Pilotprojekt : Ärztemangel in SH: Vom Kriegs- zum Landarzt

Training für den Alltag: Alaboud Houssam untersucht „Patientin“ Karolin Hahn, Dozent Gunter Behrend (l.) und die Teilnehmer des Kurses „LandärztInnen Nord“ schauen zu.
Training für den Alltag: Alaboud Houssam untersucht „Patientin“ Karolin Hahn, Dozent Gunter Behrend (l.) und die Teilnehmer des Kurses „LandärztInnen Nord“ schauen zu.

In einem einzigartigen Projekt werden ausländische Mediziner auf den Alltag in deutschen Praxen vorbereitet, um den Ärztemangel zu bekämpfen.

Kay Müller von
06. August 2017, 18:18 Uhr

Lübeck | Karolin Hahn ist krank. Sie hat es im Rücken. „Ich kann mich kaum bewegen, Sie müssen mir eine Spritze geben“, sagt sie zu Alaboud Houssam. Der überlegt kurz. „Ich möchte Sie aber erstmal untersuchen – das mit der Spritze klären wir später“, antwortet der Mediziner.

Souverän berät der 32-jährige Syrer seine Patientin, die ihre Leiden sehr gut spielt. Denn Houssam nimmt an dem laut den Organisatoren bundesweit einzigartigen Pilotprojekt „LandärztInnen Nord“ teil, in dem Mediziner aus Nicht-EU-Ländern beigebracht wird, wie es deutschen Arztpraxen zugeht. Sie sollen so begeistert werden, für die Arbeit in einer Landarztpraxis in Schleswig-Holstein. Denn seit Jahren herrscht dort Fachkräftemangel – vor allem an der Westküste.

„Das besondere ist die Kombination, die es so das erste Mal gibt“, sagt Farzaneh Vagdy-Voß vom IQ-Netzwerk Schleswig-Holstein, die sich für die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund auf dem Arbeitsmarkt einsetzt. Das mit mehreren hunderttausend Euro ausgestattete Projekt wird aus Bundes- und EU-Mitteln finanziert und läuft bis Ende 2018.

„Es ist im engeren Sinn kein Vorbereitungskursus, um in Deutschland die Zulassung als Arzt zu erlangen“, sagt Professor Dr. Jost Steinhäuser, vom Institut für Allgemeinmedizin der Uni Lübeck, der das Projekt in Kooperation mit der Ärztekammer betreut. „Es ist didaktisch so konzipiert, dass die Kollegen mit theoretischen und praktischen Herausforderungen konfrontiert werden, die im Alltag als Arzt an sie gestellt werden.“ Steinhäuser hat schon Anfragen aus anderen Bundesländern zu dem Modellprojekt. Er schätzt, dass allein in Schleswig-Holstein rund 100 Ärzte dafür in Frage kommen könnten. „Wir sehen in diesem Projekt eine weitere Strategie gegen den zunehmenden Ärztemangel im Norden“, so Steinhäuser.

Die Teilnehmer bringen unterschiedliche Voraussetzungen mit

Mindestens 40 Prozent der ambulanten Versorgung werde durch Allgemeinmediziner geleistet, sagt Dr. Carsten Leffmann. Das Interesse der Teilnehmer, auf dem Land zu praktizieren sei groß, so der Geschäftsführer der Ärztekammer Schleswig-Holstein weiter – der allerdings eines deutlich macht: „Wir zwingen keinen Kollegen, später auf dem Land zu arbeiten.“ Die Herausforderung sei, dass die neun Teilnehmer aus acht Ländern unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen. „Manche sind gerade mit dem Studium fertig, manche haben schon länger als Arzt gearbeitet, andere haben schon eine abgeschlossene Facharztausbildung.“ In dem praxisnahen 14-tägigen Kursus sollen die Teilnehmer nun lernen, wie man deutschen Patienten gegenübertritt.

Das fällt nicht allen leicht. Francisco Ovalle ist vor sechs Monaten aus der Dominikanischen Republik nach Deutschland gekommen. In seiner Heimat habe er ein Jahr lang Patienten behandelt, nun in einer deutschen Klinik hospitiert. „Ich wohne in Niebüll und kann mir gut vorstellen, in Nordfriesland als Hausarzt zu arbeiten“, sagt der 32-Jährige in schon erstaunlich gutem Deutsch. In seiner Heimat gelte alles als gut, was aus Deutschland komme, er sei hier um zu lernen.

Ovalle hat Geld gespart, und hofft, dass es zum Leben reicht, bis er „hoffentlich nächstes Jahr“ seine Zulassung als Arzt in Schleswig-Holstein bekommt. „In der Dominikanischen Republik ist ein Arzt auch immer ein bisschen ein Freund, das ist hier anders“, sagt er, als ihn Dozent Gunter Behrend in sein erstes Rollenspiel mit Karolin Hahn schickt. Vorsichtig fragt Ovalle, was sie für Probleme hat, erkennt vielleicht ein bisschen spät, dass die Patientin Angst hat, in der nächsten Nacht an einem Schlaganfall zu sterben. Dennoch sind seine Diagnose und sein Therapieansatz richtig. Behrend spricht das offen an, lobt Ovalle. „Werden Sie mutiger. Gewinnen Sie das Vertrauen Ihrer Patienten. Sie sind der Profi, Sie sind der Arzt, Sie haben Verantwortung. Der Patient muss das spüren“, sagt Behrend.

Vom Unfallchirurg im Kriegsgebiet zum Landarzt in Schlewsig-Holstein?

Alaboud Houssam bekommt das schon besser hin, obwohl er bislang in seiner ärztlichen Laufbahn wenig Zeit hatte, für Gespräche. 2010 hat der Syrer, der aus Aleppo stammt, sein Examen gemacht. Dann kam der Bürgerkrieg. „Ich habe als Unfallchirurg gearbeitet“, sagt Houssam. Und dann: „Man kann eher sagen: als Kriegsarzt.“ Seit zweieinhalb Jahren ist er in Lübeck, seit April ist auch seine Frau, die gelernte Apothekerin ist, bei ihm. „Sie versucht auch, dass ihr Berufsabschluss anerkannt wird“, sagt Houssam. Ein Leben in einer Landarztpraxis in Schleswig-Holstein kann er sich vorstellen. „Das ist eine gute Chance für mich“, sagt der Mediziner, der fließend deutsch spricht. Nächsten Monat will er die Prüfung für die staatliche Zulassung als Arzt in Deutschland machen. „Da wird auch kontrolliert, wie man als Arzt mit den Patienten umgeht“, sagt Houssam. Er macht seine Sache gut, schickt seine Patientin mit Tabletten statt einer Spritze nach Hause. „Denn die würde in Ihrem Fall keinen Sinn machen“, sagt der Arzt.

„Ich habe mich gut aufgehoben gefühlt“, sagt „Patientin“ Karolin Hahn, die im wirklichen Leben wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Lübeck ist. „Sie haben das großartig gemacht“, lobt sie, „weil Sie meinen Wunsch verstanden, aber trotzdem Ihren Plan durchgezogen haben.“

Dozent Gunter Behrend hat nicht viel auszusetzen. „So wie Karo sind viele unserer Patienten in Deutschland“, sagt der Mediziner, der seit zwölf Jahren als Hausarzt in Kiel praktiziert. „Ich hatte neulich einen ähnlichen Fall – und ich habe das genau so gemacht wie Sie.“

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