Gäste angegeben, ohne Ferienwohnung wären sie erst gar nicht nach Berlin gereist, sagt Wimdu-Anwalt Peter Vida.

Welche Argumente hatten die Vermieter gegen das Verbot?

Ihre Anwälte argumentierten, es verstoße gegen das Eigentumsrecht der Immobilienbesitzer und beschränke bei gewerblichen Anbietern die Berufsfreiheit. Viele Anbieter sehen ihre Erwerbsgrundlage gefährdet, weil sie für die Ferienwohnung hohe Kredite aufgenommen haben.

Außerdem fühlen sie sich gegenüber Ärzten und Rechtsanwälten benachteiligt, deren Praxen und Kanzleien Bestandsschutz bekommen.

Was sagen die Richter dazu?

Sie haben alle Kritikpunkte als unbegründet abgewiesen. Ferienwohnungen dürfe es ja weiter geben - nur nicht in Wohnhäusern. Die Berufsfreiheit sei also nicht angegriffen. Außerdem gebe es deutliche Unterschiede zwischen Ferienwohnungen und Praxen, Kanzleien oder Räumen für Tagesmütter, die Bestandschutz haben.

Kann das Gesetz den Wohnungsengpass denn lösen?

Allein sicher nicht. Denn die Ferienwohnungen machen nicht einmal ein Prozent des Berliner Mietwohnungsmarkts aus. Der Senat rechnet damit, dass nur wenige tausend Wohnungen jetzt zusätzlich vermietet werden.

Das war auch ein Hauptargument der Kläger. Die Richter halten das Gesetz trotzdem für gerechtfertigt und verhältnismäßig, weil dadurch immerhin etwas Wohnraum für die Berliner zurückgewonnen werde.

Was machen die Vermieter jetzt?

Sie gehen in Berufung - und hoffen, dass ihre Wohnungen solange ohne Bußgelder geduldet werden. Doch sie sagen auch: „Wir werden riesige Schwierigkeiten haben zu überleben.“ Viele Arbeitsplätze stünden auf dem Spiel, nicht nur bei den Betreibern, sondern etwa auch bei Reinigungsfirmen, sagt la Barré. Alles, was sie aufgebaut hätten, stehe auf dem Spiel, betonte er den Tränen nah. „Das ist eine Katastrophe.“

Was passiert, wenn sich ein Vermieter nicht an das Gesetz hält?

Er muss Bußgelder bis zu 100.000 Euro pro Wohnung befürchten - je nachdem, wie viel er mit der Ferienwohnung einnimmt. Allerdings kommen die Bezirke mit den Kontrollen bislang überhaupt nicht hinterher. Sie hätten noch zu viele Anträge auf Ausnahmegenehmigungen abzuarbeiten, berichtet Stephan von Dassel (Grüne), Bezirksstadtrat von Berlin-Mitte. Später im Sommer sollten sich die Anbieter auf deutlich mehr spontane Hausbesuche gefasst machen.

Wer dramatische wirtschaftliche Auswirkungen nachweise, könne aber auf Ausnahmegenehmigungen hoffen. Aufgespürt werden die illegalen Ferienwohnungen übrigens unter anderem über eine Art Spitzel-Internetseite, auf der Nachbarn sie anonym anschwärzen können.

Mit Material von dpa

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